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Jüdische Schulzeitung · 1932-11-15 · 11 (15.11.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
11 (15.11.1932)
Date
1932-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stiie 2 CjSilt’.liEg geheurer UmWß. Zn dieser Richtung gewinnt das heim Auszug aus Aegypten berichtete Wort der Thora: „Gott führte das Volk einen Umweg durch die Wüste" (2. M. .13,18) neben seiner rv,ifwr. Ävrvurnmcreinen, «genrümlrchen. AeLennnn in rekgiarrspädagogischer Lezieyung. "Der Mmweg. Len Lin 'Snr'vlrneerijä, im: Laufe feiner Ledenscntwicklung zur Persönlichteit zurüctzulegen hat. ist schon von. ermüdender Länge und Schwierigkeit, aber er ist in seiner Dauer und Schwierigkeit nicht zu vergleichen mit dem Umweg, den eine Menschengemeinschaft zur Erreichung eines geistigen Zieles zurückzulegen hat. Die Menschengemeinschaft lernt langsamer als der schlechteste Schüler einer Schule. Mehr als 2V.L> Jahrtausende sind vergangen, bis einige von den Propheten verkündete Gedanken im Herzen der Menschheit Wurzel zu schlagen beginnen: Das Wissen von der Tatsächlichkeit und Notwendigkeit solcher Umwege in der religiösen Erziehung war den Propheten nicht unbekannt. Sie meinten nur, das; ihr Volk genügend geschichtliche Erfahrung gesammelt hätte, um religiös erzogen zu sein. „Gehet doch zu meiner Statte, welche in Silo war, wo ich meinen Namen zum ersten Male habe wohnen lassen, und sehet, was ich ihm getan habe wegen der Bosheit meines Volkes Israel" (Jeremia 7,12). Sie brechen in Klagen aus ob der Erfolglosigkeit ihres Strebens. Dies bedeutet nichts anderes als ihr Sträuben gegen die Erkenntnis, daß sie nicht am Ende, sondern am Anfänge des Umweges in der Erziehung ihres Volkes stehen, eines Umweges, der auch heute noch lange nicht zu Ende . ist. Eine Begleiterscheinung dieses Umweges find die religionspädagogischen Bemühungen aller Arten. Die Propheten haben mit übermenschlicher Schauenskraft das Ziel aller menschlichen Entwicklung vorausgezeichnet. Die Neligionspädagogik hat die Aufgabe, dieses Ziel nicht vergessen zu lassen, während die Lebenserfahrung des Einzelmenschen und der Völker die Erziehung selbst zu übernehmen hat. Insofern gewinnt das Prinzip des Umweges eine beherrschende Bedeutung zum Verständnis der religionspädagogischen Aufgabe als Begleiterin auf dem langen Umwege des wahren Erziehers: Leben und Erfahrung. Aber auch innerhalb der Religionspädagogik hat das Prinzip des Umweges eine beherrschende Stellung. Wenn man das Objekt religiöser Erziehung, den noch nicht wissenden, unwissenden oder gar schlechten Menschen .mit dem Erziehungsziele des von wahrem und beherrschendem Gottesbewußtsein erfüllten Menschen vergleicht, so kann man die Aufgabe der religiösen Erziehung als Herbeiführung 6iner qualitativen Umwandlung bezeichnen. Wenn jemand reicher an Wissen wird, so ist dies nur ein quantitaver, wenn auch bedeutungsvoller Vorgang. Wenn aber jemand zu einer ganz neuen Lebens- und Weltanschauungsform gelangt, eben das, was religiöse Erziehung verlangt („ein neues Herz") »), so mutz man diesen Vorgang als qualitative Wandlung des Wesens begreifen. Diese qualitative Wandlung ist die höchste Aufgabe aller' Neligionspädagogik. Sie unterscheidet sich auch in ihrem äußeren Verlauf wesentlich von der rein quantitativen Wiffenserweiterung. Diese hat einen zeitlia- und inhaltlich kontinuierlichen Fortschritt aufzuweisen, während die erste nur sprunghaft weiterschreitet. .Das Begreifen des Neuen und der Entschluß, sich ihm unterzuordnen, ist mit einem . Male da. Jede Stufe auf dem Gebiete der qualitativen religiösen Entwicklung ist eine Neuschöpsung, plötzliches Erschauen von Neuland,' es gehen dem Menschen die Augen auf, und er ° sieht mit einem Male, daß Gott da ist. ') Hierunter ist nicht nur Umkehr zu verstehen, obwohl diese im religiösen Leben eine große Nolle spielt, sondern vielmehr der Gedanke, daß in irgendeinem Augenblick einmal intuitive Schau die religiöse Wahrheit erkennen lehren muß. Auch bei demjenigen, der von Jugend auf in das religiöse Leben hineinwächst, muß einmal der Augenblick des intuitiven Erkennens und des bewußten Jafagens kommen. Er befindet sich dann auf n.uer Ebene, selbst wenn er dasselbe Leben führt wie vorher. Aus dem Gesagten gehr die SÄwierigtei: . des Relrgrvns- Unterrichtes. hervor. Unterricht schließt toniinuierliche Fonschreitungsmöglichkeit ein. Diese aber ist auf'dem Gebiete der religiösen Entwicklnng nicht vorhanden. Der Elanbe. dah Ans- 'preröe::. ees- LnilcheidenLen. daß Wartnnrerricht. zur Erfüllung und Hanoiung fänre, rrweill sich nura» Brrnmmmg dLr. größten Religionslehrer aller Zeiten, der Propheten, ebenso durch die nicht zu leugnende gewiffe Erfolglosigkeit des Religionsunterrichtes der vergangenen Zeit hinsichtlich der Erziehung der Menschheit als irrig. Kontinuierliches Fortschrerten durch Wortunterricht ist nur auf dem Gebiete' der Wissenserweiterung möglich. Diese aber ist infolge ihres quantitativen Charakters durch eine unübersteigbare Kluft von der wahren religiösen Entwicklung getrennt. Man müßte am Sinn und an der Möglichkeit des Religionsunterrichts zweifeln, wenn nicht zwischen dem Gebiet des Quantitativen und Qualitativen die Beziehung bestünde, die man wiederum als das Prinzip des Umweges bezeichnen kann. Wahrhaftiges religiöses Fortschreiten beginnt; immer schlagartig, ist immer das blitzartige Ausspringen eines Erkenntnisfunkens. Dies ist grundsätzlich unberechenbar und liegt nicht in der Macht des Menschen. Anders, ist es mit dem Boden,.von dem der Funke ausgeht. 'Er kann der des Wissens oder Nichtwissens'sein. Sicherlich besteht die Möglichkeit, daß religiöse Erkenntnis auch aus der Wüste des Nichtwissens aujspringt, aber wahrscheinlicher ist, daß der Funke der Erkenntnis aus dem vorbereiteten Boden des religiösen Wissens entsteht. Neligiöfes Wissen nun unterliegt der kontinuierlichen Fortschreitungsmöglichkeit, also der Unterrichtsmöglichkeit. Neligöfer Unterricht ist somit im ganzen gesehen nichts als eine große Vorbereitung für den echten Augenblick religiösen Erkennens, damit in einem solchen Augenblick das Wissen um die religiöse Welt der Vorfahren dem eigenen Erleben deutend zu Hilfe kommt. Neligionsunterricht ist also in seiner Eigenschaft der quantitativen Wissenserweiterung ein großer Umweg zu jenem Augenblick der qualitativen Wandlung, zu vergleichen mit einem Bauiue, der Tausende von Samen erzeugt, damit ein einziger im; entscheidenden Augenblick Boden fassen und zy einem neuen; Baume hLranwachsen kann. \ Neligionsunterricht beruht also auf der Voraussetzung, daß i quantitatives Fortschreiten im Wissen die günstigste Vorbereitung ist für den Augenblick der qualitativen Wandlung. Man kann dies auch als den Glauben daran bezeichnen, daß quantitative Entwicklung eines Tages in qualitative Umschlagen könne. Dieser Gedanke ist in der Psychologie nicht unbekannt. Wu ndt hat ihn formuliert als Gesetz der Heterogon re der Zweck e. „Eine aus einem bestimmten Motiv entspringende Handlung bringt außer den im Motiv vorgebildeten Zwecken weitere, unmittelbar nicht bezweckte Wirkungen hervor')." Das; erste Motiv kann sogar vollständig zurücktreten und die Hand-; lung nur um der neuentstandenen Motive willen getan werde»'). ] ') Anmerkung: Wilhelm Wundt, Einführung in die \ Psychologie, Leipzig 1911, S. litt'.' Grundriß der Psychologie, Leipzig 1905, 82-1, S. -104 f; Sinnliche und übersinnliche Well. ' Leipzig. 1914, S. 105. Das pädagogische Prinzip des Umweges berührt auch zum , Teil der von Hegel in der Einleitung -zu den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte ausgesührte Gedanke von der „List : der Vernunft", die „die Leidenschaften für sich wirken läßt". Der Unterschied zwischen diesem Gedanken und. der Mundtschen - Heterogonie der Zwecke besteht in pädagogischer Beziehung dorm, daß die Motiv-Wandlung bzw. Motiv-Verdeckung bei' S)Cßd einem überpersönlichen, bei Wundt einem persönlichen Zwecke dient. ') Wieso diese Motiv-Wandlung, Motiv-Verschiebung. Veränderung der Motiv-Wertigkeit zustande kommt, läßt sich nicht erklären. Auch Wundt geht über die deskriptive Feststellung des . Heterogonjegesetzes nicht hinaus. Es liegt hierin ebenso wie in dem anderen von Wundt ausgestellten Gesetz der schöpferischen Snnthese ein Ausdruck der unberechenbaren.' schöpferischen Entwicllung des Seelenlebens vor.

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