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Jüdische Schulzeitung · 1932-03-15 · 3 (15.3.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
3 (15.3.1932)
Date
1932-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nummer S Jüdische Schulzeit««- Seite 3 vorhanden sind. Nicht nur weil ihnen die einfachste Ausbildung versagt blieb, sondern weil sie ganz früh auf falsche Wege gewiesen wurden. Bei Literatur und Dichtung mutz das produktive Verhalten im Vordergrund stehen,' nicht daß man zum Mittelalter zurückkehren wollte, wo das Verfertigen von lateinischen Versen ein Lehrziel war. Die Leistung soll eine schlichtere, aber trotzdem nicht selbstverständliche sein: die ausdrucksvolle, formensichere Beherrschung der Muttersprache, eine aktive Cmpfänglichlcit, die die Gestalten eines Dramas bis ins Innerste spürt, und nach Ausdruck und Gestaltung drängt. So wie in der Musik nur derjenige als musikalisch bezeichnet wird, der auch fähig ist, selbst Musik auszuführen: mit gleichem Recht kann man nur dann von wirklichem Verständnis für die Dichtung sprechen, wenn ein Mensch fähig ist. über das bloße Genießen hinaus der Dichtung Leben zu verleihen, indem er sie wirkungsvoll (nicht effektvoll) vorzutragen oder darzustellen weiß. Der Sinn für die Dichtung ist in den meisten Fällen bildsam. Welche Rolle das Rhythmusgefühl, die Fähigkeit der Einfühlung und das Gedächtnis spielen, darf nicht übersehen werden. Es muß erreicht werden, daß lebensvollstes Rächempfinden des Dichterwillens zustande kommt. Rhythmus, Klangschönheit, Anschaulichkeit sind nicht äußerer Aufputz, sie sind das Wesen der Dichtung, — Gedanke und Form sind unlösbare Einheit, einmaliges Erlebnis und müssen als solches nachempfunden werden. In der bildenden Kunst: Die rein technische Beherrschung der Darstellungsmittel ist ein Teil der künstlerischen Betätigung. Mit Recht stellt der Arbeitsunterricht die zeichnerische und modellierende Darstellung neben die sprachliche. 'Geschmackvolle Farbengebung, Erfasien des Charakteristischen. gute Austeilungen der Fläche sind technische Mittel, die der Kunst die größere Wirkung sichern: Kunst sind sie nicht. Allgemeine Eefühlsstumpfheit, Fehlen des Farbensinnes, mangelnder Sinn für lineare Formen, geringe Beobachtungsgabe. Phantasielosigkeit stellen sich dem bildnerischen Unterricht entgegen. Das visuelle Gedächtnis kann systematisch geschult werden und bietet ein ebenso großes Feld pädagogischer Betätigung, als die oben erwähnten Mängel. Die eigentliche Kunst beginnt da, wo sie in ihrer Darstellung vom Technisch-Naturalistischen abweicht und Selbstgesehenes und Selbstgefühltes ausdrückt. Der Ausgleich zwischen der individuellen Darstellung und der überindioiduellen Form schafft den Stil. Der Weg, den der junge Mensch in seinem Schaffen beschreitet, führt von der anfänglichen Bemühung um die Form über die freie Beherrschung der Form zum Selbstschassen neuer Formen. Es muß höchste und letzte Aufgabe der Erziehung zur bildenden Kunst sein, den eigenen Stil frei zu machen, zu freier künstlerischer Tat. Der Weg bis dahin ist weit und wir kommen in der Schule nicht über die ersten Marksteine hinaus. Bon den Widerständen gegen das Künstlerisch«. Das Schülermilieu. Fast alle meine Schüler entstammten proletarischem Milieu. Sie bringen von Hause aus keine Voraussetzungen mit: sie haben in ihrer Umgebung nie wirkliche Kunst sehen können. Die lebendige und die tote Umwelt des Kindes sind denkbar armselig. Aber auch die ganze Gemütsverfassung ist durchaus nicht geeignet, den Wunsch nach Erlebnis und Schöpfertum aufkommen zu lasten. Die große Not und Härte des Lebens tritt so früh an sie heran, daß sie anfänglich der Kunst in der Schule mit dem Achselzucken des Bedauerns, ja sogar mit einem ironischen Lächeln gegenüberstehen. Wenn man einen Blick in die Wohnung dieser Kinder kietan hat. so kann man ernstlich schwankend werden an seiner Ausgabe. Es fragt sich, ob man nicht durch die Eeschmacksbildung und die Höherzüchtung künstlerischer Fähigkeiten ihnen das Leben unerträglich machen würde. Cs ist so, daß ihnen plötzlich die Augen aufgehen und sie sich in ihrem Heim, das sie jetzt als kahl und leer empfinden, nicht mehr heimisch fühlen können. Es gilt also (unter Ausschaltung dieses Gedankens) die Kinder vorerst einmal für das Künstlerische zu interessieren. Dieses Jntereste muß aber in einem Grade erweckt werden, daß das Künstlerische von nun an auch eine entscheidende Rotte in ihrem Leben spielt. Die ersten Arbeiten mußten demnach zweckgebundene sein. Es sollte dem Kinde die Notwendigkeit des handwerklichen. des musikalischen und sprachlichen Schaffens züm Bewußtsein kommen. Wenn man erst begonnen hat, sich mit dem Technischen der Kunst zu befreunden, so ist der Weg beschritten, der zur zweckfreien, künstlerischen Betätigung führt. Wenn sich nun Kinder und Lehrer zusammensinden, um eine technische oder gar künstlerische Ausgabe in Angriff zu nehmen, wenn das Interesse der Kinder am Schaffen endlich erweckt ist und die Gedanken sich konzentriert haben, so empfindet man die Schulstunde, „das Klingelzeichen", als den größten Feind des schöpferischen Tuns. Beginnt man am anderen Tage das Werk von neuem, so ist die vorausgegangene Arbeit Zeitverschwendung gewesen. Der Kontakt mit der Arbeit ist verloren gegangen und muß vollständig neu geschaffen werden. An Elternabenden habe ich öfters über die Aufgaben und die Möglichkeiten des künstlerischen Unterrichts gesprochen und versucht, das Jntereste der Erwachsenen für die kindlichen Arbeiten zu gewinnen. Bis auf wenige Ausnahmen stieß ich immer wieder auf einen hohen Grad von Unverständnis in Dingen der Kunst. Nicht daß es dabei zu offenen Anfeindungen des künstlerischen Tuns gekommen wäre: es war dieselbe Erscheinung, die sich auch anfänglich in den Gesichtern der Kinder widergespiegelt hatte. Es fehlte der Glaube an die Sache. Die Eltern konnten sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß aus künstlerischem Tun erziehliche Werte entspringen. Das Lächeln über die Kunst war kein verächtliches: es war mitleidig! Wenn von den Widerständen des Milieus, von den Hemmungen der kindlichen Seele selbst die Rede war, so darf ein wichtiger Punkt nicht unberücksichtigt bleiben: die eigene Unzulänglichkeit. Die Ausbildung, die einem Volksfchullehrer in künstlerischer Hinsicht gegeben wird, tarn bisher (von Einzelfällen abgesehen) nicht über das Technische hinaus. Obwohl es hinreichend Wege gibt, auf denen man 20jährige Menschen zur wahren Kunst führen kann, fanden sich doch nur selten wahrhafte Führer. Es gibt Situationen, in denen der Lehrer durch den Mangel an eigener Technik im künstlerischen Tun gehemmt ist und es liegt da nichts näher, als den ganzen Mißerfolg eines Unterrichtsergebnistes auf dieses Konto zu buchen. Von dem Wille«, diese Widerstände zu überwinde». Die Beseitigung der äußeren Schwierigkeiten ist zunächst eine Frage des Stundenplanes (die Doppelstunde). Soll aber der technische Unterricht einem künstlerischen Platz machen, so ergibt sich die Frage, ob ein Nachmittagsunterricht in der Großstadt- Volksschule erwünscht und möglich ist. Wahrscheinlich wird es nie vollkommen gelingen, den Eltern die Idee der Kunsterziehung glaubhaft zu machen. Das Ziel der Höherführung des Eefchmacksurteiles muß letzten Endes eine ganz neue Lebensrichtung fein in Wohnung, Kleidung, Nahrung. In der ganzen Lebenshaltung also wird sich die Einfachheit, die Ursprünglichkeit und Frische, vor allem die unbedingte Ehrlichkeit, bemerkbar machen. Ein Mensch, der tatsächlich etwas vom Wesen des . Künstlerischen erkannt hat, wird in seiner Kleidung gesund und einfach sein, wird in seiner Umgebung nichts Ueberladenes dulden. Gips, der Marmor fein will, Ton zu Porzellan heraus» geputzt, Linoleum, das Gewebe vortäufchen soll, wird ihm ein Greuel sein. Alles Enge, Ueberladene, Unwahre wird er aus

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