Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummern Seite 4 Jüdische Schulzeitung richtes. °) Es herrscht heute das Prinzip, alles in dis Schule und Schulzeit hineinzupressen, man mutz alles in der Schule gehabt haben. Ist dieser Gedanke schon für das allgemeine Dildungsstreben gefährlich infolge seiner hemmenden oder gar lähmenden Wirkung auf die natürliche Entfaltung veranlagter Kräfte nach Absolvierung der Schule, so ist er für das Gebiet des Religiösen im besonderen geradezu verhängnisvoll, da er insbesondere den Volksschüler, der schon mit 14 oder 15 Jahren die Schule verläßt, in der -Meinung wiegt, von der Welt des Religiösen etwas zu verstehen, zu einer Zeit, in der ihm häufig noch nicht einmal eine Ahnung von der Welt echter Religiosität aufgegängen ist. Wenn die Propheten es für notwendig gefunden haben,!- das erwachsene Volk unter Einsetzung ihres eigenen Lebens über den'Willen Gottes zu belehren, so ist dies ein genügendes Zeugnis für die Tatsache, daß der oberste und beste Religionslehrer das Leben selber mit seinen Leiden und Freuden ist, weil nur das Leben mit seinen natürlichen Forderungen der Willensschulung imstande ist. die erlernte Phrase in religiöse Wirklichkeit umzuwandeln. Aus diesem Grunde mutz man die Schuljahre des Religionsunterrichtes als Vorspiel des wahren Lebensünterrichtes betrachten, und in den Schülern das Bewußtsein wachzurufen versuchen, daß die wahre Beschäftigung mit religiösen Sein und Wißen erst dann beginnt, wenn aller Zwang der Schule abgestreisr ist und der Mensch in freier Verantwortung sein Leben zu gestalten beginnt. In diesem Sinne ist das Wort des Talmud zu verstehen, daß man Thora lernen mäße bis zur Stunde seines Todes. (Babyl. Talm. Sabbath 53 b.) Hierin stectr viel weniger die 'intellektuelle Lernforderung als die Erkenntnis, daß der Gegenstand des Religiösen seine Bedeutung nicht verliert bis zum Tode, ja daß die Erkenntnis seiner Bedeutung wächst, je mehr man sich dem Tode nähert, weiß doch der ReUgiose, daß die Erlcr-ninis des GetiUchen auch der den Eottabgewandten aufsteigen wird, wenn alles Vertrauen auf irdische Hilfe in letzter Krankheit und im Sterben von ihnen absällt. Bei manchen Menschen ist das ganze' Leben ein Umweg zu dieser letzten Erkenntnis, bei manchen mündet der U .weg früher in das Wißen: aber es ist unwahrscheinlich, daß die Schulzeit bis zum 15. oder auch bis zum 18. Lebensjahr dieses höchste Ziel, die unerschütterliche Verankerung im Boden des göttlichen Willens erreichen läßt. Darum müßte der Religionslehrer sein ganzes Lehren unter das Bewußtsein stellen, daß der Unterricht - im Schulraum nichts als Worte vermitteln kann und daß der wahre Unterricht erst im Leben des Berufes durch das Leben erteilt wird, daß man nicht bester ist als andere Menschen, ja noch nicht einmal etwas weiß, wenn man z. V. die Wortforderung der Thora: „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst" kennt, weil die kleinste Handlung, die das Liebesgebot dem Egoismus des Menschen abringen mutz, schwieriger ist als das Auswendiglernen der ganzen Thora. Es gibt keinen geraden Weg-zum religiösen Menschentum; es gibt nur den Umweg über all die Prüfungen des Lebens, sein Feilen und Hobeln unserer Handlungen, unseres Charakters und unseres Wissens. Der Religionsunterricht der Schule ist nichts als der kleinste Anfang des Lebensünterrichtes. Er darf den Schüler nicht mit dem Bewußtsein entlasten, daß er nun wisse, was Religion ist, will und fordert, er hätte ihm sonst die Augen und den Willen zum echten Unterricht durch Lebenserfahrung verschlossen und wäre schuld 5) Dieser Gedanke ist auch zum Teil ausgesprochen in dem schon erwähnten Aufsatz von I. Heinemann a. a. O. S. 362: „So ist allgemein nicht die nächste, sondern die letzte, dauernde Wirkung des Religionsunterrichtes der Gradmesser seines Wertes: nicht darauf, ob er das Kind fromm macht, kommt es an, sondern darauf, ob seine Früchte in dem Manne, in der Frau den Willen und die Fähigkeit wecken, zeitlebens als -demütiger Schüler in die große Erziehungsanstalt des jüdischen Pslichtenlebens zu gehen, die aus seinen Vätern und Müttern ' starke, fromme Menschen gemacht hat." an seiner Blindheit. Reli-giöse Erkenntnis, die Propheten ihr Leben einsetzen ließ, kann man dem 14- und 18jährigen nicht als leichten Proviant im Rucksack der Schule mitgeben. Der Schüler muß wissen, daß es keinen geraden- Weg zum religiösen Erziehungsziele gibt, sondern nur den Umweg durch die zahllosen Hindernisse, Höhen und Tiefen des Lebens, seine Hemmungen. Niederungen, Erniedrigungen, Leiden und Freuden, er muß im, Religionsunterricht erfahren haben, daß er sich dem Umwege nicht entziehen darf, wenn er nicht Gefahr laufen will, überhaupt nicht zum Ziele zu gelangen. Unter diesen Gesichtspunkten wird auch für den Religionslehrer selber viel Ungeduld, Resignation und Betrübnis schwinden. Er wird sich bemühen, nach bester Methode religiöses Wissen zu vermitteln; aber er wird nicht zu sehr enttäuscht sein, wenn der beste Schulersolg sich im Leben als nichtig erweist. Er hat ja nur für die Lebensschule vorbereitet und ist nicht schuld daran, wenn der Schüler dort versagt. Er wird aber auch Geduld finden mit dem ungebärdigen und unwissenden Schüler, da dieser in der Schule des Lebens sich sehr wohl als guter Schüler erweisen kann, und sich bewußt sein, daß die Möglichkeit besteht, das intellektuelle Wissen des Unterrichtes in noch wertvollerer Weise nachzuholen und zu erwerben zu einer Zeit, in der die unmittelbare Umsetzung ins Leben erfolgen kann, wenn nur eine Bedingung nicht zerstört ist. daß nämlich nicht im Schüler während der Schulzeit das Interesse für religiöse Dinge für immer zum Erlöschen gebracht worden ist. Der Religionslehrer wird nickt ermüden in der Ausgabe, dem Schüler immer von neuem auf seine Anlagen hin zu beobachten und immer neue Mittel zu ersinnen, um das Jnreresse des jeweiligen Schülers zu erregen und zu erhalten; er wird nicht betrübt fein, wenn er vielleicht gezwungen sein wird, den ihm notwendig erscheinenden Lehrstoss, etwa den der prophetischen Reden, zugunsten eines anderen, etwa eines geschichtlichen Stoffes zurückzusteNen; er weiß jo, d-otz — wenn nur das psychologische Gebot der Jnteresseerregung und -erhaltung befolgt wurde — ausgeschoben nicht aufgehoben ist und er wird seine Arbeit nicht nur auf die Schule beschränken, sondern auch auf die erwachsene Jugend und die Erwachsenen aus- ' dehnen. Er wird die richtige Einstellung zu den alten und : neuen Theorien gewinnen. Er wird wissen, daß die Anwendung der Arbeitschulmethode etwa auf dem Gebiete des jüdischen Geschichtsunterrichtes nur den Zweck hat, in neuer Form den Schüler im Umkreis des Religiösen zu erhalten und nicht den. den Schüler, als ob er schon Universitätsstudent wäre, zum Geschichtsforscher heranznbilden. Er wird auch imstande sein, dir Zeiterscheinungen richtig einzuschätzen, sie selber als Mittel zum göttlichen Zwecke verstehen, auch wenn sie sich als Propaganda der Gottlosigkeit schon unter den Schülern auswirkt. Kurz gesagt: Der Religionslehrer. der weiß, daß er selbst, sein Streben und seine Arbeit, und die ganze Institution der Schule und der schulmäßigen Religionsunterrichtes nichts sind als winzige Mittelchen auf dem großen Umwege' des Lebens zum letzten Ziele, er wird aus der Erkenntnis des Umwegprinzipes heraus seelische Ruhe und Heiterkeit und Arbeitsfreudigkeit sich erhalten - oder wiedergewinnen. Das Umwegprinzip spielt aber auch eine Rolle in der unpersönlichen Religionspädagogik des Judentums. > Hierunter sind jene Einrichtungen und Gedanken zu verstehen. die eine Erziehung zum Religiösen ohne eigentliche Lehrerpersönlichkeit bezwecken. Der unpersönliche, bindende und dadurch wegweisende und regulierende Gemeinschaftsgeist ist z. B. in allen Religionen und auf allen ins praktische Leben eingreifenden Weltanschauungsgebieten ebenso wie in der Schule der unschätzbare beste Erzieher. Diesem unpersönlichen Erzieher hat dar Judentum Wege vorgezejchnet, die auf dem pädagogischen Prinzip des Umweges beruhen. Hierher gehört z. B. das gejaiinr System der Mizwsth, der religiösen Formen, wenn auch ihre