Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Heransgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Nummer 11! LN 8. Jahrgang Mvnalsschrist für Pädagogik und Schulpolitik Die „Jüd. Schulzeitung" erscheint um den 1b. eines sedenMonats und wir d allen Ricgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrer, vereine" angeichlossenen Vereine kostenlos zugestellt. - Post-Bezugspreis für Nicht- Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. November 1832 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: ' M. Stein hard t.Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d se n, Hamburg, Anzeigenpreis 40 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. . Inhalt dieser Nummer: ' Das Prinzip des Umweges in der jüdischen Religionspädagogik, - von Rabbiner Dr. Schorsch. Ueberblick Uber die psychologischen . Neuerscheinungen Her Gegenwart, von Studienrat M. Simon. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Das Prinzip des Umweges in der jüdischen Religionspädagogik Von Rabbiner Dr. Schorsch, Hannover In dem Rechtsstreit, den der Prophet Micha im Namen Gottes-mit dem Volke Israel führt, findet man mit klaren Worten die höchste Forderung des Judentums ausgesprochen: „(Gott) hat dir verkündet, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir verlangt, nichts als Rechttun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott." (Micha, 6,8.) Man könnte diese Worte ohne Zwang geradezu als religionspädagogische Antwort betrachten aus die Frage nach dem obersten Ziel des Religionsunterrichts. Nur muß man dabei von dem unbewußt ' in uns ruhenden Gedanken abgchen, daß die religionsunterrichtliche Situation.sich nur innerhalb des allgemeinen Verhältnisses von Alter und Jugend und gar nur etwa in Schulräucken finde. Die Vergangenheit scheint an diesem Gedanken — wenn auch nicht praktisch, so doch theoretisch — vorbeigegangen zu sein. Das Verhältnis der Propheten in ihren Reden zum Volke ist ausgesprochen die religionsunterrichtliche Situation. Das Volk weiß nicht, was die Religion verlangt: „Womit soll.ich vor Gott treten, mich beugen vor dem Herrn der Höhe? Soll ich ihm Eanzopfer und einjährige Kälber darbringen?" (Micha 6,6.) Auf diese Frage gibt der Prophet die angeführte Antwort. Das ist die religionsunterrichtliche Situation, und es ist zunächst unerheblich, daß die Schüler hier erwachsene Menschen find. Das Hauptunterrichtsmittel der Propheten war die Rede, das Lehren durch Worte, Hinweise, Vergleiche usw. Der Erfolg schien ihnen selber jedoch sehr gering. Die Resignation des Propheten Jeremia: „Ich redete zu euch unablässig, aber ihr hörtet nicht auf mich" (Jeremia 30,13) mag wohl bei den Propheten . allgemein vorhanden gewesen sein. Trotzdem haben sie mit der . Verkündigung des Gotteswortes nicht ausgehört. Wir können also zweierlei aus ihrem Verhalten lernen: Sie haben den Erfolg ihrer religiösen Lehrtätigkeit (in höchstem Sinne) zwar gering eingeschätzt, aber sie ließen sich trotzdem nicht in ihrer Aufgabe entmutigen. Daraus geht hervor, daß sie doch irgendwie einen Erfolg erwarten mußten. Diese Seltsamkeit und dieser scheinbare Widerspruch läßt sich begreifen und auflösen durch den Gedanken, den man als das Prinzip des Umwegs in der jüdischen Religionspädagogik bezeichnen kann. Betrachtet man nämlich den Umfang der Anstrengungen und Bemühungen innerhalb der Religionspädagogik aller Zeiten, den Umfang der Literatur und der Einrichtungen, die verlangte Vorbildung usw., so muß man staunen über das Mißverhältnis zwischen diesem ungeheuer angewachsenen Apparat und der Einfachheit der letzten religiösen Forderungen: „Rechttun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Eott." Dieses Mißverhältnis ist im Judentum sehr wohl bekannt und kommt zum Ausdruck in jenen Erzählungen, in denen berichtet wird, daß irgendein ganz einfacher Mensch im Jenseits den Platz uw mittelbar neben den großen Gelehrten und Frommen erhält. In der Erscheinung des Chassidismus hat die Erkenntnis dieses Mißverhältnisses ihr Denkmal für ewige Zeiten erhalten. Der Chassidismus gibt dem einfachen, religiösen Menschen wieder das äußere und innere Recht, die Verbindung mit Gott zu suchen ohne jeden Mittler, auch ohne den Mittler der Gelehrsamkeit. Man könnte — von diesen Eedankengängen ausgehend — zu einer harten Kritik aller umfangreichen religiösen Apparatur kommen und insbesondere den Vorwurf erheben, daß das Vorhandensein des Religionsapparates der Verwechselung zwischen Nebensächlichem und Hauptaufgaben Vorschub leistet, und so zu leicht der wahre Sinn der Religion verdunkelt wird. Es scheint, daß die ftritif der Propheten an den Opfern und sonstigen religiösen Zeremonien in diesem religionspädagogischem Sinne geübt wurde, denn sicherlich haben die Propheten Sinn und Zweck der.wesensgemäß geübten religiösen Formen gekannt und nur wegen der Forderung der Stunde zurückgestellt. Man kann dieser Kritik auch heute vielfach begegnen in all jenen Aeußerungen, die die Bedeutung der religiösen Formen verneinen zugunsten der Forderung, ein guter Mensch zu sein. Damit wird natürlich auch die Bedeutung jener religionspädagogischen Bestrebungen bestritten, die in das Verständnis religiöser Formen einzusühren versuchen. In allen Arten dieser Kritik steckt neben einem berechtigten Kern ein irriger Gedanke, nämlich die Meinung, daß es möglich wäre, einen Menschen auf direktem Wege zum Ziel religiöser Erziehung zu führen. Es wäre natürlich sehr schön, wenn man jemanden dadurch zu einem guten Menschen machen könnte, daß man ihm gegenüber die Forderungen echten Gottesbewußtfeins ausspricht. Ob die Propheten dieser irrigen Meinung huldigten, ist sehr fraglich, auch wenn ihr Verhalten dieser Meinung zu entsprechen scheint. Wenn Jeremia darüber klagt, daß er vergeblich predige, so scheint er zwar vorher die Hoffnung gehegt zu haben, daß seine Verkündigung des göttlichen Willens unmittelbar zum Erfolge führen könne. Der Prophet hatte aber trotz dieser Hoffnung sicherlich gewußt, daß die Erziehung zum wahren Eottesdiener nicht auf so einfache Weise geschehen kann. Er hat wohl das höchste Ziel mit klaren Worten ausgesprochen, aber dessen Erreichung war nur möglich durch eine lange Schule der Leiden und Erfahrungen, worüber uns die Geschichte berichtet. Diese Geschichte lehrt uns auch, daß es innerhalb der religiösen Erziehung keinen direkten Weg gibt, daß das Aussprechen des Zieles, daß Worte nicht das innere Auge für den religiösen Anschauungsgegenstand öffnen können, sondern daß hierzu nur der Umweg langer Lebenserfahrung imstande ist. Der in der Bibel berichtete Eeschichtsverlauf ist ein solcher un-