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Jüdische Schulzeitung · 1933-01-16 · 1 (16.1.1933) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
1 (16.1.1933)
Date
1933-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nummer 1 Monalsschrifl für Pädagogik und Schulpolitik Hoxairögeaebeir vom „Neichsverband der jüdischen Lehrervereme" v. Jahrgang Die„Jüd.SchttIzeltttng" erscheint um den 15. eines ledenMonalsundwird allen Nilgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrer, vereine" angejchlosscnen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nichtmitgliedcr: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg» 16. Januar 1933 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Leßmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt.Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 $ für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. JnhaltdieserN ummer: Psychoanalyse im Neligiousunterricht, von S. Lilienthal. „Der Talmud. Sein Werden, sein Wesen, sein Wert", von Dr. I. Lainberger. Manuel IoLl über Spinoza, von M. Joses Grozinger. Literarisches. Bei der Schristleitung eingegangene Bücher. Notizen. Briefkasten. Psychoanalyse im Neligions- Unterricht?") Von S. Lilienthal-Wiesbaden. (Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer.im ehemaligen Herzogtum Nassau am 20. Mai 1932 im Hotel „Preußischer Hof" in Limburg a. L.) Fast genau 61/, Jahre sind vergangen, seit ich am 18. November 1025 bei der Jubiläumstagung des Vereins jüdischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau in Wiesbaden die Ehre hatte, zu Ihnen über das Thema „Väter und Söhne" zu sprechen und damit zum ersten Mal in einer Konferenz jüdischer Lehrer ein psychoanalytisches Gebiet zu behandeln, das man füglich das zentrale- Ausgangsgebiet psychoanalytischer Erkenntnisse und darum auch psychoanalytischer Tätigkeit nennen kann: den sogenannten Oedipus-Komplex. Ich habe damals beabsichtigt, Sie ans die Bedeutung dieses Komplexes für das Leben der Gemeinschaft und des Einzelnen aufmerksam zu machen, seine geschichteschassende Wirkung anzudeuten und damit.Sie anzuregen, Ihr Interesse und Ihre verfügbare Zeit der jungen psychoanalytischen Wissenschaft zu widmen, um sie zunächst einmal ganz allgemein Ihrer Welt- und Menschenkenntnis nutzbar zu machen. Daß das Gewonnene dann auch dem Unterricht zugute kommen mußte, war mir klar. Aber schon damals, unmittelbar nach dem Vortrag verlangte eine bedeutende Gruppe unter den Hörern einen weiteren Vortrag, in dem das Fazit des ersten hinsichtlich seiner praktischen Folgerungen für den Religionsunterricht gezogen werden sollte. — Wenn ich nun nach verhältnismäßig langer Zeit meine Ihnen damals gegebene Zusage einlöse, so muß ich doch vorausschicken, daß unter den heute hier anwesenden Kollegen ein Literatur:*) Siegmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. — Die Zukunst einer Illusion. — Das Ich und das Es. — Zur Psychoanalyse des Alltagslebens. — Die Frage der Laicn-Analyse. — Die Widerstände gegen die Psychoanalyse (Psychoanalytischer Almanach 1926). — Totem und Tabu. Theod. Neik: Der eigene und der fremde Gott. —Das Ritual. Oskar Pfister: Neligiouswissenfchaft und Psychoanalyse.— Die Psychoanalyse im Dienste der Erziehung. . Karl Abraham: Der Versöhnungstag. Aug. Aichhorn: Die Psychoanalyse ln der Fürsorge-Erziehung (Psychoanalytischer Almanach 1920). Hans Lubinski: Zwei Jahre Erziehungsarbeit in Wolzig („Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik", 1932, Heft 4). Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters. Siegfr. Bernfeld: Syfiphos oder: Die Grenzen der Erziehung. erheblicher Prozentsatz ist, der jenen Vortrag „Väter und Söhne" nicht gehört hat, daß aber auch die Kenntnis des Vater-Sohn- Komplexes allein Sie noch nicht in den Stand setzt, über die Notwendigkeit psychoanalytischer Kenntnisse oder Maßnahmen für den Religionsunterricht auch nur zu u r t e i l e n, geschweige denn sie dort wirksam werden zu lassen. Vielmehr ist, wer hier ein Urteil gewinnen will, gezwungen, sich mit den Grundlagen der psychoanalytischen Wissenschaft und mit ihrer Art die Lobensvorgänge zu deuten, eingehend zu befassen und, was sehr wichtig ist, die gewonnene Erkenntnis noch nicht gleichzufetzen der Fähigkeit, sie praktisch zu betätigen. Wenn ich also für diesen Vortrag den mir vorgeschlagenen Titel „Psychoanalyse im Religionsunterricht" wählte, ihn aber mit einem Fragezeichen versah, so daß er also lautete: „Psychoanalyse im Religionsunterricht?", so wollte ich damit, unbeschadet meiner persönlich bejahenden Stellung zu dieser Frage auch ihre Problematik zum Ausdruck bringen; ich mußte michentschließen, im ersten Teil des Vortrags so kurz wie möglich, aber so viel wie unbedingt nötig von der Psychoanalyse selbst zu sprechen, und mußte, was ich jetzt tue, Sie davor warnen, mit den Kenntnissen, die Sie etwa hier erwerben, „Psychoanalyse im Religionsunterricht" ablehnen oder treiben zu wollen. Hier gibt nur eigene Arbeit und Erkenntnis die Erlösung aus dem Zweifel: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Lösung, Auflösung eines scheinbar einheitlichen, ganzen Seelenlebens in seine Bestandteile, schließlich Erlösung der Seele aus unheilvoller Verstrickung, durch Erkenntnis und Tat, bedeutet das Wort „Psychoanalyse", das aus den Wörtern Psycho Seele und Analysis, d. h. Auslösung und Erlösung, besteht, und das schon in seinem Namen, wie Sie sehen, die theoretische Erkenntnis und die aus ihr zu folgernde heilende, heilbringende Tat umfaßt. Ihr Gegensatz zur üblichen Psychologie besteht kurz darin, daß diese als seelische Vorgänge nur bewußte gelten läßt: Vorstellung, Anschauung, Erinnerung, Vergleich, Schluß, Gedanken - Verbindung oder Assoziation, Gedanken - Verknüpfung oder Apperzeption, Empfindung, Phantasie, Wunsch usw. Die Psychoanalyse aber geht davon aus, daß der weitaus größte Teil unserer Gedanken. Empfindungen, Wünsche — zu denen natürlich auch die negativen Wünsche, d. s. Befürchtungen, gehören — unter der Schwelle des Bewußtseins liegen. Sie sind dorthin aus dem Bewußtsein verdrängt worden, weil sie als asozial, d. h. als der menschlichen Gesellschaft nicht nützlich oder als ihr schädlich gelten. Nach Siegmund- Freud, dem genialen Begründer, der Psychoanalyse, und zwar nach seinem Büchlein „Das Ich und das Es", möchte ich Ihnen die Situation so darstellen: der seiner selbst unbewußte, sagen wir: kindlichste Mensch, nimmt .alles, was ihn lockt; heimlich, wenns nicht offen geht; gewaltsam,, wenns nicht friedlich geht. Er will, was ihm Lust verspricht; verabscheut,-was ihm Unlust bereitet. Ueber diesem Wesen, dem Es* wächst allmählich ein seiner selbst bewußtes, das Ich. Dieses Ich vergleicht sich mit den es

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