Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (16.1.1933)
- Date
- 1933-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2825247-2825330-2825331--0686-2826312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Jüdische Schulzeitung 'JiumiiK; umgebenden Menschen, hat von allem Anfang den Wunsch, es ' ihnen nachzutun, um gleich ihnen zu werden oder ihnen einst gleichwertig zu sein. Es erfährt auf die verschiedenste Art, durch . Wort und Tat, Lohn und Strafe, was es dazu zu tun hat. Das heißt: Hat das Ich etwas getan, oder besser: das Es etwas tun lassen, was der Umgebung -aus irgendeinem Grunde willkommen ist, so reagiert die Umgebung mit einem Lohn in Form der Gewährung eines Lustgefühls (Kuß,Liebkofung.Lob,Aufmunterung. Geschenk usw.); im entgegengesetzten Fall mit Zufügung eines Unlustgefühls oder Leides (Tadel, Mißachtung, Mißhandlung, Freiheitsbeschränkung oder -Entziehung). Ein Trieb des Es kann nun auf dem Wege zur Erfüllung, d. h. seinem Individuum ein ersehntes Lustgefühl zu verschaffen, auf das bewußte Ich desselben Individuums treffen, das schon gelernt hat, wie die Erlangung jener triebentstammten Lust unter Umständen zugleich eine Unlust einträgt, die aus dem Versagen von Lusterfahrungen durch die Umwelt, d. h. aus einer Einbuße an Liebe (Zuneigung, Anerkennung) bei der Umgebung entsteht. Ist die zu erwartende Unlust (Einbuße an Lust) bedeutender als die ursprünglich in Aussicht stehende Lust, so verbietet sich nach genügender Erfahrung mit dem triebhaften Begehren das überschüssige Unlustgefühl. Das Begehren wird zurückgedrängt und ins Unbewußte ' hinabgestoßen, wo es zunächft ruht, als wäre es nie gewesen. Das ist, in ganz einfachen Linien, die Situation der Verdrängung. Damit nun der an Stelle befürchteter Lust-Einbuße erlangte Lust-Gewinn dem Ich erhalten bleibt, halten die Motive, die. s. Z. die Entscheidung herbeisührten, also gesellschaftsfördernde, d. h. sittliche, an der Schwelle des Bewußtseins Wache, damit das Verdrängte in seinem dunklen Gefängnis bleibe. Diese Motive siegen auch, wenn sie von einer später kommenden unsittlichen Triebregung (Versuchung) angegriffen werden, und zwar um so unbedingter, je unbedingter das Ich diese Motive als für sich verbindlich auch wirklich anerkannt hat. Die Quelle aber all der Motive sind all die urteilenden Instanzen, von denen das werdende und gewordene Ich dauernd umgeben ist, und die aus unzähligen positiven und negativen Einzelheiten allmählich das Bild eines Ich vor ihm erstehen lassen, wie es bei Vermeidung aller gesellschaftsschädigenden Strebungen und Züge wäre oder würde: das Ueber-Jch oder das-Jch-Jdeal. Ihm will das Ich gleich werden: das ist die Tendenz der Verdrängung. Sobald nun die zensurierenden Instanzen an Wachsamkeit oder Kraft aus irgendeinem Grunde verlieren, können die verdrängten Gedanken und Wünsche, die von den bewußten ja gänzlich verschieden oder ihnen entgegengesetzt sind, zur Ueberraschung das Ich wieder zum Vorschein kommen und in Aktion treten. Solche hauptsächlichen Gelegenheiten sind der Traum und der mit ihm verwandte Rausch; die wache, besonders die plötzliche Erregung und, umgekehrt, eine starke Abspannung. Wollen wir verstehen, worin das Typische des Traums besteht, so versuchen wir vielleicht am besten, einen der zahlreichen biblischen Träume psychoanalytisch zu deuten. Jakob muß aus dem Vaterhaus fliehen, nachdem er zweimal vergebens versucht hat, sich auf unredliche oder mindestens nicht einwandfreie Weife das Erftgeburtsrecht zu sichern, und nun in'Todesgefahr gekommen ist. In seinem Bewußtsein entschlägt er sich des scheinbar unerfüllbaren Wunsches, vielleicht schon in der Erkenntnis begangenen Unrechts. Wir wissen, wie er nach seinem berühmten Traum von der Himmelsleiter sich mit Brot zum Essen, Kleidung zum Anziehen und einstiger friedlicher Rückkehr ins Vaterhaus begnügt. Im Traum selbst aber steigt seine begrabene Hoffnung majestätisch aus ihrem Grab. Gott selbst als höchste aller zensu- - rierenden Instanzen-spricht Jakobs unbewußt gewordene Wünsche als seinen Willen und seine Verheißung aus. Jakobs Wunsch ist erfüllt, indem er,' der von den (irdischen) Zensur- Instanzen verworfene, von diesem Verdikt freiwird. Die oberste Instanz hat die unteren desavouiert. Jakob ist mit Recht r,. schrocken, und mit Recht läßt er, wachgeworden, die erworben Kraft der Zensur wieder walten. (Wie schwer ihm das wird, ur> daß ihm das nicht vollkommen gelingt, zeigt übrigens die hiibi^ Bemerkung, die gewissermaßen als unmotiviertes Anhang zum Gelübde erscheint: „... und alles, was du mir" — näinli; über Esten, Kleidung und friedliche Rückkehr hinaus, was j: alles nicht oerzehntbar ist — „geben wirst, will ich dir v«. zehnten".) Aehnlich diesem „Wunschtraum" ist der des von der Sonne, dem Mond und den 11 Sternen, den der Pa!« nur halb versteht, Der Traum ist nicht, wie Jakob meint unsinnig. Er zeigt Josefs Trauer um die Mutter, deren Ech geborener und Stolz er war, die nicht geduldet hätte, daß ch Prinz mit den Söhnen der Kebsweiber aufgezogen wird. $j* Mutter, die einzige Persönlichkeit, die nach Josefs Meinun; etwas Höheres in ihm gesehen hat, läßt er in seinem Traus erleben, wie auch der Vater, der ihn wohl v e r zieht, aber schützt noch erzieht, und die Brüder, die ihn hassen, ihn eh«: müssen. Ein A n g st t r a u m , d. h. ein Wunschtraum, Erfüllung als asozial erkannt wird und darum Strafe nach ft ziehen muß, ist der Traum des Mundbäckers. Wir dürfen u« nicht davon irre machen lasten, daß die Vögel das BackwrL stehlen: es sind des Bäckers flatternde, aufgeregte Hände jelifj, und es hat einfach eine Uebertragung der Tat von der Perft des Träumers auf eine andere stattgefunden, wie beim erwählten Jakobstraum; dort zum Zweck stärkerer Bejahung obn Bestätigung, hier zum Zweck der Straf-Abwendung, der Turverneinung — wir würden, einen wachen Zustand voraussetzeü. sagen: als Entschuldigung (Ent-schuldung) oder Ausrede. Vom Rausch wissen wir alle, daß er allmählich die Selb? beherrschung, d. h. die Zensur-Instanzen lähmt, in demselbn Maße nämlich, in dem das Selbstbewußtfein an Deutlichkeit m liert. Dann wird etwa aus einem höflichen Menschen ein brubler, aus einem ernsten und gesetzten ein von Witz überfliegend^ aus einem sexuell zurückhaltenden oder prüden eine einzige gei!r Zote; einem immer fröhlichen Bajazzo entkriecht ein zutiefst u» glücklicher, sich ewig bedroht, mißhandelt, in seinen heiligft: Empfindungen gekränkt fühlender Misanthrop. „Der Mi: erfindet nichts, er fchwatzts nur aus (Jsolani in „Die Piccolr mini"). Wenn die meisten Dichter einen guten Tropfen p schätzen wußten und wissen, so aus der Erfahrung heraus, d:i die Zensur gelockert und das Unbewußte, das zutiefst Menschlih in ihnen ent-bunden werden müsse, damit ihnen in der Dichtu:: gelinge, das zu tun, was sie in Wirklichkeit, im Besitz ihm zensurierenden Kräfte, verabscheuen oder zu tun fürchten. D zeigt sich eine bemerkenswerte Beziehung zwischen dem Rausg künstlerischen Schaffens und seiner Befreiung durch alkoholisy Zensurschwächung. E. Th. A. Hoffmann, korrekter Beamter ia Wach-Zustand, zeigt berauscht, eine abgründige Phantasie a!; Erzähler aber auch als Zeichner und Tondichter. Von G. 1 Bürger, Otto' Erich Hartleben wissen wir ähnliches. Goethr, der Verfasser zahlreicher Trinklieder, der den Rausch wohl kennt, ruft (im West-östlichen Divan) dem zechenden Hatem zu: „Allcweißt du, was der Himmel, alles, was die Erde trägt, und verbirgst nicht das Gewimmel, wie sichs dir im Busen regt", fr spricht «auch die Meinung aus, Shakespeare, der ein arger Trinler war, habe „Richard HI" schaffen müssen, um nicht selbst einer Mord zu begehen. Mord, Unzucht, Verrat sind alltägliche Folger eines Rauschzustandes. Besonders kraß zeigt sich das Versager der Zensur bei betrunkenen Frauen, weil ja die Frau durch dir — männliche — Gesellschaftsordnung und die durch sie geschastene Sitte, aber auch durch gewisse natürliche Bedingungen zur besonders strengen Zensurierung ihres „Es" gezwungen ist. Wahlscheinlich rührt daher ebenso wie ihre Lust zum Schauspiel audl der Abscheu der allermeisten Frauen vor starkem Alkoholgench Er läßt sie nämlich aufhören, den Männern Rätsel zu fein!