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Jüdische Schulzeitung · 1932-05-13 · 5 (13.5.1932) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
5 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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<£•*■»« a... ■ Uf‘-tr*,K-K «E >> Seite 2 Jüdische Schulzeltung Nummer S zu dem einzelnen zu reden. Er fühlt sich für den einzelnen ver« Gabriel Rießer! Wo hätte es seinerzeit einen Juden ge» antwortlich. Die Prophetenstelle, die uns den Beginn der Seel» geben, der öffentlich wirken wollte und sollte, der sich nicht diesen sorge anzeigt, findet sich im dritten Kapitel des Propheten. Sie großen Kämpfer und Verteidiger der Rechte der Juden zum ist zu wichtig, als daß wir sie hier nicht wiedergeben sollten: ,/Vu Vorbild genommen hätte! Der Rabbiner fühlte es als seine Menschenkind, zum Wächter setzte ich dich über -das Haus Israel. Pflicht, diese unerschrockenen Kämpfer zu unterstützen, und so Wenn ich dem Gottlosen sage, du mußt sterben und du warnst mußte er den größten Teil seiner Kräfte in den Dienst jüdischihn nicht, und sagest ihm nichts, damit er sich von seinem gottpolitischer Aufgaben, in den Dienst der jüdischen Allgemeinheit losen Wandel bekehre und am Leben bleibe, so wird zwar der stellen. Er übersah dadurch leicht den einzelnen. Die Sorge um Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut werde das Wohl der Allgemeinheit ließ die Sorge um das Wohl der ich von deiner Hand fordern. Wenn du aber den Gottlosen Seelen des einzelnen, die Seelsorge, nicht aufkommen. Die warnst, und er sich nicht bekehrt von seinem bösen Wandel, so Politik verdrängte die Seelsorge. Die jüdische Predigt war vielwird er um feiner Sünde willen sterben. Du aber hast deine sach keine Predigt, sondern zündende Verteidigungsrede des Seele gerettet." Judentums. Ezechiel ist also der Ahnherr aller Seelsorger. Wer seine Neben dem politischen Kampf war es die Begründung der Tat begriffen hat. kann nicht genug über sie staunen. Er erkennt jüdischen Wisienschaft, welche die Allgemeinheit in Anspruch nahm, den Einzelmenschen mit seinen besonderen Leiden und Freuden, Tatsächlich ist damals die jüdische Wissenschaft aus neuzeitlichem seinen persönlichen Fügungen und Erlebnissen. Er sieht nicht Geist wiedergeboren worden. Ein unsterbliches Verdienst der mehr bloß das Volk, die Rasse, sondern schon das Individuum. deutschen Jndenheit. i Die Talmudlehrer müssen Meister der Seelsorge gewesen sein. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, welcher Zauber :j So verstanden sie es, durch erhabene Gespräche religiösen Inhalts der Wendung von der Wissenschaft des Judentums innewohnte. den Kranken seine Schmerzen vergessen zu lassen und ihm Seelen- „Die Wissenschaft des Judentums", das war der größte Schlager. I erhebung zu geben. Aus der Reihe der zahlreichen Unter- Wer kein markiger, mit starken stimmlichen Mitteln aus- 1 Haltungen an Krankenlagern, die uns der Talmud überliefert, gestatteter und wirkungsvoller Redner war, konnte die Aufmerk- | will ich die erste beste anführen: Rabbi Elieser war krank. Da samkeit der jüdischen Oessentlichkeit nur durch irgendeine Leistung \ tarnen zu Ifyn Rabbi Tarfon, Rabbi Josua, Rabbi Elasar, der auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiet erregen. Die junge jüdische Sohn des Afqrja, und Rabbi Akiba. Rabbi Tarfon Hub an: Wissenschaft brauchte in der Tat viele Mitarbeiter, hatte doch der „Meister, du bist Israel mehr wert als der Regen. Dieser er- Staat für sie keine Gelder übrig. I quickt in dieser Welt, du wirst es aber auch in der zukünftigen Am verhängnisvollsten für die jüdische Seelsorge aber war § Welt." Rabbi Josua Hub an: „Du bist Israel mehr wert als die die Unsicherheit und Abhängigkeit des Rabbiners namentlich in Sonne; die Sonne strahlt in dieser Welt, dein Licht aber wird den Klein- und Mittelgemeinden Preußens. Hier erwies sich I auch in der zukünftigen Welt leuchten." Es Hub Rabbi Elasar. seine äußere Unfreiheit als großes Hindernis. Gerade der Seel- J der Sohn des Afarja an: „Du bist für Israel mehr wert als j0IßCt muß frei fein. Wie soll er in zerrüttete Eheverhältnisse Vater und Mutter; denn Vater und Mutter verdanken wir das eingreifen, wie soll er unsittlichem, ausschweifendem Lebenswandel irdische Leben; dir aber das ewige Leben." Rabbi Akiba Hub wehren, wenn er gewärtig ist, sich dadurch den Haß des Gemeindean: „Köstlich sind die Leiden." Da sprach Rabbi Elieser zu seinen gewaltigen zuzuziehen und möglicher Weise seiner Stelle verlustig 8 Schülern: „Richtet mich auf. damit ich die Worte meines eheau gehen? Die Notwendigkeit, gegen eine der Judenheit feindlich p maligen Jüngers Akiba deutlich höre. Akiba", fuhr er fort, „woher gesinnte Umwelt zu kämpfen, an dem Aufbau der jungen Wissen- | Haft du das?" Dieser erwiderte: „Aus der heiligen Schrift habe schaft des Judentums mitzuarbeiten und in vielen Füllen das | ich es. Der fromme König Chiskia hat fein Volk fromm gemacht, Fehlen einer rechtlich gesicherten Stellung, ein Zustand, wie ihn | bloß bei seinem eigenen Sohn, dem späteren König Manasse, gekeine andere Ktrchengemeinschaft kennt, war der jüdischen Seellang es ihm nicht. Dieser tat, was Böse in den Augen Gottes sorge hinderlich. Man wird darum dem Rabbiner nicht gerecht. 1 war. Doch, so heißt es in dem Buch der Chronik: .Als es Manasse wenn man dauernd seine unzulängliche Seelsorgertätigkeit be- \ schlecht ging, da flehte er Gott an.' Damit ist bewiesen, daß die mängelt. Leiden heilsam sind. (Synh.) Die jüdische Predigt zeigt deutlich den Mangel seelsorgerischer Der akademisch gebildete Rabbiner der Neuzeit, wie ihn zu- Tätigkeit. Sie mag wohl geistvoll, gedankenreich, streng folgeerst das jüdisch-theologische Seminar in Breslau für die deutsche richtig, packend, fesselnd, auch wissenschaftlich gehalten sein, aber Judenheit gezeitigt hat. hat sich zum Seelsorger schwerlich entdas seelsorgerisch Schlichte, in die Seele des Einzelnen Einwickeln können. Daraus ist ihm kaum ein Vorwurf zu machen. . dringende, geht ihr zumeist ab. Von ganz anderem Schlage ist die Dieser Mangel ist geschichtlich leicht zu erklären. Nun aber ist Art des Predigens bei den Chassidimrabbis, die man häufig zu Abhilfe dringend erforderlich. So ist es betrübend, daß, während Unrecht als sogenannte „Wunderrabbis" abtun zu können glaubt, von christlicher Seite hervorragende Werke über Seelsorge in recht Sie sind vielfach die wahren Seelsorger. Fallen doch bei \ großer Zahl vorliegen, von jüdischer Seite auf diesem Gebiete ihnen all die die Seelsorge hemmenden, von uns genannten j fast nichts geschehen ist. Wir wollen mit aller Offenheit darüber Voraussetzungen fort. Eine von dem bewunderungswürdigen I sprechen. Als die Mauern der Ghettos gefallen waren und die Sprachmeister Martin Buber erzählte Anekdote veranschaulicht j bisher darin Eingeschlossenen sich in gieriger Hast weltliche, zeituns die Chassidimpredigt in vortrefflicher Weise: „An jedem j gemäße Bildung aneigneten, da war es vor allem der öffentliche Abend nach dem Gebet ging der Baalfchem in seine Stube, zwei 1 Redner, der bei der jüdischen Oessentlichkeit größtes Ansehen ge- Kerzen wurden vor ihn gestellt und das geheimnisvolle Buch der - noß. Der Jude, der vor aller Welt in hochdeutscher Sprache Schöpfung. mit anderen Büchern auf den Tisch gelegt. Dann i fehlerfrei reden konnte, war größten Ruhmes sicher. Wer mit wurden alle diejenigen zusammen vorgelassen, die seines Rats Begeisterung und Schwung redete, war der Held des Tages. Der bedurften, und er redete zu ihnen bis um die elfte Stunde. — | erste öffentliche jüdische Redner in jener Zeit war der Rechts- Als an einem Abend die Leute von dannen gingen, sprach einer l anwalt oder der Politiker. Er mußte für die Bürgerfreiheit von ihnen zu seinem Gefährten, wie ihm die Worte, die der | seiner Glaubensgenossen eintreten, sie erkämpfen und immer Baalfchem an ihn richtete, recht wohlgetan hätten. Der andere l wieder von neuem behaupten. Was Wunder, daß er auch auf den aber verwies ihm solches Geschwätz: „Sie hätten doch die Stube Rabbiner eine große Anziehungskraft ausübte und von ihm zusammen betreten und all die Zeit seither habe der Meister zu unwillkürlich nachgeahmt wurde. keinem als zu ihm geredet. Ein dritter, der dies hörte, mischte

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