Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 6 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2825247-2825317-2825323--0622-2826242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Sch»lzerru«g Nummer K Seite 2 j erfüllen; öfter er möchte am Chanukkahfest gern die Lichter anzünden, ist bazu aber nicht kräftig genug. Wie freut er sich, wenn der Seelsorger es für ihn tut. Der Kranke hat dann und wann ein Verlangen, sich seinem Seelsorger gegenüber völlig auszusprechen. ^Deshalb ist es ratsam, daß der svelsorgerischen Unterredung kein' anderer, nicht einmal ein Familienangehöriger, beiwohnt. Es, ist für den Kranken eine seelische Erleichterung, wenn er sein Herz vor dem Seelsorger ausschütten kann. Dieser erfährt dadurch auch, was den Kranken seelisch bedrückt, und weih nunmehr, wo er seelsorgerisch ansetzen kann. Ein warnendes Beispiel schlechter Seelsorge geben nach meiner Auffassung die Freunde ded Hiob. Sie wollen ihm durchaus beweisen, dah er selbst schuld an seiner Erkrankung habe. Sie regen ihn dadurch nur auf. Ob der Seelsorger den hoffnungslos Kranken über dessen Zustand aufklären soll? Eine Verpflichtung, unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen, besteht nicht. Sie tritt hinter der zurück, dem Kranken seelisch Leizustehen. Man soll sich durch die Versicherung des Kranken, er sei fähig und tapfer genug, die volle Wahrheit zu hören, nicht täuschen lassen. Manche sind nicht ernstlich krank, bilden sich aber ein, dah sie ihrer Auflösung entgegen gehen. Sie treffen die letzten Anordnungen. Vom Seelsorger wünschen sie, daß er noch bei ihren Lebzeiten für ihre nach dom Gesetz vorgeschriebene rituelle Waschung und Bekleidung mit den Sterbegewändern Vorsorge und ihnen sogleich einen Platz auf dem Friedhof aüssuche. Es ist ganz aussichtslos, es ihnen auszureden. Wenn jedoch auf ihre Wünsche eingegangen wird, beruhigen sie sich bald. Sie merken es dem Seelsorger an, dah er ihnen willfahrt habe, nicht weil er von der Richtigkeit ihrer Einbildungen überzeugt war, sondern weil er ihrem stürmischen, aufgeregten Verlangen nicht widerstehen konnte. Ein anderer Kranker wiederum gibt sich über die Aussichtslosigkeit seiner Krankheit keiner Selbsttäuschung hin. Ist er fromm, dann ist es nicht schwer, ihn zu trösten. Etwa: „Sie sind ein frommer Mann, nun wie Gott will." Sie erleiden dann nicht ihr Schicksal, sondern nehmen es an. und das ist für das seelische Wohlbefinden von größter Wichtigkeit. Aber auch zu den Nichtreligiösen läßt sich inhaltlich dasselbe sagen, wenn man es nur in eine weltliche Form kleidet. Die Gebete im Sterbezimmer verwandeln es in ein Gotteshaus und bringen den Leidtragenden weihevolle Erhebung. Der seelsorgerischen Behandlung stellen die Ehezerwürfnisse die schwierigsten, aber heiligsten Aufgaben. Heißt es doch im Talmud, daß Gott selbst die Auslöschung seines heiligen Namens gestattet habe, wenn damit der zerstörte eheliche Friede wieder hergestellt werden könnte. Daß die Zahl der Ehescheidungen in den letzten Jahren recht groß ist, lehrt uns die Statistik. Eine über jüdische Ehescheidungen ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Ich setze voraus, daß wir uns in diesem Punkt von der nichtjüdischen Bevölkerung kaum unterscheiden werden. Daß so viele Ehen auseinandergehen, kann nicht wundernehmen. Die Kriegsehen wurden vielfach in leichtfertiger Weise geschlossen. Die Jnflationsehen gründeten sich nicht auf das lautere Gold der Liebe, sondern auf das Scheingold der Inflation. Der junge Mann, der sich für einen weitblickenden Milliardär hielt, gewann sich die Achtung und die Liebe der Jungfrau durch großzügiges Auftreten. Als sich jedoch der Ersatz-Carnegie in einen schwer um sein tägliches Brot mühenden Mann verwandelte, da verflüchtigte sich der holde Schein der Liebe mit dem Verblassen des Scheinreichtums. Häufig wird die Ehe durch die Eifersucht eines der Eheleute zerrüttet. Um dem eifersüchtigen Menschen seelsorgerisch zu helfen, muß man sich Kenntnis über die Entstehungsursache dieser Leidenschaft verschafft haben. Wenn der Seelsorger den Eifersüchtigen veranlaßt, seinen Blick auf sich selbst zu wenden, und in sich zu gehen, dann ist Heilung dieser bösen Seelenkrankheit zu erwarten. In der Diagnose liegt hier beinahe schon die Therapie. Oftmals tritt die Ursache dieser Leidenschaft nicht zutage, wir stehen da vor einem Srelenrätsel. Hier hat uns die Psychoanalyse Dienste geleistet; denn es ist ihr gelungen, einige dunkle Bezirke des Seelenlebens zu erleuchten. Wir werden oft von den stärksten Trieben beherrscht. Wir können sie aber nicht befriedigen. Scham, Angst, Erziehung. Gelegenheit hindern uns daran. Wir müssen das, was wir möchten, in uns zurückdrängen. Das läuft nicht immer gut für unser Seelenleben ab. Wir haben eine seelische Knickung, eine Verwundung (Trauma) davon getragen. Wir haben eine wunde Seelenstelle. Wir kennen sie nicht, genau so wenig, wie wir auch häufig die Ursache eines Fiebers sehen, das unseren Körper durchrüttelt und schwächt. Der Mensch fühlt sich unsicher. Er ist mit sich unzufrieden. Er hat kein rechtes Vertrauen zu sich. Durch Uebersteigerung eines kräftigen Auftretens und aufgeregter Forschheit seiner Frau und anderen gegenüber will er sich selbst und den anderen einreden, daß er ein tüchtiger, schneidiger Mensch, ein ganzer Kerl ist. Wie bekommt man es heraus, ob eine solche wunde Stelle, die den ganzen Menschen plagt und verzerrt, wirklich vorhanden und wenn, wie sie beschaffen ist. Da bediente sich Freud des Assoziationsverfahrens. Er rief der leidenden Person Reizworte zu und forderte sie auf, ein jedes mit irgendeinem Worte zu beantworten, das ihr gerade einfiel. Sonderbarerweise traten gelegentlich Stockungen ein. Gleichzeitig war die behandelte Person erregt. Der Schluß lag nahe, daß die dem Reizwort zustrebende Vorstellung, die stark gefühlsbetont sein mußte, irgendwo fest saß und sich darum dem Reizwarte nicht nähern konnte. Sie hauste in einem Dunkel (Unterbewußtsein), von dem aus sie dem Menschen Unheil bereitete. Wie ist sie dorthin gekommen? Nicht von selbst, sie wurde dorthin von dem jetzt Leidenden gebracht, gedrängt. Aus irgendwelchen Gründen. Dort hat sie sich verfilzt. Es ist zunächst nicht möglich, sie herauszuziehen, in das helle Licht des Bewußtseins zu bringen. Wir wissen nur, daß die Person tatsächlich seelisch leidet, sie macht uns nichts vor, nur wissen wir noch nicht, woran sie leidet. Da half Freud eine weitere Feststellung, die der geduldigen Beobachtung des Traumlebens und der Fehlleistungen, wie eine solche das Sich - Versprechen darstellt. Diese offenbaren die geheimsten Triebe, Wünsche. Befürchtungen, die ihr Inhaber nicht kennt oder nicht wahrhaben will. Für das, was er so gern gemocht hätte, aber nicht konnte oder durfte, hält er sich auf eine andere Weise schadlos. Im Traume toben sich die Lüste und Begierden aus. Auch da können sie es allerdings nicht schrankenlos tun. Denn auch während des Schlafes wacht etwas von Schamgefühl, Sitte in der Menschenseele. Sie können den Sittenpolizisten nicht ganz los werden. Aber sie schlagen ihm ein Schnippchen; sie verkleiden sich und bedienen sich einer harmlosen Maske, um ihn zu hintergehen. Doch einer läßt sich nicht täuschen: Das ist der Psychoanalytiker. Der reißt dem sittenlosen Gelichter die Maske vom Gesicht. Er sieht sie dann, wie sie in Wirklichkeit sind. Darauf unterzieht er seinen Seelenkranken noch einmal einem Assoziationsverfahren, und sobald sich wieder Stockungen, verbunden mit Erregungen, zeigen, die Person etwas aussprechen, von sich geben will, aber es nicht kann, da ruft er ihr ein Wort zu. das den erschlossenen seelischen Tatbestand enthält, und sofort treten bei ihr eine gewaltige Entladung und furchtbare Erregung ein. Haß oder Liebe, die zurückgedrüngt. verdrängt waren, kommen zum Ausbruch und stürzen sich recht häufig mit unwiderstehlicher Gewalt aus den Seelenarzt. Die nichtbefriedigte Liebe heftet sich an ihn. Er wird Gegenstand leidenschaftlichster Liebe, oder der Haß sucht sich an ihm zu kühlen. Es kommt dann und wann zu lebensgefährlichen Angriffen auf ihn. Da erweist es sich, wie gut es ist, wenn der Seelen a r z t Hand in Hand mit dem Seel s o r g e r geht, der sich größten Ansehens und höchsten Vertrauens erfreut. Der hochgeschätzte Nervenarzt in Frankfurt a. M., Dr. Prinzhorn, behauptet in seinem Buche: „Gespräche über Psychoanalyse", das auch eine de-