Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1932-07-15 · 7 (15.7.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
7 (15.7.1932)
Date
1932-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825317-2825324--0632-2826253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nummer 7 Seite 3 Jüdisch« Schul Leitung Schüchternheit und Unbeholfenheit sowie auch andere Anzeichen geht er nicht ein. Er iaht sich aus eine Auseinandersetzung mit eines ungewöhnlichen Verhaltens entspringen leicht einem Minderwertigkeitsgesühl. Es sind meist entmutigte Kinder, die sich leine vollwertige Leistung zutrauen. Der Lehrer kann gar oft die auf diese Weise entstandenen Fehlleistungen falsch deuten, indem er sie aus böswillige Absicht oder auf Trägheit zurücksührt. Die Verkennung der wirklichen Sachlage hat eine falsche, ungerechte Behandlung des Kindes zur Folge.. Es fühlt sich verkannt, nicht verstanden. Der Abstand zwischen Lehrer und Schüler vergrößert sich. Dieses Kind steht. von nun ab allen Versuchen erzieherischer Beeinflussung ablehnend gegenüber. Also: Achtung vor den Schwächen des Schülers. Nur wer auch ihre Ursachen kennt, wird vor schweren Mißgriffen bewahrt. Die Quellen taktloser Handlungen sowie die daraus erwachsenen Schäden in der Erziehung sind hiermit bei weitem noch nicht erschöpft. Noch ein Abschnitt über die Strafe, denn sie - ist die Quelle der meisten Taktlosigkeiten, die begangen werden. Die Strafe ist eine unmittelbare Erziehungsmaßnahme. Ihre Anwendung, insofern sie der Ausfluß einer Taktlosigkeit ist, erscheint um dessentwillen sehr bedenklich, weil sie eine unmittelbare Wirkung ausübt. Der taktlos Bestrafte fühlt sich sofort verletzt und ungerecht behandelt. Der verkannte Schüler hingegen wird erst allmählich eine Abneigung gegen seinen Erzieher bekommen, die sich mitunter auch zu Haß und Verbitterung steigern wird. Der unmittelbar taktlos Bestrafte gerät sofort in Empörung, die zumindest eine innerliche ist, wenn nicht die Strafe die Folge einer selbstverschuldeten Handlungsweise ist. Der Erzieher, der von der körperlichen Züchtigung zu reichlichen Gebrauch macht, handelt mehr als taktlos; denn einmal entspringt diese Taktlosigkeit einer eigenen Schwäche, und dann weiß jeder Erzieher aus Erfahrung, daß sie wenig nützt. Sie erzieht zum Furchtgehorsam. Wird von ihr allzuhäusig Gebrauch gemacht — und das gilt für jede Strafe allgemein —, so wird sich das Kind daran gewöhnen und ihre Wirkung wird abgeschwächt. Strafen sind nun in der Schule nicht entbehrlich. Doch erfordert ihre Anwendung größte Vorsicht. Der Erzieher zerreißt sonst selbst das Band, das ihn und den Zögling umschlingt, er verschüttet sich selbst die Wege, die zur Seele des Kindes führen. Schwerlich wird er dann jemals wieder das wahre Gesicht sehen, die wahre Einstellung des Kindes zum Stoff, und zum Erzieher selbst. Jede weitere Erziehungstätigkeit beruht auf Selbsttäuschung. In einer gemischten Klasse, in der ich Unterrichtsaushilfe leistete, wurde ein lOjähriges Kind von mir geschlagen. Das Kind empfand die an und für sich leichte körperliche Züchtigung sehr hart. Eine längere Zeit anhaltende gedrückte Stimmung des Kindes war die unbeabsichtigte Wirkung. Die Mitschüler waren über diese Maßregelung sehr erstaunt, beinahe mitverletzt. . Es stellte sich heraus, daß das Kind seine ersten Schläge bekommen hatte. Ein ernsthaftes Wort hätte hier eine bessere .Wirkung erzielt. Man kann nicht taktvoll handeln ohne genaue Kenntnis der Schülereigenart. Während Schläge bei einem Kinde oft noch nicht einmal die beabsichtigte Wirkung ausüben, Imin ein hartes Wort beim anderen Kind im gleichen Falle schon, tief verletzen. Das eine schickt sich eben nicht für alle. Schwer ist es, allen Kindern gerecht zu werden. Man muß den Versuch aber unter allen Umständen machen. — Die Leidenschaftlichkeit des Lehrers läßt ihn oft schwer zu einer rein sachlichen Beurteilung kommen, wiederum eine Quelle taktloser Handlungen. Nicht immer wird der gemaßregelte Schüler seine Strafe ohne weiteres hinnehmen. Je nach Veranlagung seiner Natur wird er sich gegen seinen Erzieher auflehnen. Das Bewußtsein, daß Opfer rittst Unüstschtisiksit zu fein, wird ihn darin noch bestärken- Der leidenschaftlich erregte Lehrer fügt der begangenen Taktlosigkeit eine weitere hinzu. Er duldet keinen Widerspruch, da er seine Maßnahmen für unfehlbar hält. Auf die Einwände des Schülers dem Schüler n i ch t e i n. Der Erzieher beachte daher grundsätzlich Widersprüche und Eimoände des Kindes. Wenn es sich erweist, - daß das Recht auf der Seite des Kindes liegt, gestehe es der Erzieher unumwunden zu. Nur dann hat der Erzieher und Lehrer taktvoll gehandelt, wenn im Kind ein Schuldbewußtsein zurückbleibt. Diese Schuldgefühle dürfen aber in keiner Weise ausgenutzt werden. Vor allem aber trage man dem Kinde nichts nach und versuche nicht, aus seinen Schwächen noch erzieherische Vorteile zu ziehen. So äußert sich der pädagogische Takt in allen erzieherischen Maßnahmen. Er zeigt sich, wie der Lehrer tadelt, wie ec Lob spendet, wie er Trotz und Eigensinn, wie er Ehrgeiz und Mutlosigkeit behandelt, wie er dem Musterschüler, dem Begabten, wie er aber auch dem hilflosen, ungeschickten, schwachen Schüler mit gleicher Liebe entgegentritt; insbesottdere zeigt er sich auch darin, wie der Lehrer über heikle Gebiete mit den Kindern spricht, wie er sie ausklnrt. Man könnte noch von einem unterrichtlichen Takt sprechen, der dadurch zum Ausdruck kommt, daß der Lehrer auf Wünsche der Klasie eingeht, daß er die Stimmung gebührend berücksichtigt. Kerschensteiner hat in seinem Werke „Die Seele des Erziehers", in welchem er die Merkmale des Erziehers zu kennzeichnen sucht, auch dem pädagogischen Takt ein bescheidenes Plätzchen unter diesen Merkmalen eingeräumt. Schwerlich gibt es einen Erzieher, der alle hier gestellten Forderungen restlos erfüllt. Pädagogischer Takt ist mehr als ein Merkmal des Erziehers. Pädagogischer Takt ist eben das Merkmal des Erziehers. Wer ihn besitzt, hat schon das Kennzeichen der wahren. Erziehernatur, denn nur der pädagogisch Taktvolle besitzt jene Feinfühligkeit, die ihn befähigt, in die Tiefen einer Menschenseele einzudringen. Auf ihm beruht letzten Endes der Unterschied zwischen T'eorie und Praxis, der Unterschied Wischen dem,, der das Erziehungsgeschäft laienhaft, handwerksmäßig betreibt und dem wahrhaft begnadeten Erzieher. Er ist etwas Geheimnisvolles, das Geheimnis der ganzen Erziehungskunst. Notizen zum jüdischen Neligionsunterricht Zusainmengestellt von Siegfried Moses, Liturg i. R., Berlin-Weißensee. 1. Mission. Evangelische Theologen, machen, manchmal darauf aufmerksam, daß das Judentum keine Mission treibe, und daß auch dieser Umstand ein Zeichen seiner Inferiorität sei. Demgegenüber mutz hervorgehoben werden, daß die fünfzehnhundertjährige Arbeit der Kirche an Israel uns noch heute in allen Gliedern steckt, was allein schon genügen würde, die Abwesenheit der Missionsbestrebungen zu erklären. Die Juden wissen sehr wohl, daß sie keinem solch harmlosen Gegner gegenüberstehen, wie das Heidentum des römischen Kaiserreiches war. — Dann aber hat ja die Geschichte des Christentums und des Islams gezeigt, daß die Physiognomie einer missionierenden Religion sich in einigen Jahrzehnten vollständig ändert. Wir sind darum der Ansicht, daß wir mit der Nolle, welche in der Geschichte unserer Religion zugesallen ist, zufrieden sein können, und daß wir keine Veranlassung haben, zu wünschen, daß an ihr solche substantielle Veränderungen ftattfinden, wie sie sich in den ersten Jahrhunderten am Christentum vollzogen haben. Solche wären aber unbedingt die Folge einer erfolgreichen Missionstätigkeit. — Mit dieser Anschauung haben wir aber die messianische Hoffnung nicht aufgegeben, denn sowie bisher im Christentum und Islam eine stufenweise Annäherung an das Judentum stattgefunden hat, so wird eine solche bei objektiver Erforschung der Ursprünge des Christentums und bei einem Zurückdrängen heidnischer Einflüsse auch in Zukunft stattfinden.!^ Unsere Pflicht ist es nur, bei den Ueber-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.