Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nummer ll , |_ ZlldrscheSchulzeltun^_ , _ Seite 5 Bedeutung durch diesen i pädagogischen Gesichtspunkt nicht er- Wenn der Talmud uns von, den Frommen früherer Zeiten Lefchöpft wird. Der klassische Alusdruck hierfür ist das Sch'marichtet, daß sie vor Verrichtung der Te'fillah eine Stunde wartend gebet. Es wird, eingeleitet durch die metaphysische Feststellung, verbrachten, so ist unschwer zu erkennen, daß in diesem Brauche daß - es einen einzigen (persönlichen) Gott gibt. Der nächste ebenso wie in der heute noch öfters geübten Sitte, im Gebets- Schritt ist der Hinweis auf das — religionspsychologisch zu raum vor dem Abendgebet zu „lernen" die Auswirkung einer begreifende — religiöse Erleben der Wirklichkeit Gottes: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott lieben". Der weitere Schritt liegt auf pädagogisch-psychologischem Gebiet und betrifft das für das Judentum so außerordentlich wichtige und bezeichnende Lehr-(und Lern-)gebot. Schon hier wird das unpersönliche Umwegprinzip sichtbar, da das Lehrgebot ganz allgemein an sämtliche Erziehungsberechtigten gerichtet ist und in dieser Ausdehnung des „Du" fast unpersönlichen Charakter gewinnt. Aber entscheidend ist der Zusammenhang, in dem dieses Gebot steht. Aus ihm geht hervor, daß Lehren und Lernen nicht Selbstzweck.ist, sondern, daß durch Lehren und Lernen der Rückweg gefunden werden soll über das Erleben (Lieben) Gottes zur klaren, lebenbestimmenden metaphysischen Einsicht indie Existenz und das Wesen des einzigen Gottes. Somit ergibt sich, daß das Lehr- und Lerngebot in seiner grandiosen Verallgemeinerung als Umwegpädagogik zu begreifen ist. Zur eigentlichen unpersönlichen Pädagogik führt aber erst der nächste im Sch'ma angedeutete Schritt, nämlich im Zusammenhang mit der Auszeigung der religiösen Grundlage des Judentums das Gebot, ein Zeichen an seinen Körper und außerhalb des Körpers an die Pfosten des Hauses und der Tore zu heften.- Was dies bedeuten soll, wird wiederum klar im dritten Abschnitt des Sch'magebetes ausgesprochen, in dem das Gebot der Schaufäden verordnet ist: „Ihr sollt sie ansehen und aller Gebote des Ewigen gedenken". Hieraus geht hervor, daß diese Gebote klarer religiöser Formen nicht als Selbstzweck gedacht sind, sondern als Mittel, um zum religiösen Urgrund zu führen. Sie beruhen auf dem Assoziationsprinzip: Mit ihrer Vollziehung soll assoziativ verbunden der wahre Grund des Religiösen ins Bewußtsein treten. Warum verwende^ das Judentum (und in anderer Art und Weise andere Religionen) diese assoziative Symbolik und begnügt sich nicht mit dem Versuch, soweit es möglich ist. direkt zum Erkenntnisgegenstand zu führen? Weil auf psychologischem Gebiete der gerade Weg durchaus nicht der kürzeste zu sein braucht^ ja im Gegenteil der gerade Weg hier sehr bald zu unüberwindlichen Hindernissen führen kann, da das als direkter Weg benutzte gedankenvermittelnde Wort ohne die zugrundeliegenden richtigen Erlebnisse sperrende Jrrtümer und Mißverständnisse aufrichtet. Plastisch weiß wiederum der Midrasch diese Umwegpädagogik darzulegen, wenn er die Geschichte von dem Weisen berichtet, dem an der Weggabel vor der Stadt ein Kind aus die Frage nach dem richtigen Weg die seltsame Antwort von dem kurzen und langen, und langen und kurzen Weg zu geben weiß. Der kurze Weg führt zwar unmittelbar zur Stadt, macht aber Halt vor den unüberwindlichen Hindernissen der umzäunten Gärten. Die Unpersönlichkeit dieser Umwegpädagogil wird hierbei noch illustriert durch die Umkehrung, die in dem Umstand liegt,'daß ein Kind zum Lehrer des erfahrenen Weisen und Lehrers wird. Sie wird auch illustriert durch die oft verwendete Deutung des WortesN3388e w'nmcbms, wir wollen tun und hören (2. M. 2-*» 7), jenes Entschlusses, den das Volk nach Verlesung des Vundesbuches gefaßt hat. Die Tat, die Uebung, die Erfahrung muß dem Verstehen voraus gehen. Es gibt keinen anderen, keinen direkten Weg zum Verständnis religiöser Urtatsachen. es sei denn, daß Gott sich dem Menschen unvorbereitet und plötzlich ossenbart. Die Umwegpädagogik äußert sich also in der Deutung des Wortes naasse als Vorbereitung für den Augenblick des richtigen Erlebens. In diesem Sinne sind nun eine Reihe von religiösen Geboten und Bräuchen zu verstehen, die ohne diese Einsicht zum Teil schon Mißverständnissen ausgesetzt waren. . unpersönlichen Umwegpädagogik sichtbar wird. Durch längere Vorbereitung soll das Gemüt für eine wahre Andacht aufgefchlosien werden. Wäre die Seele des Menschen so beschaffen, daß sie sich wie eine Maschine exakt umstellen ließe, so wäre dieser Umweg nicht nötig. Da aber das Gegenteil der Fall ist, da unsere Seele nur langsam von einem Zustand in den anderen hinübergleitet, so muß eine seelenverstehende Religion auf diesen Umstand Rücksicht nehmen. Und so finden wir denn, daß sich .zahlreiche Eigentümlichkeiten des Judentums unter diesem Gesichtspunkte verstehen lassen. Wenn wir den Sabbath frühzeitig . beginnen, wenn die jüdische Hausfrau an den Vorabenden des ' Sabbaths und der Feiertage in ganz besonderem Maße ihren hausfraulichen Pflichten obliegt, wenndie Vorbereitung zum, Peßachfeste schon Wochen vorher beginnt und die Hausfrau mit außerordentlicher Arbeit belastet, wenn in den rabbinischen Ge- und Verboten ein „Zaun um die Thora" aufgerichtet ist und hiermit das Gefühl für die Heiligkeit des Urgebotes erweckt wird, wenn im Laufe der Zeit die Gebete und Gebetszeiten immer länger wurden, so ist, abgesehen von anderen Begleitumständen, der pädagogisch-psychologische Sinn bei allen gleich: man wird auf dem Umwege heterogener Anstrengungen und beruhigender Dauer allmählich in die religiöse Sphäre hineingesührt und in ihr bis zum entscheidenden Augenblick festgehalten. Die Arbeit vor Sabbath- und Feiertagen ist einem Bergaufstiege vergleichbar. Sowie der Genuß der Aussicht nach mühevollem Ausstiege unvergleichbar schöner ist als der mühelos geschenkte Genuß, so ' erhält die Sabbath- und Feiertagsruhe ihren göttlichen Schimmer erst vollständig durch den Gegensatz zur vorausgegangenen vielen und mühevollen Arbeit. Der Zaun um die Thora ist gewiß ein Umweg, und was die oft mißverstandene und angegriffene Länge der Gebete und Gebetszeiten anbetrifft, so liegt darin die Voraussetzung begründet, daß in dem längere Zeit Im Gebete sestgehaltenen und dadurch allmählich vom Profanen abgelenkten Menschen wenigstens für Augenblick einmal eine innige Verbindung mit dem Göttlichen entsteht. Mit diesen Ausführungen ist der Versuch gemacht worden, aufzuzeigen, daß dem pädagogisch-psychologischen Prinzip des Umweges innerhalb des Judentums eine außerordentliche Be-, deutung zukommt. Sie ist indessen nur eine Abart des allgemeinen Umwegprinzipes, das in seiner Bedeutung für die. ganze Menschheitspädagogik und für die Ueberlieferungspädagogik jeglichen Kulturgutes unseres Wissens noch nicht untersucht worden ist. Ihm liegt zugrunde die Erkenntnis des wesentlichen Unterschiedes zwischen lebendigem Sein und mathematisch zu begreifender Stoffwelt. Rur in der Geometrie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten die Gerade, was die unberechenbare Welt menschlichen Seelenlebens anbetrifft, so scheint hier in widervernünftiger Weise gerade der Umweg die kürzeste Verbindung zu sein und der Versuch, den geraden Weg zu gehen nichts als die Verlängerung des Umweges. Aeberblick über die psychologischen Neuerscheinungen der Gegenwart. Von Studienrat Simon, Tilsit. Max Levy-Suhl: Die Funktion des Gewissens in den neurotischen Krankheiten. Arzt und Seelsorger, Heft 26. Preis 00 Pfennig. Verfasser zieht in dieser Schrift das Fazit aus feiner langjährigen Tätigkeit als Nerven- und Seelenarzt und gelangt zw