Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 7 8. Jahrgang Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Herausgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüd. Schulzeitungerscheint um den 15. eines jedenMonats und wird allen Mitgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post - Bezugspreis für Nicht- Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg» 15.2uli1932 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Leßmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Fernruf: Sammelnununer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt- Magdeburg, für den Inseraten teil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 c) für die ttgespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Vom pädagogischen Takt von Hermann Mahlermann. Notizen zum jüdischen Religionsunterricht von Siegfried Moses. Hebräische Ausdrücke und Redewendungen für den Unterricht im Hebräischen von M. Abraham (Fortsetzung). Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Psychologie von Studienrat M. Simon. Literarisches. Notizen. Dom pädagogischen Takt*) Von Hermann Mahlermann, Ermershausen. Von Takt spricht man im Leben gewöhnlich dann, wenn er als mangelnd empfunden wird. Durch sein Nichtvorhandensein wird man auf ihn erst aufmerksam. Taktlose Menschen fallen überall auf, während der Taktvolle kaum besondere Beachtung findet. Taktvolles Benehmen wirkt geradezu als etwas Selbstverständliches. Wenn wir uns nun fragen, was Takt eigentlich ist, werden wir den Begriff Takt nicht ohne weiteres erklären können. Wir werden ihn zunächst umschreiben, indem wir an Beispielen klarzulegen versuchen, wie er sich im Leben zeigt und wie sein Mangel (als grobe Taktlosigkeit) empfunden wird. Takt erwartet man im ^eben da, wo sich menschliche Schwächen zeigen. Man erwartet, daß man diesen Schwächen rücksichtsvoll begegnet. Das kann nur derjenige, der Verständnis für sie aufbringt. Schwächen hat jeder Mensch, Verständnis für sie nicht jeder, nur der Taktvolle. Es kommt also beim Takt darauf an, wie man sich in gewissen Lebenslagen den Mitmenschen gegenüber benimmt. Wohl gibt es übliche herkömmliche gesellschaftliche Umgangsformen, die man in den verschiedenen Lebenslagen beachtet. Begegnen wir. aber einer menschlichen Schwäche, so stehen wir vor einer Lage, aus die wir nicht gefaßt sind. Unsere Umgangsformen lassen uns nun im Stich; sie sind nicht für unvorhergesehene außergewöhnliche Fälle berechnet. Selbst Lebensgewandtheit und tiefe Menschenkenntnis gewährleisten im Leben nicht immer die richtige Handlungsweise. Aber auch die besagten außergewöhnlichen Fälle verlangen rasches Handeln. Das Leben duldet keinen Aufschub. Wir können nicht immer erst lleberlegungen anstellen über unser Verhalten in außergewöhnlichen Lebenslagen. Hier kommt es also darauf an, im entscheidenden Augenblicke die außergewöhnliche Lage zu überblicken und gefühlsmäßig zu handeln. Takt ist somit die gefühlsmäßige Erfassung einer Lebenslage, verbunden mit der Fähigkeit der gefühlsmäßigen Handlung. Takt enthält zwei wesentliche Merkmale: 1. die Rücksichtnahme aus andere, 2. die gefühlsmäßige Handlung. Betrachten wir diese , beiden Kennzeichen des Taktes einmal genauem Die Rücksichtnahme auf unsere Mitmenschen bedingt eine , soziale Einstellung. Wer ist rücksichtsvoll? Rur der'Mensch, der *) Quellen- N nchw eis: Georg Kerfchenfteiner: Die Seele des Erziehers und das Problem der Lehrerbildung/ Otto otohlin: Zwang und Freiheit in der Erziehung. sich als ein bewußtes Glied der menschlichen Gemeinschaft fühlt, der für die Gemeinschaft lebt; nicht aber der Selbstsüchtige, der sein Zch in den Vordergrund stellt. Die Menschen sind verschieden in ihren Anschauungen und in ihren Eigenarten. Da jeder Mensch sowohl Vorzüge als auch Schwächen besitzt, sind die Menschen auch in bezug auf ihre Schwächen sehr verschieden. Wie wäre ein Zusammenleben in der menschlichen Gemeinschaft denkbar, wenn die Menschen nicht das Bestreben hätten, sich gegenseitig zu verstehen, d. h. gegenseitig über ihre Fehler hinwegzusehen? Es gilt das besonders für das Eheleben, der häufigsten Form der Gemeinschaft. Auf Takt beruht demnach jede freiwillige Gemeinschaft. Damit haben wir die Bedeutung des Taktes im Gesellschaftsleben kurz gekennzeichnet. Das zweite wesentliche Merkmal des Taktes ist die gefühlsmäßige Handlung. Wer ist imstande, im gegebenen Augenblick gefühlsmäßig das Richtige zu treffen? Nur feinfühlige Menschen besitzen jene Fähigkeit. Die Möglichkeit, taktvoll zu sein, ist somit eingeschränkt. Kann die Fähigkeit des taktvollen Handelns nicht erworben oder anerzogen werden? Gewiß ist Takt kein Vorrecht der Gebildeten oder einer bestimmten Gesellschaftsklasse. Er kann von jedem Menschen in. gleicher Weise gezeigt werden. ' Takt ist eine Charaktereigenschaft und muß daher dem Menschen angeboren sein. Eine natürliche Anlage für Takt muß im Menschen vorhanden sein. Diese läßt sich nicht anerziehen. Wohl läßt sich Taktgefühl verfeinern und weiterbilden durch Umgang und Beobachtung mit Menschen und durch Studium ihrer Seelenvorgänge. Sicher ist das Taktgefühl bei Menschen in günstigen Lebensverhältnissen besser entwickelt. Unglück, Not und Elend schaffen ungünstige Lebensbedingungen, die das menschliche Gemüt verdüstern, mitunter auch verrohen, wodurch das Taktgefühl in seiner Entwicklung gehemmt wird. , Wenn also einerseits der Mangel an Takt, den wir als Taktlosigkeit bezeichnen, als eine menschliche Schwäche, als ein grober Charaktermangel gilt, so ist andererseits das Vorhandensein eines feinen Taktgefühls doch mehr als nur ein Wesenszug des Charaktervollen. Anstand und Sitte sowie andere menschliche Tugenden können fast von jedem Menschen gezeigt werden. Doch taktvoll zu sein ist nicht so leicht. Darum ist der Besitz von rechtem Takt wohl eine der vornehmsten Charaktereigenschaften, die ein Mensch je besitzen kann. Unsere Aufgabe ist es jedoch, über pädagogischen Takt zu schreiben. Er ist keineswegs gleichbedeutend mit Takt schlechthin. Wenn wir die wesentlichen Merkmale des Taktes, wie wir sie im Vorhergehenden zu kennzeichnen versuchten, auf den Takt in der Erziehung übertragen, haben wir noch lange nicht den pädagogischen Takt. Pädagogischer Takt ist mehr, er ist der weitere Begriff. Kerfchenfteiner hat ihn in seinem Werke „Die Seele des Erziehers" (S. 66) treffend gekennzeichnet: „Pädagogischen Takt nennt man die Fähigkeit, in konkreten Fällen für das vermöge unserer Feinfühligkeit richtig Erfaßte die angemessene Behandlung samt den zureichenden Mitteln rasch und mit Sicherheit zu erkennen und auch auszuführen." Pädagogischer. Takt ist eine