Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung Nummer 7 Seite 2 Fähigkeit. Pädagogischer Takt ist nicht etwa die Gesamtzahl einzelner in ihm nachweisbarer Merkmale,, sondern eine Charaktereigenschaft, -wie wir. beim allgemeinen Takt schon erwähnt haben, die dem Menschen sozusagen im Blute sitzen muß. Wenn wir nun in das Wesen des pädagogischen Taktes eindringen wollen, können wir ihn nicht in Bestandteile auflösen, ihn zu gliedern versuchen, wir können nur eine Reihe von Voraussetzungen anführen, die ihn bedingen. Wer also pädagogischen Takt besitzt, erfüllt die nun aufzuzeigenden Voraussetzungen. Sie seien in sechs wesentlichen Punkten zusammengefaßt. Pädagogischer Takt ist einmal bedingt durch Feinfühligkeit. Das ist die Fähigkeit, ohne weiteres die Seelenoorgänge eines Mitmenschen zu begreifen, sich in seine Lage hineinzuversetzen und das, was der Mitmensch fühlt und erlebt, mitzufühlen, und mitzuerleben. Dieses feinfühlige Erfaßen einer Menschenseele ist die wichtigste Voraussetzung für den pädagogisch Taktvollen. Hinzu kommt eine genaue Kenntnis über die Eigenart der Schüler sowie ein klares Erkennen seines äuge n-b li ckl ichen Zustandes. Rur wer im dauernden Umgänge mit den Eigenheiten seines Zöglings vertraut geworden ist, wer seinen Gemütszustand kennt, seinen Gesellschaftskreis, seine körperliche und geistige Verfassung, wird imstande sein, die Augenblickslage eines Menschen richtig zu beurteilen und vermöge seiner Feinfühligkeit wird er dann auch plötzlich unerwartet eintretende Fälle richtig erfassen. Nun kommt es daraus an, die richtig erfaßte und beurteilte Lage auch angemesien zu behandeln, d. h. entsprechende Erziehungsmaßnahmen zu treffen. Nun ist es notwendig, Kenntnisse dar allgemeingültigen Erziehungsgrundsätze zu besitzen, sowie die zu ihrer Verwirklichung und Durchführung oft notwendigen erforderlichen Erziehungsmaßnahmen, mit andern Worten, man muß eine gediegene pädagogische Vorbildung besitzen. Wer sie hat, wird auch noch nicht immer im gegebenen Augenblicke das Richtige tun. Der in Erziehungsfragen Unerfahrene wird jedoch kaum in der Lage sein, geeignete Maßnahmen zu treffen. Selbstverständlich muß der Erzieher kraft seiner Autorität, seiner Persönlichkeit die Machthabe besitzen, die für richtig erkannte Maßnahme durchzuführen. Sie muß sofort ausgesührt werden. Eine Verzögerung würde ihm vom Zögling als Schwäche gedeutet werden. Die beabsichtigte Wirkung würde dadurch sehr in Frage gestellt, zumindest würde sie abgeschwächt. Taktvolles Handeln erfordert sofortiges Zugreifen. Wir haben somit die wesentlichen Voraussetzungen aufgezeigt, die eine pädagogisch taktvolle Handlung ermöglichen. Damit sei aber nicht gesagt, daß derjenige, der glaubt, diese Voraussetzungen ganz oder teilweise zu besitzen, taktvoll handelt. Das Zusammenwirken all jener Voraussetzungen, das letzten Endes in einer gefühlsmäßigen Handlung zum Ausdruck kommt, ist eben, wie wir beim pädagogischen Takt schon einleitend festgestellt haben, eine Fähigkeit, die nur dem begnadeten Erzieher zu eigen ist. Wenn wir nun den allgemeinen Takt, den wir auch als gesellschaftlichen Takt bezeichnen können, mit dem pädagogischen Takt vergleichen, ergeben sich doch große Verschiedenheiten. Beim ersteren handelt es sich im wesentlichen doch nur darum, die Schwächen des Mitmenschen zu verstehen. Man will ihnen gleichsam aus dem Wege gehen. Man will aber nicht verletzen. Es wird kaum der Versuch gemacht, gegen sie anzukämpfen. Der' Erzieher hingegen kann sich nicht damit begnügen, mit dem Kinde nur dadurch in gutem Einvernehmen zu leben, daß er über seine Schwächen hinwegsieht. Seine Schwächen zu bekämpfen, also erzieherisch auf es einzuwirken, wird ihm geradezu zur Aufgabe gemacht. Dem Erzieher wird daher vom Kinde Widerstand entgegengesetzt. Beim pädagogischen Takt kommt es aber darauf an. einen Ausgleich herzustellen zwischen der Erziehungstätigkeit des Lehrers und dem Widerstand des Zöglings. Bei dem Versuche, in das Wesen des pädagogischen Taktes einzudringen, ist uns auch feine Bedeutung in der Erziehung schon klar geworden. Wenn uns die pädagogischen Regeln im Stiche lassen, wenn sie uns keine Ratschläge mehr erteilen können, sind wir auf unseren Takt angewiesen. Er ist nicht etwa gelegentlich zu zeigen. Die ganze Erziehungstätigkeit muß von taktvollem Handeln bestimmt sein. Dem Erzieher obliegt die verantwortungsvolle Aufgabe, gestaltend aus die ihm anvertrauten jungen Menschenseelen einzuwirken, die in ihnen schlummernden Kräfte zu wecken und zu entwickeln, ihren Charakter zu bilden und zu formen, ihnen den' richtigen Weg zu weisen und zu ebnen. Der Erzieher hat das körperliche, geistige sowie auch das seelische Wachstum seiner Zöglinge zu überwachen. Er sei sich bewußt, daß er dem Kinde gegenüber der Stärkere ist und daß es von ihm letzten Endes abhängt, ob das Werden der jungen Menschenseele gelingt. Freilich sind noch andere Mächte am Erziehungswerke mitbeteiligt. - Wenn wir einerseits die hohe Verantwortung des Erzieherberufes in Erwägung ziehen und.andererseits pädagogischen Takt, den Ausfluß einer Erzieherpersönlichkeit als letztes Mittel, wenn . alle Kunst versagt, dann erst können wir ermessen, welchen Schaden eine falsch geleitete Erziehungstätigkeit anzurichten imstande ist. Wir wollen das an einigen Beispielen Nachweisen. Versuchen wir einmal die Quellen aufzuspüren, denen Taktlosigkeiten so häufig entspringen. Eine Ursache liegt zweifellos in dem Mißverhältnis, das zwischen unseren heutigen Bildungsgütern und der Eigenart der Schülerpersönlichkeit liegt. Es ist nun nicht so, daß die Kulturgüter, die dem Zöglinge vermittelt werden sollen, auch seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten, seinen Eignungen und Neigungen angepaßt werden können, und doch muß der Versuch gemacht werden, an alle Schüler mit ihren verschiedenen Eigenheiten alles, d. h. das gesamte Bildungsgut heranzubringen. Wir stellen das Bildungsgut in den Vordergrund und verlangen vom Kinde, den gestellten Anforderungen zu entsprechen. Selbst bei voller Berücksichtigung der kindlichen Eigenart — das können wir unter Umständen — vermögen wir nicht jedem Kinde das zu geben, wessen es bedarf. Zn dieser Hinsicht sind der Erziehungstätigkeit Schranken gesetzt. Hinzu kommt noch der Umstand, daß wir an unseren Kulturgütern und an der Wertung der Schülerleistung unsere Maßstabe anlegen, die das Kind nicht als rein fachlich anerkennt, denn es hat zu den Kulturgütern naturgemäß eine andere Einstellung als wir. Was uns oft nichtig erscheint, ist dem Kinde vielleicht wesentlich. Nun ist es Sache der Erziehung, das Kind für das Bildungsgut zu gewinnen, eine geeignete Beziehung herzustellen zwischen dem Lehrstoff und der Schülereigenart. Wie weit das gelingt, hängt meist ab vom Geschick des Lehrers. Pädagogische Regeln ver-; mögen es sicher nicht, wenn es nicht dem pädagogischen Takt des Lehrers gelingt, daß der Schüler eine bejahende zusagende Einstellung zum Bildungsgut gewinnt. Diese Einstellung ist unerläßlich, sonst ist die ganze Erziehungskunst ein vergebliches Bemühen. Nicht selten liegt in der Lehrerpersönlichkeit selbst oft die j Ursache taktlosen Handelns begründet. Sehr bedenklich für j Schüler als auch für Lehrer selbst erscheint das immer noch z häufig anzutreffende Festhalten am starren Autoritätsstandpunkt.; Die Forderung nach absolutem Gehorsam entspringt häufig einer Schwäche des Lehrers, der es infolge mangelhafter päda- ' gogischer Vorbildung nicht versteht, das Kind an den Stoff zu fesseln. Er wird seine Aufmerksamkeit mit Machtmitteln zu erzwingen suchen. Er wird selten bereit sein, sich sachlich aus berechtigte Wünsche und Forderungen der Klaffe einzustellen. Die Eigenart des Kindes wird von solchen Erziehern leicht übersehen. Das Machtbestreben des Lehrers ist die Bemäntelung einer Schwäche und die Ursache vieler Taktlosigkeiten. Sie können oftmals auch tm Wesen des,Kindes begründet sein.