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Jüdische Schulzeitung · 1932-05-13 · 5 (13.5.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
5 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Sdjuljeltuttß Seite 3 Kammer 5 sich lächelnd ein: wie wunderlich sie sich Leide irrten — habe doch der Rabbi den ganzen Abend mit ihm ein vertrautes Gespräch geführt. Gleicherweise ließ sich ein vierter, ein fünfter vernehmen, endlich bekannten alle durcheinander, was ihnen widerfahren war. Doch schon im nächsten Augenblick verstummten sie." Dabei bedürfen gerade wir deutsche Juden mehr der Seelsorge als unsere nichtjüdischen Mitbürger. Denn die Zahl der seelisch Leidenden ist bei uns Juden ungeheuerlich groß. Ja wir stehen vor einem seelischen Zusammenbruch der deutschen Judenheit, wie er nicht furchtbarer gedacht werden kann. Vor einiger Zeit ist ein streng wissenschaftliches Buch eines protestantischen Theologen Gerhard Füllkrug in Berlin-Dahlem erschienen. Es ist der theologischen Fakultät der Berliner Universität als Dank für verliehene Ehrendoktorwürde gewidmet. Es rnigt den Titel: „Der Selbstmord in der Kriegs- und Nachkriegszeit" Hier wird gezeigt, daß die höchste Selbstmordzifser das Jahr^l913 gehabt hat, in der Kriegs- und Nachkriegszeit ist sie beträchtlich'gefallen, um im schlimmen Jnflationsjahr 1922 ziemlich stark anzusteigen, doch nicht mehr die Höhe von 1913 zu erreichen. Eine Ausnahme bilden aber die Juden in Deutschland. Hören wir den Verfasser selbst: „Ganz erschreckend ist die sprunghafte Steigerung der Selbstmordzisfer bei den Juden. Auch in der Kriegszeit zeigt sich keine Verminderung. sondern eine Vermehrung, in der Nachkriegszeit eine solche von 25 Prozent. Die Juden haben in allen drei Zeitabschnitten relativ die meisten Selbstmorde. Sie übertresfen in den Jahren 1919 bis 1923 die Katholiken um das vierfache, die Protestanten um % . . . Wir sehen ganz deutlich, wie die Katholiken von den Protestanten und beide von den Juden übertroffen werden. Eigentümlich ist der Gipfel der Juden im Jahre 1914. Während in diesem Jahre bei den Protestanten und Katholiken die Selbstmordziffer schon sinkt, steigt sie bei den deutschen Juden rapide. Ob dies mit dem Krieg und der allgemeinen Wehrpflicht, oder mit dem Stillstand des wirtschaftlichen und Erwerbslebens zusammenhängt? Wenn die Irreligiosität nach Masaryk, Winslow, Wagner, Merselli und anderen die Hauptursache für die moderne Selbstmordneigung ist, so könnte man annehmen, daß es auch bei den Juden der Fall ist. Es ist bekannt, daß schon während des Krieges und dann besonders in der Nachkriegszeit sehr viele Juden über die östlichen Grenzen in Deutschland und besonders in Berlin eingewandert sind. Diese sind zum großen Teil der Religion ihrer Väter und dem heimischen Volkstum entfremdet und ihm entwurzelt. Die meisten Selbstmorde zeigen sich ja auch von 1908 bis 1923 in Berlin. Brandenburg und Schlesien. Dazu kommt die Provinz Hessen-Nassau, die ja von jeher auf den Dörfern viel Juden zu Einwohnern hatte. Es ist wohl denkbar, daß die schweren wirtschaftlichen Erschütterungen, die unser Vaterland seit dem Jahr 1918 besonders erlebt hat, starke Einflüsse und Wirkungen auf viele Menschen ausgeübt haben, die keinen religiösen und oft auch keinen sittlichen Halt mehr besaßen. Das internationale Judentum aber stellt zu dieser Menschenklasse einen sehr großen Anteil. Es fehlt ihnen die fromme Ueberlieferung der Väter, aber auch die religiöse Gemeinschaft." Die Begründung für die große Zahl der Selbstmorde bei den Juden-in Deutschland ist irrig, zum Teil sogar verletzend und gehässig. Wer sagt dem Gelehrten, daß die meisten jüdischen Selbstmörder Ostjuden seien; es ist dies sicher nicht der Fall. Dann sollte er bedenken, daß gerade Menschen mit großem sittlichen Gehalt sehr empfindlich sind. Bei ihnen geht alles mehr in die Tiefe als bei weniger feinfühligen Menschen. Das Ehrgefühl ist bei jenen sehr ausgeprägt; sie nehmen sich eine Kränkung, Entehrung oder einen Ansehensverlust mehr zu Herzen. Ist es nicht bedauerlich, daß der Geistliche so nichtachtend von einer Gemeinschaft spricht, welche die edelsten Weisen und Pfadfinder des Menschengeschlechtes in erstaunlicher Fülle zu allen Zeiten hervorgebracht hat? Doch ist die Tatsache der zahlreichen Selbstmorde unter den deutschen Juden an sich leider nicht zu bestreiten. Wirtschaftliche Gründe allein dafür verantwortlich zu machen, geht nicht an. Denn in den Jahren 1913 und 1914 war die wirtschaftliche Lage der deutschen Judenheit sicherlich nicht besonders ungünstig. Daß die Zahl der jüdischen Selbstmörder verhältnismäßig groß fein muß, lehrt auch folgende Ueberlegung. Es ist statistisch bewiesen, daß die Verheirateten viel weniger der Selbstmordsucht unterliegen als die Ledigen. Nun ist darüber kein Wort zu verlieren, daß das Heiraten bei uns deutschen Juden beinahe außer Mode gekommen ist. Es ist also ganz sicher, daß die jüdische Seele in Deutschland sehr anfällig ist und die deutschen Juden seelisch sehr schwer leiden. Woher kommt dies? Es ist von Dr. Ludwig Stern im Archiv für Psychiatrie 1925, S. 514, auf Grund zahlreicher Fälle festgestellt worden, daß mit dem Fortschreiten der Kultur sich die Störungen rein seelischer Natur vermehren. Seelische Erkrankungen, die auf körperlicher Grundlage beruhen, gehen zurück. Der psychopathologische Index, der sich aus dem Bruch „rein seelisch und seelisch-organisch" ergibt, steigt. An den kultivierten Menschen werden eben die stärksten Anforderungen gestellt. Tatsächlich finden sich die meisten Seelenkrankheiten bei den selbständigen Kaufleuten, die in rücksichtslosem Konkurrenzkampf stehen, vor allem bei Börsenleuten, die einem steten Stimmungswechsel unterworfen sind. Stern sagt: „Wir sehen, daß gerade bei den Kreisen, bei denen ein stärkere seelische Inanspruchnahme durch ihren Beruf und ihre soziale Stellung stattsindet, die Erkrankungen des Gemütslebens eine größere Häufigkeitsquote aufweisen." Die Anwendung auf uns Juden ist ganz naheliegend. Wir sind mit der Kultur aufs innigste verwachsen, nehmen an ihr den lebhaftesten Anteil, und daß die Zahl der selbständigen jüdischen Kaufleute sehr groß ist, bedarf keiner Erwähnung. Leben wir überhaupt in einem nervösen Zeitalter, was freilich nicht besagt, daß wir schlechter, schwächer sind als unsere gemächlicher lebenden Vorfahren, sondern daß wir eine Riesennervenkraft aufzubringen ha" .n, die sie niemals vermocht hätten — das nervöse Zeitalter ist gleichzeitig das Zeitalter der größten Nervenanspannung und der Arbeitshelden —, so ganz besonders der Großstädter. Tatsächlich findet sich die größte Zahl der Seelenkranken in den Großstädten. Berlin hat die verhältnismäßig größte Selbstmordzisfer. Der überwiegend größte Teil der deutschen Juden wohnt aber in Großstädten. Das Land, auch die Klein- und Mittelstadt, ist von Juden ziemlich entvölkert; ein großes Unglück für die deutsche Judenheit, was heute endlich von allen führenden Persönlichkeiten der deutschen Judenheit zugegeben wird. Beruf, Aufenthaltsort, waren für die Gesundheit des jüdischen Seelenlebens nicht günstig. Dazu kam noch die geschichtliche Entwicklung des letzten Jahrhunderts, die ebenfalls dem jüdischen Seelenleben nicht förderlich war. Plötzlich strömten die Ghettobowohner in die moderne Kulturwelt hinein. Die einen gaben sich völlig an sie hin und verloren darob ihre jüdische Seele; die anderen schlossen sich von der Neuzeit ab in dem Wahn, damit das Judentum zu erhalten. Endlich ist zum Verständnis des jüdischen Seelenleids noch die Judenfeindschaft in Betracht zu ziehen. Schon die jüdischen Kinder in der Schule leiden unter einer feindseligen Umwelt. Ein Kind braucht vor allem Freude, und kann Verbitterung am wenigsten vertragen. Es kann seine jüdische Abstammung nicht lieben, wenn sie ihm nur seelisches Leid zufügt. (Ein Aufsatz, der in der von Dr. Adler und Karl Furtmüller herausgegebenen Sammlung „Heilen und Bilden" erschien, schildert die Verwahrlosung eines unehelichen, jüdischen Kindes, infolge der dauernden Kränkungen seiner Mitschülerinnen — es war die einzige jüdische Schülerin in der Schule —. Sie kam auf den Gedanken, durch Geschenke sich die Gunst ihrer Mitschülerinnen zu erkaufen. Zu diesem Behufs stahl sie sich Geld.)

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