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Jüdische Schulzeitung · 1932-06-15 · 6 (15.6.1932) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
6 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Schulze! tung Seite 3 Nummer K deutende schriftstellerische Leistung ist, daß dies Lei Katholiken häufig der Fall ist, Seelenarzt und Seelsorger ziehen dn an einem Strang. Der Seelsorger vermag die freigowordenen Eemütskräfte auf die überirdischen Mächte, denen er dient, abzulenken. Die Herzensergießungen des seelisch Leidenden vor dem Geistlichen können nur dann vollständig und dadurch erlösend sein, wenn vorher der Psychoanalytiker die Ursache der seelischen Krankheit aufgesunden hat. Der Seelsorger hat aber noch eine weitere Aufgabe. Er darf sich nicht wie der Arzt damit begnügen, den Kranken innerlich zu erlösen, er muß ihn auch gleichzeitig binden. Er mutz ihm Anweisungen miigebon. heilige Verordnungen, deren Befolgung die Wahrung seelischer Gesundheit sichern soll. Der orthodoxe Rabbiner würde einem orthodoxen Seelenleidenden die Beobachtung des Schulchan Aruchs zur Pflicht machen. Nur sind, wieder eben erwähnte Prinzhorn wahrgenommenzu haben glaubt, weder -gläubige Katholiken noch orthodoxe Juden in der Regel seelenkrank. Sie bedürfen nicht einer aus der Psychoanalyse sich ausbauenden seelsorgerischen Behandlung. Wer auf sie angewiesen ist, dem kann der orthodoxe Seelsorger kaum nützen. Lebt doch dieser in einer anderen Welt und ist gegen die seelischen Gefahren der heutigen Zeit abgeschlossen. Wie soll er da den seelenleidenden Menschen von heute begreifen? Der mitleidende Rabbiner oder Lehrer dagegen vermag sich in die Seele des Menschen der Gegenwart hineinzuversetzen. Aus innerstem Verstehen. Er weiß, wie es den armen Menschen zumute ist. ist doch auch er, der mitten im modernen Leben steht, einer von ihnen. Gewiß fehlen ihm die das ganze Leben regelnden unveränderlichen Normen des Schulchan Aruchs, wie sie sein orthodoxer Amtsbruder hat. Wegen des Untergangs des Synhedrions als eines geistigen Mittelpunkts der Judenheit konnten sich nicht Richtlinien herausbilden, die der jeweiligen Entwicklung der Judenheit angepaßt waren. Die jüdisch-liberale Vereinigung fühlte sehr stark diesen Uebelstand und versuchte solche aufzustellen. Der liberale Rabbiner oder Lehrer als Seelsorger empfehle deshalb seinen Brüdern und Schwestern, denen er in Liebe seinen seelsorgerischen Beistand gewährt, das, was ihm heilig ist, und er für verbindlich hält. Ich bin überzeugt, daß eine auf der Höhe der Zelt stehende Seelsorge sehr nützen kann. Für sie, der von uns leider nicht genügende Beachtung geschenkt wurde, sind wir Juden besonders veranlagt. Gab es doch von jeher unter uns Juden größte Seelenkenner und Seelenärzte. Der große Seelsorger, welcher der leidenden Menschheit die Erlösung bringt, ist ja seit Jahrtausenden die Sehnsucht der Judenheit. In wunderbarer Schau *) sah ihn einst ein Talmudweiser in der mächtigen Stadt Rom. Dort saß der Weltseelsorger unter den Mühseligen und Geplagten. „Sie rissen sich in einem bald ihre Verbände ab, bald legten sie sich diese an. Vergebens, die Wunden schmerzten. Er aber bindet und löst jeden einzelnen." Das heißt, er behandelte jeden einzelnen für sich, entsprechend der Eigenart des Leidens. Uebertragen wir das auf das seelische Leben, so erkennen wir an dieser oura specialis die Weise des Seelsorgers. Denn „Lösen und Binden", und zwar jeden einzelnen Seelenkranken besonders und dadurch heilen, das ist, wie wir bewiesen zu haben glauben, die Aufgabe der Seelsorge. *)' Synh. 98. Der Sohar. die dritte Urkunde des Judentums Von Hugo Rosenthal (Berlin) Wenn H. Ersetz mit dem Rüstzeug eines rationalistisch geschärften Verstandes daran ging, den Sohar als eine plumpe Fälschung zu entlarven, wenn er gegen die „Afterlehre dieses Machwerkes", das eine Ausgeburt aller Verrücktheit sei, eifert, so drückt sich in solcher Stellungnahme deutlich die geistige Haltung des vorigen Jahrhunderts aus, dem die Bewältigung der Natur und ihrer realen Kräfte eine wesentlichere Aufgabe schien als die Pflege eines Kulturguts, dessen Wert und Bedeutung von jeher heiß umstritten war. So konnte es geschehen, daß die aufblühende Wissenschaft des Judentums sich zwar in einigen Werken auch mit dem Sohar beschäftigte, daß ihr aber im wesentlichen das Bewußtsein seiner Bedeutung als der „dritten großen Urkunde des Judentums" verloren gegangen war. Wie weit Bemühungen aus den beiden letzten Jahrzehnten auch die Mystik des Judentums für eine Erneuerung oder Vertiefung jüdischer Religiosität fruchtbar zu machen, gelungen sind, kann heute noch nicht entschieden werden. Jedenfalls danken wir ihnen den Versuch, auch dem Sohar seine geistesgeschichtliche Stellung in der jüdischen Religion aufs neue zuzuweisen, ihn in seinem „eigenen richtigen Lichte zu sehen", was der Sohar als „die Dinge an ihre Stelle setzen" bezeichnet. Den Sohar in-seinem eigenen Lichte sehen bedeutet, auf eine wichtige Tatsache hinzuweisen. In der kulturellen Entwicklung des Judentums, wie sie in Bibel und Talmud ihren Niederschlag gefunden hat, macht sich, in stärkerem Maße als bei anderen Nationen, ein außerordentlicher Einfluß akustischer Phänomene auf die Gestaltung geistiger und religiöser Fragen bemerkbar. Auf diese Eigenart ist schon wiederholt hingewiefen worden, u. a. von Max Weber, Gesammelte Aussätze zur Religionssoziologie lli, das antike Judentum. „Visuelle Erlebnisse werden bei den Propheten bei weitem und in höchst charakteristischer Art an Bedeutung überragt von den EehLrserlebnissen." (S.327.) Allgemein vom vorderasiatischen Menschen sagt Lenz (Menschliche Erblichkeitslehre — zitiert bei Ruppin, Soziologie der Juden, S.58), daß er „mehr durch den Eehörssinn, der vorwiegend vom Seelischen Kunde gibt, sich orientiere, als durch den Gesichtssinn, der das Körperliche zur Anschauung bringt". Und von jüdischen Kindern unserer Zeit sagt O. Nemecek in einer „Untersuchung zur Psychologie christlicher und jüdischer Schüler", daß der jüdische Schüler mehr verbal und der christliche mehr real denke. In einer Untersuchung, „Die Idee des Wortes in der altisraelitischen Kulturentwicklung" (Internationale Zeitschrift für Jndividualpsychologie, 1932), habe ich den Versuch gemacht, die akustische Prägung der jüdischen Eeistesart in ihrem biblischen Niederschlag nachzuweisen und religionspsychologisch wichtige Folgerungen auf die Entstehung des Monotheismus zu ziehen. Im Vordergründe dieser Untersuchung steht die Erkenntnis von der Bedeutung, die dem „Worte" als dem schaffenden Prinzip in der Religionsentwicklung Israels zukommt. Es ist das Wort, das Buber als das „dialogische Wort", das Wort der Zwiesprache (zwischen Gott und Mensch) bezeichnet. Religiöses Erlebnis, religiöse Begrifflichkeit und religiöse Seinsgestaltung (der ganze Umkreis des physischen und geistigen Lebens) unterliegen der Herrschaft der Idee des Wortes. Unmittelbar leitet diese Idee hinüber in die im Werden begriffene Kultur des Talmud. Ihr Ausdruck ist wiederum das Wort. Aber nicht mehr das dialogische Wort, sondern der (göttlich inspirierte) Dialog zwischen Mensch und Mensch. Das Bewußtsein des Wortes als eines schaffenden Prinzips ist aber dieser Epoche entschwunden, deren Aufgabe ja auch darin bestand, das Wort im- Leben zu verwirklichen. Aber unterirdisch lebt jenes Wissen um das Wort weiter in den Kreisen der Esoteriker. Sie setzten die Ueberlieferung, rfap« jener uralten, von den Propheten in höchster Klarheit erlebten Erkenntnis fort. Und plötzlich sehen wir sie im Buch- INI wieder zur größten Bedeutung gelangt. Wieder ist das Wort herrschendes und schaffendes Prinzip.

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