Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 4 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dummer 4 Monalsschrist ffir Pädagogik und SchulpolMK Herausgegebe« vom „Reichsverband der jüdische» Lchrervereinc" 8. Jahrgang Die .Jüd. Schulzeitung" erscheint um den IS. elneSjedenMonats und wird allen Mitgliedern der dem .Reichsverband der jüdischen Lehrervereineangeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nicht» Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. April 1932 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Straße S7. Fernruf: Sammelnunrmer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt-Magdeburg, für den Inseratenteil: L.Kn u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die bgespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Goethes „Selige Sehnsucht" von Dr. M. Spanier, Berlin. Um die Erhaltung unserer Organisation von M. Steinhardt. Probleme um das Grundschulliud v. Martin Reich, Berlin. Leitsätze zur Gestaltung eines zeitgemäßen hebräischen Unterrichts. Literarisches. Bei der Schriftleitung eiugegangene Bücher. Notizen. Aus dem Lehrer-Berbande Goethes „Selige Sehnsucht" Bon Dr. M. S p a n i e r (Berlin) Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet, das Lebend'ge will ich preisen, das nach Flammentod sich sehnet. In der Liebesnächte Kühlung, die dich zeugte, wo du zeugtest, überfällt dich fremde Fühlung, wenn die stille Kerze leuchtet. Nicht mehr bleibest du umfangen in der Finsternis Beschattung, und dich reißet neu Verlangen auf zu höherer Begattung. Keine Ferne macht dich schwierig, kommst geflogen und gebannt, und zuletzt, des Lichts begierig, bist du, Schmetterling, verbrannt. Und solang' du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! bist du nur ein trüber East auf der dunklen Erde. Goethes „Selige Sehnsucht" nannte ein feinsinniger Maler das schönste Gedicht. Es gibt zum Glück viele „schönste" Gedichte Goethes. Konrad Vurdach bemerkt in seiner vorzüglichen Ausgabe des „Storni" (Cottafche Jubiläumsausgabe. Bd. 5): „Vielleicht das schwierigste aller Gedichte Goethes." Da lohnt es sich schon, ein mit solchen Superlativen bedachtes Gedicht einmal bis ins einzelne Wort zu betrachten. Es gehört zu jenen Offenbarungen zauberischer Wortkunst, bei denen jedes Glied der Kette einen naturnotwendigen Platz hat. Jedes Wort „sitzt". Eine Zergliederung des Gehalts dieser Dichtung braucht nicht den Vorwurf einer pedantischen Verengung der Gefühlsweite dieser Dichtung zu scheuen. Man darf nicht vergessen, daß die Stärke dieses Gedichts nicht allein im Gefühlsmäßigen steckt, sondern daß Gedankliches nicht unwesentlich sein Entstehen beeinflußt hat und selbständige Geltung ln ihm beansprucht. Man raubt dem Gedichte nichts von seiner mystischen Schönheit, wenn man versucht, es bis ln seine Winkel zu durchleuchten. Andttchtiges Schwärmen sollte eindringendes Verstehen voraussetzen. Alle Arten der Mystik seien erlaubt, nur nicht die Mystik des Nichtverstehens. Die Ghasele des Hafis, durch die Goethe angeregt wurde, lautet: Wie die Kerze brennt die Seele hell an Liebesflammen, und mit reinem Sinne Hab' ich meinen Leib geopfert. Bis du nicht wie Schmetterlinge aus Begier verbrennest, kannst du nimmer Rettung finden von dem Gram der Liebe. Und der Schluß: Kennt wohl der Pöbel großer Perlen Zahlwert? Gib die köstlichen Juwelen nur den Eingeweihten. Verbreitete Gedanken orientalischer Mystik werden hier dichterisch umschrieben: Die reine Seele ist an den Leib gebunden» der sie durch die Begierden verwirrt und in der Niedrig! :it irdischen Treibens zum „Gram der Liebe" trübt. Erst die innige Wiedervereinigung mit dem Weltgeiste bringt, nachdem das Leibliche überwunden ist, der in reinem Streben glühenden Seele Erlösung. Goethe kannte auch aus des Olearius' Uebersetzung von Saadis Boston „Die verliebte Mücke". Die Mücke wurde einstens angeredet: „Armes Blut! suche jemand zu lieben, der deinesgleichen ist; du und das Licht, deine Geliebte, sind so weit voneinander." Darauf antwortete die verliebte Mücke: „Was ist denn daran gelegen! sterb ich schon, so Hab ich Feuer in meinem Herzen, .... mit Willen werfe ich mich nicht selbst ins Feuer, aber die Ketten der Liebe zur Kerze ziehen mich dahin." Man sieht, wie auch hier das Streben der Seele zu edlerer Vereinigung unter dem Bilde des ins Licht fliegenden Infekts, das seinen Leib opfert, dargestellt wird. Wenn Goethe sich willig von der orientalischen Formensprache dieser asketisch-erotischen Mystik beeinflussen läßt, so ist doch von vornherein klar, daß er im fremden Gewände nur seine eigene Anschauung gibt. Wer sich Goethe nur als das „Weltkind" vorstellen kann, muß sich vor jeder einseitigen Ueberspannung dieses Begriffs hüten. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; die eine hält ln derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen. Und schon im Leipziger Liederbuch finden sich Spuren der Anschauung, daß eine Vollendung geistigen Strebens erst in einer unirdischen Welt erreichbar ist.