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Jüdische Schulzeitung · 1932-06-15 · 6 (15.6.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
6 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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I Seite 4 Jüdische Schulzertvug Nummer 8 Aber nun zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der Idee des Wortes in der Kulturepoche der Bibel und der in der Kabbala. Zur Zeit der Bibel ist das Wort „dialogisches Wort" Zwiesprache zwischen Gott und Mensch. Fern lag ihr die Absicht, dem Worte eine Macht beizumessen, die ihm göttliche Souveränität verliehe. Es ist keine selbständige Macht neben ihm. Gott und das Wort sind auch keine sich deckenden Größen. „Wer mein Wort hat, rede mein Wort wahr." Das bedeutet: das.Wort ist zwar eine Realität, aber es bedarf des Menschen, seines tönenden Mundes, damit es den Irdischen erkennbar werd^. Jede Spekulation mit dem Wort-an-Sich lag der ersten Blütezeit der israelitischen Kultur fern. Das ist nun — in der Kabbala — anders geworden. Dem Worte kommt höchste Macht zu, „weltenschöpserische". Es schafft in göttlicher Stellvertretung. Wenn auch die „Idee des Wortes" sich gewandelt hat, ersichtlich bleibt die Tatsache eines tiefen inneren Zusammenhanges zwischen der Welt des Sohar, des Talmud und der Bibel. Dieser Zusammenhang ist von dem rationalistischen Rabbinertum geleugnet worden, aber die Millionen, die in Jahrhunderten aus seinen Quellen schöpften, erfuhren in dem Sohar das ununterbrochene Strömen einer dem israelitischen Volkswesen eigenen und — solange es schöpferisch war— immer wieder heroorbrechenden Religiosität. Die Frage, was der Sohar als dritte Urkunde des Judentums an religiöser Neuschöpfung enthält sowie die Frage, welche Bedeutung er für das religiöse Erleben, die religiöse Begrifflichkeit und die religiöse Seinsgestaltung des jüdischen Volkes gehabt hat, läßt sich kaum andeutungsweise im Rahmen eines so eng begrenzten Aufsatzes beantworten. Nur einige ganz allgemeine Richtlinien können gegeben werden. Die religiösen Neuschöpfungen des Sohar sind im Grunde so wenig neu, wie es irgend etwas absolut Neues in der Geschichte des Geistes überhaupt gibt. Uraltes und neues Gedankengut strömt von allen Richtungen und aus den verschiedensten Zeitabschnitten als Eeheimlehre und als philosophische Spekulation in den ununterbrochenen Fluß der Kabbala und findet im Sohar letzten Endes einen Ausdruck, der dennoch sowohl als neuartig als auch jüdisch anzusprechen ist. Ein Vorgang übrigens, der in nichts anders ist als jener, der zur Entstehung der Neuschöpfungen im biblischen Zeitalter geführt hat. Das gilt demnach für alle die Bezirke des Sohar, die in das Gebiet der religiösen Begrifflichkeit hineinfallen. Die Lehre vom Ln-8ok und das Gotteswerk in seiner Abstufung von dem Ajln (Nichts) bis in die Welt der Erden- und Menschenwirklichkeit — dargestellt im Bilde des Sephiroth-Vaumes als erster der vier Welten—, diese Lehre ist ihren Weg gegangen-wissenschaftlicher Erforschung kenntlich seit dem im 9. Jahrhundert entstandenen Sefer Jezira, aber auch sichtlich beeinflußt von frühesten Zeiten durch die Lehren der Pythagoräer, der Reuplatoniker und ihrer Sphärenlehre, der Lehre vom Logos ufw. Die Elemente dieser Lehre stammen hierher und dorther. Aber im Sohar sind sie zu einer neuen Wesenheit vereinigt und haben vor allem auf die religiöse Seinsgestaltung der Juden ungeheuren Einfluß ausgeübt. Das zeigte sich besonders, nachdem — namentlich infolge der Ausbildung, die manche der Lehren des Sohar im Laufe der ersten Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung erfahren hatte — die Kabbala aufhörte, eine Eeheimlehre, eine Wisienschast für Esoteriker zu sein und mit großer Macht die Lebens- und Religions-Lehren des Volkes zu beeinflussen begann. Damals mußten Bibel und Talmud zeitweilig dem Einflüsse des heiligen Buches Sohar weichen. Seine Seelsnlehre, durch Eilgul (Seelenwanderung) und Jbbur (Seelenschwängerung) das Menschenwesen aktiv hineinstellend in den nie beendeten Prozeß der Schöpfung, legt in die Hand des Menschen unerhörte Aufgabe und Verantwortung: durch sein Tun die Ankunft des Messias zu bewirken. Durch diese Aufgabe erhält das gesamte religiöse Leben neue Impulse. Thorastudium, Sabbath und Feste, Liturgie und Ritus, alles wird in Beziehung gebracht zur Teilnahme des Menschen am Schöpsungswerk. Das gilt namentlich aber für den Sabbath, dessen Erlebnisinhalt durch die Kabbala eine Steigerung erfährt, wie sie kühner kaum gedacht werden leum. Durch den Einbruch der Neschamah jethera nähert sich der Mensch am Sabbath dem Urquell des Seins, und durch die Identifizierung der Schechinah mit dem Sabbath in der Gestalt der Braut rückt er in der Liebe zur Braut-Sabbath abermals in die höheren Welten hinauf. Die Neugestaltung des Seins durch den Sohar fand schließlich ihren Ausdruck in immer stärker hervorbrechenden Volksbewegungen. deren letzte, der Chassidismus, ihren Höhepunkt darftellt. In ihm erneuert sich ein ganzes Volk vom Grunde auf. eine Erneuerung, wie sie nicht allzu häufig in der Geschichte der Völker stattgefunden haben mag. So hat der Sohar in nicht viel geringerem Maße wie Bibel und Talmud das Leben des jüdischen Volkes geformt. Das vermochte er aber nur, weil auch er, gleich jenen beiden, seine Formung derselben Kraft verdankt, welche im Judentum von feinem Auftreten in der Geschichte an wirksam ist: dem Wort. In dem Maße, in welchem die Idee des Wortes das geistige Schaffen Israels gestaltet, gewinnt dieses Schaffen Wirksamkeit und Dauer. Dafür sind Bibel und Talmud, aber auch — wie unsere Zeit elnzusehen beginnt — der Sohar, als dritte große Urkunde des Judentums, lebendige Zeugen. NachschriftderSchriftleitung. Jahrhunderte hindurch war es leider der großen Masse der Judenheit ganz unmöglich, sich näher mit diesem wunderbaren Werke zu befassen. Die Schwierigkeit seiner Sprache schloß dieses aus, und nur einigen wenigen Auserwählten war ein tieferes Eindringen ln die Wisienschast der Kabbala und dieses ihres Meisterwerkes, des Sohar, möglich. Jetzt ist diese Schwierigkeit behoben. Im Verlag Dr. Heinrich Glanz in Wien ist soeben von Ernst Müller, dem Bibliothekar der Wiener jüdischen Gemeinde, unter dem Titel: „Der Sohar, das heilige Buch der Kabbala", ein gar treffliches Werk erschienen (Preis: gebunden 20 -M), das zahlreiche Übersetzungen aus dem Sohar enthält. Diese erste umfangreiche Uebertragung der Lehren des Sohar ins Deutsche ist ein Meisterwerk der Ueberfetzungskunst. Die grundlegenden Soharstellen sind stofflich in sieben Abschnitte gruppiert, alle vorkommenden Bibelstellen sind am Rande nachgewiesen. Die Ausgabe ist mit Anmerkungen versehen, in denen unter anderem.die Buchstaben- und Zahlenmystik sowie Beziehungen zur modernen Eeheimwissenschaft behandelt sind. Zwei genaue Jndices ermöglichen die inhaltliche und textliche Uebersicht und Benützung. — Die Zeichnungen für den Buchschmuck hat der bekannte Graphiker Uriel Birnbaum entworfen. Das Erscheinen dieses vorzüglichen Werkes muß von der jüdischen Lehrerschaft freudigst begrüßt werden, denn es gibt ihr Gelegenheit, sich in ein Gebiet zu vertiefen, das ihr bislang wie mit sieben Siegeln verschlossen geblieben war. Der strebende Lehrer, dem es ernst um seine Tätigkeit auf Kanzel und Katheder ist, findet hier eine neue Welt zum Lernenund Lehren. Er wird es nie bedauern, das materielle Opfer eines an sich zwar hohen, aber in Anbetracht der gewaltigen Geistesarbeit des Herausgebers, des Umfanges des Werkes und nicht zuletzt der unvergleichlich schönen Ausstattung gerechtfertigt hohen Betrags gebracht zu haben. (Wir möchten dem Verlag anheimgeben, das Werk evtl, ln Teilzahlungen abzugeben.) M. Steinhardt.

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