Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nummer 11 Seite 3 Jüdische 6c Diese Vertauschung der Motive ist durchaus kein quantitativer, sondern ein qualitativer Vorgang. Somit enthält Wundts Gesetz der Heterogonie der Zwecke die Behauptung der qualitativen r Wandlungsmöglichkeit. Auf den Religionsunterricht angewendet, ließe sich der Fall so konstruieren, daß-jemand,'der am Religionsunterricht teilnahm nur etwa, weil die Eltern es "wünschten, eines Tgges dahin gelangen kann, daß religiöse Erkenntnis. die bis dahin gar nicht vorhanden War, zum neuen, ent- -sch'eidend bestimmenden Motiv wird. Unabhängig voll Wundt sind diese Zusammenhänge von -Vaihinger als'Gesetz der Ueberwucherung des M i t t e l s ü b e r d e n Z w e ck formuliert worden. „Es ist eine ..allgemeine, Naturerscheinung, daß Mittel, die einem Zwecke dienen, öfters eine stärkere Ausbildung erfahren, als es nötig wäre zur Erreichung ihres Zweckes. Dann können solche Mittel, je stärker sie selbst als solche ausgebildet werden, sich von ihrem Zwecke ganz oder Zum Teil emanzipieren und sich als Selbstzweck etablieren." (Hans Vaihinger, Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, 2. Bd., 1921, S. 200—201.) Auf den Religionsunterricht angewendet kann das wiederum bedeuten, daß, wenn jemand ursprünglich am Religionsunterricht nur zu dem Zwecke, den Eltern zu gehorchen, teilnahm, eine qualitative Wandlung eintreten und Religionsunterricht, d. h. Erlangung religiösen Wissens Selbstzweck werden kann. Aber Wundt sowohl als Vaihinger find nicht die ersten, die das psychologische Gesetz der qualitativen Wandlungsmöglichkeit — wie man cs allgemein nennen kann — formuliert haben. Der erste war 1500 Jahre vor ihnen der Talmudlehrer Abba Arecha, Rav genannt, der es in die Worte gekleidet hat: „Immer beschäftige man sich mit Thora(studium) und (Erfüllung von) Geboten, denn aus der Beschäftigung, die nicht um ihrer selbst willen geschieht, wird schließlich hie Beschäftigung um ihrer selbst willen hervorgehen." (Babyl. Talmud, Rasir, 23 b). Rav hat sich freilich auf die religiösen Beziehungen beschränkt. aber es ist unverkennbar, daß er das Gesetz der qualita- 'tiven Wandlung gemeint hat. Er hat damit auch grundsätzlich das für den Religionsunterricht gültige Prinzip des Umweges ausgesprochen; er hat es für möglich erklärt, jemanden, der noch nicht zum religiösen Erleben vorgedrungen ist, mit religiösem Wissen zu beschäftigen, da er auf Grund seiner klaren Erkenntnis des schöpferischen Prinzips der qualitativen Wandlung wußte, daß solche Beschäftigung der günstigste Boden für die Entstehung religiösen Erlebens ist. Damit aber hat Rav auch als erster Religionspsychologe die Möglichkeit und Notwendigkeit des Religionsunterrichts erhärtet, denn im Religionsunterricht ist prinzipiell mit der Situation des Nichtwissenden, der. zum religiösen Erleben Vordringen soll, zu rechnen*). ^Das Prinzip des Umweges gestattet auch, das Tun des Religionslehrers unter eisiem neuen Gesichtspunkt wesentlich zu begreifen. Zunächst ergibt sich die Einsicht, daß der ganze Religionsunterricht in all seinen Verzweigungen nichts anderes' ist als ein Mittel zum Zweck, nämlich als ein Mittel, den Menschen überhaupt in der Wissenssphäre des Religiösen zu halten solange, bis die Schuppen von den Augen fallen und eigene Schau des Göttlichen in die große Gemeinschaft aller religiösen Menschen einreiht. Pädagogische Mittel können und müssen variiert werden — dies ist die zweite Folgerung aus dem Prinzip des Umwegs —. wenn unter allen Voraussetzungen und Um- . ) Das Prinzip des Umweges klingt auch an in einem Aufiahe von I. Heinemann im „Jeschnrun". 0. Jahrgang. 1010, o. 301—302: „Zu echter nXd' zu führen ist und bleibt der letzte ,-sweck jedes jüdischen Religionsunterrichts... Nur eine starke Einschränkung ist zu machen: daß nämlich der lebte.Zweck nicht immer der nächste sein darf... .um ... Verständnis zu erwecken, hat er (der Religionsunterricht) oft Aufgaben zu erlullen, die zunächst mit Religion nichts zu tun haben." ulzeitung ständen das Ziel erreicht werden soll. Bestimmend für die Variation ist die Veranlagung des Schülers,'denn es' kommt alles darauf an, ihn im religiösen Lebenskreise zu halten. Es darf also unter keinen Umständen sein Interesse erlahmen. Daher ist jedes pädagogische Mittel richtig, das das Interesse erhält und fördert, und jedes Mittel falsch, das dem Interesse schadet. Erlangung von Wissen und Kenntnis des religiösen Schrifttums ist außerordentlich wichtig zur Erhaltung des Judentums, aber noch wichtiger ist die Erhaltung des allgemeinen Interesses am Religiösen. denn aus vorhandenem Interesse kann immer wieder zu unberechenbarem, ungeahntem Zeitpunkte religiöses Erleben aufqueNen und zu wahrem Vekennertum jüdischer Gottesschau führen, ist aber das allgemeine religiöse Interesse erloschen, so nützen auch keine Kenntnisse mehr, die auf interessetötendem Wege vermittelt wurden. Es ist ja aus der Erfahrung bekannt, daß in nicht wenigen Füllen Kenntnisse nicht abgehalten haben, so manchen Menschen zum Schädlinge und Feinde seiner Glaubensgemeinschaft zu wandeln. Es ist natürlich und begreiflich. daß man zur Förderung des Interesses im Religionsunterricht versucht, die modernen, pädagogischen Methoden und Mittel anzuwenden, die auf anderen Gebieten der modernen Pädagogik erdacht und erprobt worden sind, daß man also z. B. neuzeitliche Sprachlehrmethoden in den Hebräischunterricht, Arbeitschulmethode in den jüdischen Geschichtsunterricht und in den ganzen Religionsunterricht einführt usw. Man darf aber nicht vergessen, daß auf religiösem Gebiete diese Methoden an sich keinen Wert bedeuten, sondern daß ihr Wert einzig und allein bestimmt wird durch den Gesichtspunkt des Umweges, den der Religionsunterricht im ganzen darstellt bis zum Augenblick religiösen Erwachens. Wenn eine Methode das.Interesse fördert, ist sie gut, wenn sie stört oder gar zerstört, ist sie schlecht, auch wenn die moderne pädagogische Psychologie sie auf anderen Gebieten sanktioniert. Ob aber eine Methode interessesördernd wirken kann, hängt wesentlich von der Lehrerpersönlichkeit ab. Daher kommt es, daß rückständige Lehrmethoden, die auf dem Gebiete des Religionsunterrichts nicht selten noch zu finden sind, sich unter Umständen durchaus nicht ungünstig auszuwirken brauchen, während es andererseits möglich ist, daß unter anderen Umstünden noch so neuzeitliche Lehrmethoden nicht imstande sind, auch nur einen einzigen religiösen Menschen heranzubilden. Dies ist weder eine Kritik an der einen, noch an der anderen Methode, sondern nur die Betonung dessen, daß jede Methode auf dem Gebiete der Religionspädagogik unter einem höheren Gesichtspunkte gewertet werden muß. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß moderne Lehrmethoden geeigneter als veraltete Methoden sind, Interesse zu erregen, weil sie ja auf dem Wesen des heutigen Menschen aufgebaut sind, auch wenn sie aus anderen als religiösen Gebieten erprobt wurden. Jedoch gewinnt unter dem Gesichtspunkt des Umwegprinzipes die .Lehrerpersönlichkeit eine überragende Bedeutung. Wie auf keinem anderen Gebiete ist der Religionslehrer gezwungen, seine eigene Persönlichkeit wirken zu lassen, seine im Religiösen wurzelnden Ueberzeugungen zur pädagogisch wirksamen Entfaltung zu bringen; er wird die Berührung mit den Schülern nur finden, wenn seine Methode lückenlos auf seinem Wesen ausgebaut ist. Daher also muß ihm größte Freiheit in der Unterrichtsmethode zugestanden werden, denn alles, was er tut. ist in pädagogischem Sinne an sich bedeutungslos und gewinnt seine Bedeutung erst durch die Forderung, die Zeit des Schülers bis zum religiösen Erwachen auszufüllen mit Interesse fördernder und erhaltender Einführung in die wissenschaftlichen, künstlerischen. literarischen, ethischen, lebensklärenden, -lenkenden und -beherrschenden Schöpfungen der großen religiösen Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart. ] Höchste Bedeutung jedoch gewinnt das Umwegsprinzip, in der Beurteilung' der zeitlichen Beschränkung des Religionsünter-