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Jüdische Schulzeitung · 1932-04-15 · 4 (15.4.1932) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
4 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 i Jüdische Sch»l-eit»»s Aber allerdings ist es nicht Goethesche Art, diesen irdischen Zustand Mit Verachtung anzuschauen. Nicht das Sein ist niedrig, sondern nur das Verharren. Entwickeln ist Weltgesetz, ständiges Umwandeln-zu höheren Zwecken. Um die Zeit, als Goethe dieses Gedicht schuf, schreibt er (am 3. August 1815) Bolsseröe: „Alles ist Metamorphose im Leben, bei den Pflanzen und bei den Tieren, bis zum Menschen, und bei diesem auch." Wenn auch Burdach mit Recht warnt, „Liebesnächte" und „Begattung" bloß als reale physiologische Vorgänge zu verstehen, weil sich überall der Wortsinn in die Tiefe mystischer Spekulation dehne, so muß man andererseits immer zunächst von dem erlebten Anlaß ausgehen. Wer wollte bei der ersten Strophe des wunderherrlichen Gedichtes .Miederfinden" nicht an den Kuß denken (den Kuß, bei dem Düntzer albernerweise anmerkt: „natürlich auf die Stirn"), den Goethe Marianne von Willemer gegeben, sicherlich ein Ausdruck leidenschaftlichsten Empfindens. Und mag das Gedicht sich noch so sehr kosmologisch ausweiten, seinen Stimmungscharakter erhält es nur durch das reale Erlebnis. Stärkstes irdisches Lustempfinden füllt die Seele nicht ganz aus. Ist die Leidenschaft gekühlt, senkt sich Ruhe in die Seele, die aus dem Dunkel der Ekstase wieder als ruhige Flamme, als stille Kerze, leuchtet, so sehnt sie sich nach innigerer seelischer Vereinigung. Es ist bezeichnend für die Betonung des Nichtsymbolischen, daß Goethe ausdrücklich sagt: „die dich zeugte, wo du zeugtest" — nichts Geringeres als die Fortdauer des Geschlechts verbürgt sich. Von einer erniedrigenden Wertung kann da nicht die Rede sein. Aber die Leidenschaft des Aufwärtsstrebens wird immer wieder wach, bis in der sich entwickelnden, sich läuternden Persönlichkeit „zuletzt" alles „Lebendige" in einer Welt reiner Geistigkeit verflüchtigt ist. Zn den „Talismanen" desselben Buches heißt es: Ob ich Zrd'fches denk und sinne, das gereicht zu höherem Gewinne. Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben, dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben. Mag die Dingangsstrophe auch dem Hafis nachgebildet sein, fie hat ihr selbständiges Recht, wenn sie auf die Hoheit des Gedankens hinweist, der so leicht dem Hohne des Pöbels verfallen kann, der da nur ein Versagen und Verkümmern sieht, wo der Weise in der Vergeistigung des Willens ein Aufsteigen zur Höhe beseligend empfindet. Schlösse das Gedicht mit der 4. Strophe ab, so würde die Verwandtschaft mit Hafis inniger erscheinen, und die ursprünglichen Ueberschriften „Selbstopfer" und „Vollendung" wären völlig berechtigt. Aber da Goethe die 5. Strophe angesügt hat, so müssen wir das ganze Gedicht im Sinne dieser Strophe verstehen. Der Unsterblichkeitsgedanke tritt nun zurück vor dem Gedanken der Umwandlung zu höheren Zielen. Und auf Erden muß sich diese Forderung erfüllen. Damit wird das „zuletzt" der 4. Strophe nicht als die Auflösung des Körperlichen, sondern nur als die Vernichtung der Herrschaft des Niedrigen in der Persönlichkeit zu deuten sein. Die Stelle: „Bist du, Schmetterling, verbrannt", bedarf nicht einer Erklärung, in der man trotz des Verbrennens von einer Umwandlung des Schmetterlings spricht, sondern das Wort deutet nur einen Vergleich an („als Schmetterling") und bezieht sich nicht auf die gesamte Existenz, sondern auf das materielle Weltwesen der Persönlichkeit. Das Bunte, Unruhige, Flatternde einer nur äußeren Sinnesart, eines triebhaften und umgetriebenen Wesens wird damit schön symbolisiert. Wie wundervoll ist durchgehvnds -in dem Gedichte das Materielle, das Znstinktmäßige mit dem Dunkeln, das Vernunfthaltige, das Geistige, das doch alles durchdringt und als sieghafter Eros in feine Macht zieht, mit dem Hellen verglichen! Auf der einen Seite: „Liebesnächte", „der Finsternis Beschattung", die Nummer 4 „dunkle Erde", auf der andern die „leuchtende stille Kerze", das „Licht", der „Flammentod" (ursprünglich „Flammenschein"). Diese Sehnsucht zur Helle reingeistigen Erfassens der Welt gewährt dem sich läuternden Herzen das reinste Glück. Sie ist „selige Sehnsucht". Zn diesem Bewußtsein, daß alle Arbeit an uns Erreichtes und Erworbenes sterben läßt, um Neues erstehen zu lassen, daß all unser Wirken und Schaffen uns selbst durch Ueberwinden wachsen läßt, damit Edleres reife, liegt reinstes Menschenglück und schönste Erfüllung unserer Aufgabe auf Erden. Nur so wird unsere Erde „hell" -und unser Inneres „geklärt". Diese Kerngedanken Eoethescher Anschauung vom überwindenden Wirken leuchten wie mit dem milden Glanze der Abendsonne aus einem Briefe hervor, den der Greis am 19. März 1827 seinem Freunde Zelter auf die Mitteilung vom Tode seines Sohnes geschrieben hat. Er mag hier den Schluß bilden: „... Das alte Märchen der tausendmaltausend und immer noch einmal einbrechenden Nacht erzählen sich die Parzen unermüdet. Lange leben heißt viele überleben: so klingt das leidige Ritornell unseres vaudevilleartig hinschludernden Lebensganges: es kommt wieder an die Reihe, ärgert uns und treibt uns doch wieder zu neuem ernstlichen Streben. Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie ein Konvolut sibyllinischer Blätter, deren eins nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt und dabei den Ueberbleibenden von Augenblick zu Augenblick höheren Wert verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander, vom Weltgeiste berufen, in den Aether zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen! Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so würden wir gewiß nur desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen." Um die Erhaltung unserer Organisation! Von M. Steinhardt. Fast vier Jahrzehnte sind seit der Begründung unseres Lehrerverbandes verstrichen. Unter schweren Kämpfen wurde er begründet, unter noch schwereren erhalten. Es gibt Kreise bet allen Konfessionen, denen ein freier, in sich gefestigter Lehrerstand ein Dorn im Auge ist. die nur sozial und geistig abhängige Lehrer vertragen können, und diese haben auch uns wahrlich das Leben nicht leicht gemacht. In der deutschen Judenheit kommt ein Element hinzu: Die separatistische Orthodoxie, welche glaubt, daß ein einmütiges Zusammenarbeiten zwischen den Anhängern verschiedener religiöser Richtungen im Judentum aus religiösen Gründen nicht stattfinden dürfe. Ein volles Menschenalter wurden wir aus jenem Lage-r bekämpft. Dieser Kampf ist heute überwunden. Die alte Generation, die ihn einst begonnen und zuweilen mit häßlicher Schärfe geführt hat, hat zum großen Teile das Zeitliche gesegnet: die junge Generation, die inzwischen herangewachsen ist, hat die Einsicht gewonnen, daß gerade uns Lehrern Einigkeit ganz besonders not tut. Die Anhänger des Lehrervorbandes erstrecken sich heute bis tief in die Reihen der separatistischen Orthodoxie hinein, und wenn auch ein kleines Häuflein „Unentwegter" noch immer beiseite steht, so sucht doch auch dieses nicht mehr, wie es vor wenigen Jahren noch unablässig geschah, unsere Wege zu kreuzen. Es kommt hinzu, daß man auch in jenen Kreisen zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß die Leitung des Verbandes keine religiösen Richtungen kennt, sondern nur ein Ziel vor Augen hat: Erhaltung der jüdischen Schule und — als Vorbedingung hierzu — Sicherung der Interessen des Lehre-rstandes! Und doch ist die Lage im Verbände zur Zeit unbefriedigend. Es erscheint dies verständlich unter dem Gesichtspunkte, der im

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