Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1932-04-15 · 4 (15.4.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
4 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2825247-2825317-2825321--0605-2826223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nummer 4 l Jüdische Schulzeit«»- Seite 3 zweiten Buche Mose, Kap. 6 V. 9, mit den Worten gekennzeichnet ist: „S i e hörten nicht auf Mose vor Klei n m u t u n b vor hartelm Dienste." Gewiß, die Lage der Lehrer, die in den kleinen Gemeinden angestellt sind, fängt an unerträglich zu werden, und nicht wenige unter ihnen gibt es. die heute kaum noch in der Lage find, ihre Beiträge an den Verband zu entrichten. Daneben aber gibt es, besonders in den Großstädten, Kreise, die in Lässigkeit und Egoismus abseits der Verbandsarbett stehen. Sie sind — nicht selten erst durch die Arbeit, die der Verband durch all die Jahre geleistet hat — auf Lebensdauer mit geregelter Alters- und Hinterbliebenenversorgung angestellt. „Was haben wir vom Verband", pflegen solche Kollegen wohl oft zu sagen, oder „was verbindet uns mit jenen Kultusbeamten in den kleinen Gemeinden", sagen zuweilen Lehrer, die.-das Glück gehabt haben, an einer öffentlichen Schule angestellt worden zu fein. Wir möchten jene Kollegen an das inhaltsschwere Wort der Weltgeschichte erinnern: „Niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen." Ich könnte eine Geschichte von einer Lehrerschaft erzählen. die an einem Institute angestellt war. das für alle Ewigkeit begründet zu fein schien, und das dennoch der Inflation zum Opfer gefallen ist. Mit einem gewissen kollegialen Hochmut hatte sich diese Kollegenwelt zur Zeit von uns fern gehalten, aber sie hat sich später unser, besonders mein persönliches Eintreten für ihre Interessen doch mehr als gern gefallen lassen. Wir alle wissen in diesen schicksalsschweren Tagen nicht, wie sich unsere Zukunft gestalten wird, und mancher, der heute in Lässigkeit oder Egoismus beiseite steht, ist vielleicht noch einmal froh, sich unserer Organisation bedienen zu können. Die heutige Nummer der „Schulzeitung" bringt einen Appell unseres Geschäftsführers, der besonders an die preußischen Kollegen gerichtet -ist, ihre rückständigen Beiträge zu entrichten. Ohne Beiträge der Einzelmitglieder kann keine Organisation ihre Geschäfte führen. Wir möchten gern im Laufe des Jahres einen Verbandstag, zum -mindesten eine erweiterte Ausschußsitzung, einberufen: wir können es nicht, wenn unsere Mitglieder ihre Veitragspflicht nicht erfüllen. Noch eine, größere Pflicht erkennen wir an und unterziehen uns ihr, soweit es nur irgendwie möglich ist: Stellenlose oder sonst Not leidende Mitglieder zu unterstützen! Line schwere Schuld wahrlich lädt jeder aufsich,derunsdieMittelhierzuvorenthält. Schon einmal hat der Verband, und zwar während des Krieges und der nachfolgenden Inflationszeit, eine schwere Krise zu überwinden gehabt. Er hat sie überwunden. Ich hege die Hoffnung, daß der heutige Appell an -die Opferwilligkeit und die kollegiale Pflicht genügt, auch die jetzige zu überwinden. Die Erhaltung des Lehrerverbandes bedeutet nicht nur eine Vereinsangelegenheit.' sie bedeutet die Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes überhaupt, mit ihr die unserer Schule und die des Judentums in Deutschland. Probleme um das Grundschulkind Von Martin Reich, Berlin. Witt man das Aufgabengebiet der Psychologie im allgemeinen umreißen, so läßt sich sagen, daß sie mit wissenschaftlichen Mitteln das Verhallen von Lebewesen in ihrer Berührung mit der Umwelt betrachtet. Sie beschreibt entweder beobachtete Tatbestände, bringt Individuen in bestimmte Bedingungen, experimentiert, mißt — arbeitet also mit naturwissenschaftlichen Methoden — oder sie sucht die mannigfaltigen Beobachtungsergebnisse geahnter, erlebter und erschlossener Natur in eine Synthese zu bringen, geht also geisteswissenschaftlich vor. Bei der Erforschung der kindlichen Seele hat man nicht die Möglichkeit, die Ergebnisse unter Bezugnahme auf das eigene seelische Leben nachzuprüfen. Ebensowenig sind Klndheitsertnne» rungen Erwachsener, Beobachtungen an primitiven Menschen oder an geistig Abnormen — trotz gewisser biogenetischer Analogien — eine vollgültige Vergleichsmöglichkeit. Diese Tatsache hat in jüngster Zeit besonders amerikanische Forscher zu neuen Theorien geführt, nach denen nichts über das seelische Leben selbst ausgesagt. sondern nur das Verhalten von Individuen in bestimmten Situationen festgestellt werden kann. Nur Leistungen und Ausdruckserscheinungen sind mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchbar, alles andere ist unkontrollierbare, also unwissenschaftliche Phantasie. An Stelle von Psychologie spricht man von der Wissenschaft vom snlmul bebavior, vom Verhalten der Lebewesen. Man kann aber die Beobachtung des unmittelbaren seelischen Lebens nicht ablehnen, ohne zugleich mit diesem unserer ganzen Kultur, der Kunst, dem Religiösen die gesamte Grundlage zu entziehen. Wir stehen vielmehr auf dem Standpunkt, daß auch das kindliche Seelenleben in seiner Unmittelbarkeit erforscht werden kann. Das Kind darf aber nicht vom Erwachsenen aus betrachtet und gewertet werden. Denn es ist wohl imstande, über innere Erlebnisse auszusagen, wenn sie in der ihm eigentümlichen Lebenssphäre liegen. Die Untersuchungen und Arbeiten von W. Stern, Bühler, Spranger und Tumlirz unterstützen diese Auffassung. Und doch liefern Untersuchungen über das Verhalten eines bestimmten Schülers X. in einer bestimmten Situation keine restlose Aufklärung über das Kind X., wenn sie die Totalität des inneren und äußeren kindlichen Lebenszusammenhanges außer acht lassen. Der Schüler £. existiert nicht außerhalb des Kindes T. Jedem Lehrer wird die oft vorhandene Differenz zwischen schulischen und außerschulischen Leistungen eines Kindes aufgefallen sein. Das Kind ist eben in seinen verschiedenen Altersstufen ein Wesen besonderer Art. Höchste Leistungsfähigkeit besteht nur innerhalb des natürlichen Milieus. Die Bedingungen kindlicher Ausdrucksfähigkeit sind nur aus seiner Natur zu begreifen, seine Lebensäutzerungen nur aus der Verfassung der -jeweiligen Stufe zu verstehen. Daraus ergeben sich weitreichende Folgerungen: Das Kind ist mit kindgemäßen Methoden zu betrachten. es ist kein Erwachsener in Kleinausgabe. Die kindgemäße Forschung darf nicht störend in die natürliche Entwicklung des Kindes eingreifen. So wohnt deshalb der gesamten heutigen psychologischen Betrachtungsweise die Richtung auf eine Sinnganzheit inne. Man bemüht sich nicht mehr um die Analyse von Einzeläußerungen, sondern um die Verarbeitung zu einem Ganzen. Das Objekt der Kindespsychologie und der Pädagogik ist also nicht mehr der Schüler mit seinen Fachleistungen, sondern das Kind als Ganzheit. Nicht Einzelsymptome sind wichtig, sondern Gestaltung eines Typs, Herausarbeitung einer Typenlehre. Die Tendenz geht dahin, für das Kind auf jeder Entwicklungsstufe diese zentrale Orientierung zu liefern. Das Schlagwort „Wissen ist Macht" ist einer überwundenen Bildungsperiode zugehörig, einseitiger Intellektualismus kann nicht mehr befriedigen, nur was in dem Individuum allfeitigste und vollkommenste Ausgestaltung erfährt, ist wahrhafte Bildung. Dem Kinde ist es innerstes Bedürfnis, sein Erfahren und Erleben mit der ihm eigenen Aktivität frei gestaltend auszudrücken, es verlangt deshalb Tätigkeit. Der neuzeitliche Begriff der Bildung macht das Arbeiten zu feiner Grundlage. Arbeit ist sowohl das Mittel zur Bildung als auch ihr Beweis. Hier beginnt die Ausgabe der Grundschule, den Tätigkeits¬ und Schaffensdrang des Kindes zum Motor des Bildens zu machen, also die Arbeitsschule zu sein. — Die Versuche, ein sinn- und zweckhast konstruiertes Gesamtbild der kindlichen Entwicklung zu gestalten, sind neu. Man begnügt sich nicht mehr mit der Viel, falt von Einzokergsbnissen. sondsrn sucht sts in ihrer Verbundenheit darzustellen. Zwei Wege erwiesen sich hierbei als gangbar. Man untersuchte entweder, wie sich Individuen typischer Art in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.