Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seif« 6 Nummer 7 1 - '] ■ Aüdlfche Schulzeit u»g' müssen. Wütson zeigt an Hand von Bildern, daß das Kind von Geburt an nur zwei Dinge fürchtet, ein lautes Geräusch und den Verlust des Gleichgewichts. Alles, was es sonst fürchtet, ist in das Kind, hineingebildet, ist ein Ergebnis der Umgebung, in der wir es aufwachsen lassen. Leider wird die Erziehung des Kindes, wie sie dem amerikanischen Gelehrten vorschwebt, nur ein frommes Wunschbild bleiben, denn im verarmten Deutschland kann sich nicht jede Mutter ein« nusgebildete Pflegerin leisten, noch hat jedes Kind einen besonderen Spielplatz zur Verfügung. Verfasser denkt hier an die ruhigen, mit Gärten umsäumten Straßen der Vereinigten Staaten. Die Lehre der Behavioristen kann hier nur kurz gestreift werden. Wer sich ausführlicher über diese Richtung f>riejilieren will, der greise zu Müller-Freienfels: Die Hauptrlchiungen der gegenwärtigen Psychologie, Quelle & Mener, Leipzig 1931. Auf dem Gebiet der Psychoanalyse verdient besondere Würdigung ein Beitrag, der in der Schweizer Zeitschrift Hygeia. Monatsschrift für gesunde Lebensgestaltung. Jahrgang 2. Heft 1 erschienen ist: Psychoanalytische Erziehung? von Dr. med. Fr. Walther. Der Verfasser wehrt sich gegen gewaltsame Eingriffe von seiten der Aerzte und Erzieher und will die Methoden einer Krankheitsbehandlung nicht auf die seelische Entwicklung des Kindes angewandt haben. Daneben bleibt aber der Psychoanalyse und ihren Erkenntnissen noch ein weites Betätigungsfeld in der modernen Erziehung. so vor.allem die Einsicht, daß die meisten der das Seelenleben schädigenden Fehler in der Jugend und an der Jugend begangen werden. Einfühlen in die kindliche Psyche und Unterstützung in seinem Lebenskämpfe, bleibt aber die Hauptaufgabe einer gesunden Pädagogik. F. G. Wickes: Analyse der Kindesseele, Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart, gebunden 6.50 3tJt. ist eine tiefschürfende Arbeit über Kinderpsychologie, um so wertvoller, da sie auf einem reichlichen Erfahrungsmaterial aufgebaut und auch für den Laien verständlich ist. Das Buch verdient die Beachtung aller derer, die sich mit Erziehung befassen. Wenn man auch keine neuen Erfahrungen bei der Verfasserin vorfindet, so stößt man doch auf Fälle, die überraschend und erschütternd zugleich wirken. Man denke nur an die Idendität des Unbewußten im Elternpaare mit den seelischen Zuständen des Kindes, ein Problem.' das - in seiner Vielgestaltigkeit den Biologen. Mediziner und Pädagogen in gleicher Weise angeht. Die Wissenschaft steckt auf diesem Gebiete noch in den Anfangs- . stadien. Allerdings kann man an der. kausalen Bedeutung der elterlichen Problematik für die Seele des Kindes nicht oorübergehen. Dem Werk, das in meisterhafter Weise aus dem Englischen übersetzt wurde, geht eine empfehlende Einleitung von C. F. Jung voraus, die auf die. Bedeutung des Werkes hinweist. Die Arbeiten des Berliner Nervenarztes Dr. Fritz Künkel suchen auf individualpsychologischer Grundlage soziale und kollektive Erscheinungen der Jetztzeit zu erforschen und wirken dadurch ungemein zeitgemäß. Das Problem der Jchhaftigkeit und Sachlichkeit steht vielfach im Vordergründe, so aud> in dem jüngsterschienenen Werke: Charakter. Wachstum und Erziehung. Verlag S. Hirtzel. Leipzig 1931, gebunden 6.50 3t.lt. _ Der Verfasser hat den psychologischen Wortschatz reichlich mit Neubildungen belastet, so daß an den Lesern große Anforderungen gestellt werden. Der Vorzug des Werkes liegt in der Gegenwartsnahe des Verfassers. Schon die Ileberschriften einzelner Kapitel deuten darauf hin: Proletarischer Autoritätsabbau. Lehrerreform. — Sozialist-fein ist nichts Besonderes. — Christ-fein ist nichts Besonderes. Der Typus des Jchhaft eingestellten Lehrers. der nur mit Widerstreben sich in den modernen Arbeitsunterricht einfügt, ist wohl eine Seltenheit geworden. Dr. Künkel würde feine Ansicht revidieren, wenn er einen. Einblick in den Arbeitsunterricht der höheren Schulen nehmen würde. (Bei Künkel ist vornehmlich von dieser Schülgattung die Rede.) Alfred Laub: Seelenabgründe. Fehlentwicklung und Heilbehandlung des Charakters in Erziehung und Selbsterziehung. Verlag Herder, Freiburg. Preis in Leinwand 4.60 3t.it. Pfarrer Laub beschäftigt sich seit langer Zeit mit der Seele des Menschen und dem Seelenavvarat. den körperlichen Leitern und Trägern, besonders mit den feinsten Reagenzien dieses Apparates, den Nerven. Sein vor wenigen Jahren erschienenes Buch: „Nervenkraft durch Gottes Geist" erschien unlängst in 4. und 5. Auflage. Pfarrer Laub vollbringt auf seelischem Gebiet Kuren wie vor ihm sein geistlicher Bruder Kneipp auf rein natürlichem. Bei Laub erleben wir das Wundervolle: Das Forschungsergebnis wird von dem Priester in das Sonnenlicht der christlichen Heilslehre gehoben. — Anima näturaliter christiana, — sowie sie von Gott geschaffen und gewollt ist. In diesem Lichte, in diesen Farben heben sich alle Wunden der Seele ab, und hier liegen auch die Wurzeln zu einer Heilbehandlung. In seinem neuesten Werke behandelt Pfarrer Laub die Abirrungen der menschlichen Seele und gibt Erfahrungsbelege aus seiner seelsorgerischen und heilwissenschaftlichen Tätigkeit. Wer auch nicht auf dem Standpunkt der katholischen Moralpädagogik steht, wird doch von dem hohen sittlichen Ethos des Verfassers mitgerissen werden. Ein besonderes Verdienst dieses Buches erblicke ich darin, daß hier ein Geistlicher mit größter Offenheit an allzu Mensch- . liches rührt, dessen Darstellung bisher in diesen Kreisen verpönt war. Möge dieses leicht faßliche und humorvoll geschriebene Büchlein auch in andern Lagern reiche Verbreitung , und Verständnis finden. Literarisches. „Der Morgen." Das 2. Heft des 8. Jahrganges setzt die in den vorigen Heften begonnene Aussprache „Im Wandel des Denkens und Ge st alten s" mit einem Aufsatz von Wilhelm Michel „Was heißt: Ende des Liberalismus?" und mit einem Nachwort von Mar Dienemann fort. Michael Müller-Claudius macht in einem Artikel „Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit" beachtenswerte Vorschläge. Er zeigt insbesondere, wie selbstverständlich man in der Wirtschaftsgesetzgebung jeder Unwahrheit im kaufmännischen Verkehr zuleibe gegangen ist und wie wenig man auf dem ethischen Felde der Politik sich um die Bekämpfung der Lüge bemüht hat. In einer Abhandlung des Altonaer Oberrabbiners Joseph Carlebach „Naturwissenschaft und Wunder" wird dargestellt, wie Gläubigkeit und rationale Naturbetrachtungkeine Gegensätze zu sein brauchen. Der- Kritik an neuesten Werken über nationalsozialistische Ideologie ist Eva Re ich mann-Jungmanns grundsätzlicher Aufsatz „Flucht vor der Vernunft" gewidmet. Um aktuelle Fragen kreist gleichfalls Käte Hamburgers „Romantische Politik bei Thomas Mann". Hanns Reißners Aufsatz „Mirabeaus Iudenpolitik" führt, in- . mitten einer Zeit, die voll ist von Kämpfen um die bürgerliche Stellung der Juden, in die Zeit der allerersten Emanzipations-. kämpfe ein. Ein Abdruck aus Ernst Lissauers Mosesdrama „Der Weg des Gewaltigen" soll in Art und Willen des Dichters und dieser Dichtung einführen. Ein Fragment der Iugenderinnerungen des Begründers der Völkerpsychologie. H. S t e i n 1 h a l. ist eingeleitet von Leo B a e ck. der sehr zeitgemäß darauf hinweist, daß lebendigste Gedanken der neuzeitlichen Psychologie von Steinthal vor Jahrzehnten angebahnt sind. Ern st Holzers Beitrag „Der Aufruhr gegen den Geist" behandelt in der Form einer Auseinandersetzung mit literarischen Neuerscheinungen die ewige Frage des Konfliktes „Geist und Blut". Margot Rieß gibt einen Ueberblick über „Religiöse Frauenlyrü". Eine Anzahl Buchbesprechungen beschließt das anregende Heft.