Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 12 Unstimmigkeiten ergaben, wurde der Bibel überhaupt der Wahrheitswert abgesprochen. \ Der Ruhm der Naturwissenschaft rief die Geschichtswissenschaft auf den Plan. Sie konnte nicht untätig bleiben, wo die Naturforscher so revolutionär gewirkt hatten. Der Leibarzt Ludwigs XV. Astruc — von Juden abstammend — hatte als erster damit begonnen, Vermutungen über die Quellen, deren sich Moses zur Zusammenstellung des ersten Buches Moses bedient haben könne, anzustellen. Der Eottesnamen kommt in der Bibel in zwei Formen vor: Jhwh und Elohim. An vielen Stellen steht nur der eine, an anderen nur der zweite Manie. Diese verschiedenen Stellen mutzten also, so glaubte man, von zwei verschiedenen Verfassern herrühren. Den einen nannte man den Jahvisten, den anderen den Elohisten. Aber diese Scheidung genügte noch nicht. Man fand noch den Priesterkodex, welchem nicht nur das dritte Buch Moses, sondern viele Stellen aus anderen biblischen Büchern einverleibt wurden, den Deuteronomisten und schlietzlich den Redaktor, der wohl bei der Kanonisierung alle aufzunehmenden Teile noch einmal in priesterlichem Sinne überarbeitet und in innigerem Zusammenhang gebracht hatte. Wer heute eine quellenkritisch durchgearbeitete Bibel in die Hand nimmt, kommt vor lauter P, I, E, D und R (oder auch der Vereinigung mehrerer dieser Buchstaben) überhaupt nicht' mehr zum Lesen der Bibel. Bei dieser Scheidung nach Quellen ergaben sich natürlich wieder Widersprüche innerhalb der Bibel selbst. (Durch solche scheinbaren Widersprüche war man ja erst zur Quellenscheidung gekommen.) Zwei Schöpfungsberichte und zwei Berichte von der Sintflut seien vorhanden, und beide Male widersprächen sie sich. So wenigstens glaubten die Excgeten von den verschiedenen Kapiteln der verschiedenen Erzählungen. Dasselbe, was die Bibel von Abraham erzählt (Aufenthalt in Aegypten, Verleugnung seiner Frau, Graben der Brunnen und Streit mit den Philistern), dasselbe erzählt sie auch von Isaak. Die gleichen Wunder werden Elia und Elisa nachgesagt. Und dann die Wunder überhaupt! Wie vertrügt sich eine Wundererzählung mit geschichtlicher Wahrheit? Und selbst die geschichtlichen Berichte, die in' solcher Hinsicht den wissenschaftlichen Anforderungen genügten, wurden in ihrem geschichtlichen Werte angezweiselt, weil . . . „doch ein Volk in seinen frühesten Anfängen noch gar nicht Geschichte schreiben könne, da es ja die Kunst des Schreibens noch nicht gekannt habe." Ungeheures /Aufsehen erregte es, als um die Jahrhundertwende Professor Friedrich Delitzsch in seinen berüchtigten „Bibel und Babe!"- . Vorträgen die ganze Bibel als „große Täuschung" hinstellte. Die Ausgrabungen der Afsyrologen hätten erwiesen, daß alles, was die Welt auf Grund der. Bibel bisher als israelitisch-jüdisches Kulturgut angesehen habe, in Wirklichkeit babylonischen Ursprungs und die Bibel also nur ein Plagiat sei. Zu Natur- und Geschichtswissenschaft gesellt sich nun in neuster Zeit die Psychoanalyse, die, von seelischen Gesichtspunkten ausgehend, gegen alles Religiöse, somit auch gegen die Wahrheit der Bibel ankämpft. „Der primitive Mensch — so argumentiert diese Wissenschaft — gleicht dem kleinen Kinde. Wie dieses kennt er noch nicht die Natur mit allen ihren Kräften- Nach und dach lernt er sie kennen und unterscheiden, welche ihm Gefahr bringen und welche ihm nützen. Wie das Kind in Augenblicken der Angst beim Vater Schutz und Hilfe sucht, so auch der primitive Mensch. Nur daß er sich diesen Vater erst konstruieren mutz. In seiner Furcht vor den rohen Naturkräften schafft er sich einen Gott, der ihn retten soll aus der Gefahr. So hat also nicht Gott, wie die Bibel sagt, sich den Menschen offenbart, sondern er ist ein Produkt des menschlichen Geistes. Nicht Gott hat den Menschen, sondern der Mensch hat. den Gott erschaffen." Von Elternhaus oder Schule, auch von anderer Seite her dringen die aufgezeigten Probleme auf den Menschen ein. Der eine trügt die Frage mit sich herum und sucht sich allein darüber klar zu werden, der zweite bespricht sich mit anderen und sucht, bei ihnen Behebung seiner Zweifel. Hier setzt die Arbeit des jüdischen Lehrers ein. Er mutz diese Fragen mit seinen Schülern besprechen: er mutz mit dem Rüstzeug ausgestattet sein, um alle Angriffe aus die Wahrheit der Bibel uci absurdum führen zu können,' er mutz aufzeigen, wie alle diese absprechenden Urteile auf falschen Voraussetzungen und zum Teil auf Voreingenommenheit gegen das Volt der Bibel beruhen. vni^'28^ Ywrw no 'in „Wisse was Du dem Gottesleugner zu antworten hast!" Der jüdische Lehrer soll es wissen, und er soll auch seine Schüler zu diesem Wissen führen. Was wir auf die Angriffe der Vertreter der französischen Revolution und die aller revolutionären Menschen nach ihnen zu antworten haben, habe ich schon kurz bei der geschichtlichen Ent-. Wicklung der Bibel- und Eottesseindschaft gestreift. Das Judentum — wir wollen in diesem Zusammenhang einmal den Ausdruck die Synagoge gebrauchen — hat seit zwei Jahrtausenden keine Macht mehr, steht ganz natürlicher Weise seit diesem Zeitpunkt auf seiten der Unterdrückten. Aber auch wenn wir die Zeit der israelitisch-jüdischen Autonomie, die biblische Zeit, betrachten, das heißt, wenn wir die Bibel lesen, dann leuchtet uns auf jeder Seite der Protest gegen Gewalt und Unrecht entgegen. „Es wurde nur ein Mensch erschaffen^ damit nicht die Menschen nachher zueinander sagen könnten: Mein Vater war mehr als der Deine!" Die sozialen Gesetze des Pentateuch, die Bücher der Propheten reden in dieser Hinsicht eine beredte Sprache. Pflicht des Juden ist es, in diesem Sinne zu leben! In diesem Zusammenhänge möchte ich noch einmal auf das Verhalten der Sozialdemokratie in der Schächtfrage zurückkommen. Nicht aus Judenfeindschaft, sondern aus der Erwägung heraus, daß das Judentum und seine Bräuche, wie alles Religiöse, das der Vergangenheit entstammt, veraltet und durch die Entwicklung iiber- holt ist, ist ihre Einstellung zu erklären. Der Schüchtschnitt ist ein Brauch aus alter Zeit: also kann er sich nicht mehr messen mit den Methoden, die wir modernen Menschen uns aneignen konnten. Der Glaube an die Ueberlegenheit der elektrischen > Betäubung über den Schüchtschnitt =— um nur von dem Allerneuesten zu sprechen — ist die Ursache dieser Anschauung. Hören wir, was dazu ein christlicher Tierarzt, William Waldemar Petersen, ein Düne, in seinem Buche „Das Tier im alten Testament" sagt: „Das jüdische Schlachtverfahren (Schächten), der Halsschnitt, hatte im Vergleich mit dem, was in anderen Gebieten des Morgenlandes üblich war, einen ausgeprägt humanen Charakter. Auch heute wird es von den hervorragendsten wissenschaftlichen Autoritäten selb st im Vergleich tu i t den modern st en Tötun'gsarten als durchaus human bezeichnet. Der sehr große, mit tadellos scharfem Messer, das auch ' nicht die geringste Scharte haben darf, ausgeführte Halsschnitt, gibt dem Tiere unbestreitbar einen glimpflichen Tod. Der Verdlutungstod wird von den meisten und hervorragendsten modernen Physiologen als ein ebenso schneller wie schmerzloser Tod betrachtet." (Seite 17.) Wenn wir uns mit den naturwissenschaftlichen Behauptungen auseinandersetzen, so könnten wir die Antwort geben: die Bibel ist nicht als naturwissenschaftliches Lehrbuch zu betrachten, und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse können aus diese», Grunde nicht als Beweis für oder gegen die Wahrheit der Bibel herangezogen werden. Da wird nun mancher einwenden, daß doch jedes Wort der Bibel buchstäblich wahr sei und daß an dieser Regel zweifeln an der biblischen Wahrheit überhaupt zweifeln heiße. Denen antworten wir mit den Worten Raschis. der doch gewiß nicht als Zweifler anzusehen ist. Er sagt in seine».