Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 12! Jüdische 61 Raum in dem Roman nimmt der Dreyfußprozeß ein. von der selbst Schüler der Prinzen selten etwas gehört haben.- Dabei, hat diese Affäre Frankreich in zwei politische Lager gespaltet und beinahe zu diplomatischen Verwicklungen geführt. Der Schüler vernimmt hier zum ersten Male, daß es in der französischen Armee schon feit langer Zeit jüdische Offiziere selbst, in höchsten Stellungen gegeben hat. Dabei kann ohne Scheu von den unberechtigten Vorwürfen gegen den deutschen Soldaten jüdischen Glaubens gesprochen werden (Hinweis auf jüdische Freiwillige ,z. Zt. der Freiheitskriege, auf die Eltern Düsterbergs, auf das Eedenkbuch des R. j. F. usw.) Eine ebenso schwierige, wie dankbare Aufgabe erwächst dem Lehrer in der Behandlung des „Kaufmann von Venedig". Wer sich nicht in die psychologisch interessante Gestalt des Helden vertieft hat und nicht mit den neuesten Forschungen vertraut ist, wähle lieber eine andere Lektüre. Selbstverständlich taucht die ' Frage auf, ob Shakespeare Antisemit war oder nicht. Der Nachweis. daß Shakespeare kein Antisemit im heutigen Sinne war, kann leicht erbracht werden, wenn man auf die Geschichte der Juden Englands von Eduard dem Ersten bis zu Cromwells Zeiten' eingeht. wobei besonders auf die Feststellung Wert zu legen ist. daß im fast judenreinen elisabethanischen Zeitalter eine Judenfrage nicht existierte (vergl. Helene Richter: Shakespeares' Gestalten, 1930, Marburg, Elbertsche Buchhandlung.) Die Ausgabe des Lehrers besteht darin, die tragische Gestalt des Shylok den Schülern näher zu bringen, indem er ihn nicht als Helden eines jüdischen Nationalunglücks deutet, sondern die groteske Gestaltung der Nolle betont, wie sie Shakespeare nach neueren Forschungen wohl ausgefaßt haben wollte. Walter Scotts Roman „Jvanhoe", der nunmehr auch in einer stark gekürzten Schulausgabe vorliegt (Quelle & Meyer. Leipzig, english ireasure series 35b. 27) verlangt ebenfalls ein Eingehen auf die Geschichte der Juden in England z. Zt. der Kreuzzüge. Die sympathischen Gestalten des Juden Isaak von Pork und seiner Tochter Rebecca bleiben nicht ohne nachhaltigen Eindruck auf den Schüler. Da heute kulturkundliche.Stoffe im Vordergrund stehen, hat mancher wertvolle Lesestoff zurücktreten müssen. So wird Disraelis Roman „Venetia" kaum mehr gelesen, obwohl er wegen seines einfachen und klaren Stils und seiner moralischen.Zielsetzung eine ausgezeichnete Lektüre besonders für die Oberklassen von Mädchenschulen bildet. Die Biographie des berühmten Staatsmannes, der England so glänzend auf dem Berliner Kongreß von 1878 vertrat, zeigt, daß im freien England bewährte Männer, auch wenn sie jüdischer Abstammung waren, zu den höchsten Staatsämtern emporsteigen konnten. Hinweis auf jüdische Staatsmänner und Gelehrte, die in England und in anderen Ländern eine führende Rolle spielten! Bei der Charakteristik Disraelis wird man zweckmäßig die neue Biographie von Andre Maurios zu Grunde leben. Die vorliegenden Ausführungen erheben nicht im mindesten^ einen Anspruch, auf Vollständigkeit, sie wollen nur einen kurzen Ausschnitt aus einem Fragenkomplex bieten, der uns jüdischen Lehrern besonders am Herzen liegen muß. „Exotische Juden"*) Von I. Bayer, Bingen. Mehr als je bewegt das Phänomen des Judentums die Geister und die Gemüter. Es ist kein Zufall, daß in einer Zeit schwer darniederliegenden Buchmarktes beispielsweise drei be- Esriel Ca rieb ach: Exotische Juden, Berlin, 1032. Welt-Verlag. Preis geb. 0 M. u 13 e>i t u n g . , Seite 5 deutende Werke über die jüdische Geschichte erscheinen können und jüdische Monographien wie Kasteins Bücher über Sabbatai Zwi und Uriel da Costa höchste Aufmerksamkeit erregen. Noch, mehr: die nichtjüdische Umwelt, die gutgesinnte wie die uns feindliche, veranstaltet förmliche Enqueten über die Judenfrage. Und populäre Werke über das Judentum, von kundiger jüdischer Seite herausgegeben, die lange nur als Schrankdekoration fungierten, werden wirklich wieder gelesen. .' Einerseits wird man sich freuen über das Interesse, das wir Juden heute finden, andererseits bedauern wir die Anteilnahme, denn es ist die Besorgnis, die der Gesunde entbehren kann, die man gewöhnlich dem Kranken, hier einem kranken Volkskörper entgegenbringt. Und das Bedauern wird noch verstärkt, wenn wir uns die Krankenbesucher und ihre Manieren genauer ansehen. Fast jeder besucht und begutachtet uns, lobt uns oder mäkelt an uns herum und kommt überhaupt schon mit einem fertigen Maßstab und Urteil zu uns und will nun sehen, wieweit. wir in sein feststehendes Schema passen oder nicht. Danach richtet sich nun sein Urteil. Und darum lesen wir diese Besuchsberichte alias Bücher nur mit geteilter, ich möchte sagen: mit zwangsweiser Aufmerksamkeit. Denn im Vordergründe steht jeweils eine mehr oder minder interessante Theorie. Wir kommen uns dann alle wie Versuchskaninchen vor und wer möchte das gerne sein? Darum fühlen wir eine förmliche Erlösung, ein seelischer Druck weicht von uns, wenn endlich einmal einer kornmt und nicht theor«. isiert, sondern die jüdische Welt in Bildern an uns vorüberführt, uns durchaus nicht ohne Kritik und Reflexionen, aber vielleicht erst dadurch recht scharf und deutlich zeigt, was an. Substanzen in ihr vorhanden ist. Das Buch von Esriel Carlebach zeigt eigentlich nur einen kleinen Ausschnitt, der. wenn auch nicht großen, so doch räumlich weiten jüdischen Welt. Und man könnte sagen: selbst aus diesen Sektoren jüdischen Lebens empfangen wir nur Umblicke und Einblicke, aber diese Schilderungen und Berichte sind dennoch vollkommen Querschnitte und vor allem, sie geben das Leben wirklich wieder. Und wo Theorien entwickelt werden, so sind auch sie aus dem Leben der Juden herausgenommen und nicht wie bei jenen Autoren Schemata unwissender voreingenommener Köpfe, die sich irgendein Wunschbild vom Juden ausgedacht haben, manchmal idealisiert, meistens verzerrt, niemals der Wirklichkeit entsprechend. Esriel Carlebach ist zwar selbst vollgepfropft von den weisen Erkenntnissen jüdischen Schrifttums, er ist manchmal so ein richtiger talmudischer Gedankenvoltigeur und dennoch — das macht für mich den Reiz seines echten Literatentums aus — in seiner tiefsten Wurzel untheoretisch, sondern einfach seiend, lebend, sogar quicklebendig. Darum ist es auch das pure Leben, das aus seiner Feder quillt, strömt, braust. Und fließt einmal das Bächlein dünn, so eben weil es ein spärliches Rinnsal jüdischen Lebens ist, das der Schriftsteller, der schon fast ein Dichter ist. dann eben auch nicht vergrößert darstellen darf. Die Reise führt zunächst nach Saloniki. Selbstsicher ist. der Jude.dort, d. h. noch ist er es. Das Erbe sefardischer Herkunft ist noch nicht vertan, selbst wenn es mit naivstem Orient vermischt ist. . Bei den Marokkojuden — Gottesbräute nennt sie Carlebach — trefsen wir finsterstes /Ghetto, mit allen Begleiterscheinungen. Alle Aeußerungen des Lebens werden gewissermaßen nach innen verlegt und so entsteht jener mystische Dämmerschein, in dem reinste Gefühle ebenso gedeihen wie kurioser Aberglaube. In Tunis: „Gerichtssprache ist hebräisch. Die Vollstreckungsbefehle, mit denen arabische Polizisten Läden schließen und Möbel pfänden, tragen die Daten des altjilSIschv,, Kälendyks. mehr noch: der Talmud schafft hier unerbittlich gültiges Staatsgut;,