Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825317-2825329--0678-2826304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. ' Nummer 12 Jüdische S«hulzeitu«s ist. And ebenso unterscheidet sich das Gesetz des Hammurapi von dem. biblischem Gesetz, dem es zum Teil als Vorbild gedient hat. Ich führe hier nur das vielgeschmähte „Auge um Auge, Zahn um Zahn" an. Im sumerisch-babylonischen Gesetz war hier eine Abstufung nach Ständen vorgenommen. Der eine Stand wurde härter bestraft als der andere. Das biblische Gesetz macht auch in dieser Beziehung keinen Unterschied, zwischen- Freien und Sklaven. Es will die gleiche Bestrafung aller. Aus dem Talmud wissen wir, daß das Gesetz selbst wohl niemals wörtlich aufgefaßt und danach im wörtlichen Sinn geurteilt worden ist, sondern nur in dem genannten Sinne der Gleichheit aller im Gericht. Wenn wir alles dieses, was ich bisher und besonders im letzten Teil meiner Darlegungen ausführte, überblicken, dann erkennen wir auch sofort, daß für die biblische Religion nicht zutrifft, was Freud und seine Anhänger über den Ursprung der Religion lehren. Gewiß der Australneger glaubt, daß sein Kobang, der Indianer, daß sein Totem ihn schützen wird gegen alle Gefahren und Unfälle, wenn er das betreffende Tier ehrt und vor Verfolgung und Tötung desselben sich möglichst hütet. So sind alle heidnischen Religionen der Furcht entsprungen, und die Bibel berichtet selbst, daß das israelitische Volk von ursprünglichen Eätzenoerehrern abstamme, rnvi tnvpnK nrun 1:3173 DnftK „Jenseits des Stromes wohnten eure Väter und dienten fremden Göttern." In diesem Stadium, das unser Volk aber schon sehr früh überwunden hat, wird auch für seine Gottesverehrung die Furcht vor den Raturkräften maßgebend gewesen sein. Unser Stammvater Abraham kam zur Verehrung des großen, allmächtigen und allgegenwärtigen Gottes aber nicht durch die Furcht, sondern durch die Erkenntnis, daß über allen Naturkräften eine Macht stehen müsse, die sie alle leitet. Rach Freud ist überhaupt der Gottesbegrisf das Wichtigste in der Religion. .Für andere Religionen mag das zutreffen, für das Judentum nicht. Läßt doch der Talmud Gott selbst sagen: „Mögen sie mich auch verleugnen, wenn sie nur lkreine Gebote halten!" Das wichtigste im Judentum, das soll'mit diesen Worten gesagt-werden, ist. nicht das Spintisieren und Philosophieren, nicht der ' Streit um dogmatische Begriffe, sondern die Tat! umnn nb ijtfyjörs xbx Und ich glaube, wir werden auf diese Weise ebenso schnell und ebenso sicher das Ziel erreichen, das Freud der religiös entillusionierten Menschheit weist, „daß — wie er sich ausdrückt — die Zeit kommen wird, daß die Verteilung der Güter und der übrigen menschlichen Einrichtungen maximale Lust für eine maximale Anzahl erzeugen werde." Wir Juden nennen diese Zeit im biblischen Hebräisch wwon m»-»* . Blich deucht, der Vogel hat Humor!" sagt Wilhelm Busch. Mich deucht. Sigmund Freud hat inehr religiöses Gefühl, als er selbst weiß. Vielleicht wäre es gut. wenn er sich selbst in dieser Hinsicht einmal psychoanalytisch genau untersuchen ließe! Ich wollte und konnte im Rahmen meines Vortrages kein vollständiges Bild zeichnen von dem großen Fragenkomplex, den ich angeschnitten habe. Ueber jedes einzelne der gestreiften Gebiete könnte man. nicht nur einen Vortrag, sondern einen, großen Vortragszyklus halten: Bibel und Revolution, bzw. Sozialismus, Kommunismus; Bibel und Naturwissenschaft, Bibel und Altertumsforschung, Bibel und Psycho-Analyse. Und auch dann bliebe noch so manche Frage unerörtert und ungelöst. 'Mein Vortrag soll nicht Stoff vermitteln, sondern anregen zur Beschäftigung mit den Problemen, die heute jeden Menschen erfüllend Den Stoff muß sich jeder Kollege selbst erarbeiten. Die jüdischen und auch nichtjüdischen Bibliotheken der größeren Städte enthalten genügend Werke, die dieses Gebiet zum Inhalt haben. Sie stellen ihre Bücher auch dem im entlegensten Dörfchen wohnenden Interessenten gerne zur Verfügung. Nur dann, wenn wir Lehrer selbst die wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse aufmerksam verfolgen, können wir unseren Schülern Führer sein zu einer starken jüdischen Weltanschauung! . Jüdische Fragen im neusprachlichen Unterricht! Von Studienrat M. Simon, Tilsit. Die neusprachlichen Fächer bieten vortreffliche Gelegenheit, auf jüdische Fragen einzugehen, allerdings nicht in dem Maße, wie die deutfch-kundliche Fachgruppe. Indem wir den Nahmen des Arbeitsunterrichts so weit spannen, kommen wir auch einer Hauptforderung der Richtlinien entgegen. Es wird sich daher verlohnen, solche Stoffe aufzitzeigen. An ihnen kann gleichzeitig der Nachweis erbracht werden, daß der jüdische Lehrer an einer paritätischen höheren Lehranstalt besonders berufen ist, aufklürend zu wirken und somit eine hohe Aufgabe im Dienste für Deutschtum und Judentum erfüllt. Daß diese Belehrung keine leichte Aufgabe ist und großen pädagogischen Takt erfordert, sei vorangestellt. Von vornherein muß betont worden, daß jede an den Haaren herbeigezogene Aufklärung der jüdischen Sache nur schaden kann. Es ist nicht Sache des jüdischen Lehrers, für jüdische Belange Propaganda zu treiben, im Gegenteil weise Zurückhaltung sei empfohlen. Andererseits ist es sein gutes Recht, gegebenenfalls aufklärend zu wirken. Bei der politischen Einstellung des größten Teils unserer christlichen Jugend muß man sich natürlich auch aus Enttäuschungen gefaßt machen. Deshalb braucht man aber noch nicht an seiner Arbeit zu verzweifeln. Die Erfahrung hat mir gezeigt, daß selbst von Klassen, die überwiegend nationalsozialistisch gesinnt sind, eine solche Belehrung dankbar begrüßt wird. Ich versuche nun in folgendem, einige Hinweise auf solche Stoffe und Gelegenheiten zu geben und anzudouten, wie sie unter dem angebenen Gesichtspunkt methodisch zu behandeln sind. Von neueren englischen Schriftstellern wird manches Lobenswerte über die Juden gesagt und im schroffen Gegensatz zu der Mentalität der jüdischen Umwelt gebracht. Ost wird betont, wie Licht und Schatten bei allen Konfessionen gleichmäßig verteilt sind. Solche Stellen sprechen für sich, ein Eingehen auf dieselben ist m. E. nicht am Platze. Ich denke z. B. an James Ioice: „A litt e cloud". Diese Novelle ist in einer Schulaufgabe bei Weidmann erschienen. Der Dichter schweigt hier von der Schönheit der jüdischen Rasse und stellt ihren Reichtum in eine Linie mit dem der Deutschen. Läßt sich auch methodisch nicht viel mit dieser Stelle ansangen, so zeigt sie doch den ausländischen Schriftsteller in einer viel freieren Geisteshaltung gegenüber jüdischen Problemen. Jones Galsworthy, der jetzige Nobelpreisträger, preist in „Indian Sommer" das hohe Menschentum und das Musikverftündnis der Juden. Ein Roman, der wegen seiner europäischen Bedeutung nicht -mehr im Unterricht der Oberklassen übergangen werden kann, ist der „Johann Christofs" des Romain Rolland. Wer die Lebensgeschichte des Dichters und sein Streben nach Gerechtigkeit kennt, wird nicht überrascht sein, in seinem umfangreichen Werke eine wahre Fundgrube für seine Beurteilung der Judenfrage zu entdecken. Im ersten Teil des Romans wird das Leben in ' einem Ghetto geschildert. Ein Eingehen auf die Geschichte der Juden im Mittelalter ist hier am Platze. Dabei kommen dem Lehrer bei seiner Vorbereitung die neueren Untersuchungen von Fritz Baer und anderen Forschern sehr zu statten. Wertvolle Dienste leistet auch die kürzlich erschienene Schrift von Oberrabbiner Dr. Altmann: Das älteste Vorkommen der Juden in Trier. ' Auch Johann Christofs betont die musikalische Veranlagung der Juden. (Fragenkreis: Die Juden in der Musik von den Zeiten der Bibel bis zur Gegenwart.) In dem Roman wird die Raffenfrage vom Standpunkt der universellen Weltanschauung des Dichters zu lösen versucht. Ein Eingehen auf diele Fragen würde zu weit führen, meist sind diese Stellen in der Schulausgabe stark gekürzt. Einen verhältnismäßig breiten