Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1932-02-15 · 2 (15.2.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
2 (15.2.1932)
Date
1932-02-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2825247-2825317-2825319--0589-2826205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nummer 2 ) Jüdische Schulzeit«»- Seite 6 des Minderwertigkeitsgefühls, tritt, wie bei Beurteilung der Begabung: schon gezeigt wurde, als bedeutsamer Faktor hinzu. Alles drängt nach Übersteigerung. nach Vorsprung, nach Abschluß: nach Reife. Nur die Ueberlegenheit. die sie schafft, bietet dem jüdischen Kind wirksame Befriedigung seines Geltungdranges. So wird es altklug, kritisch, blasiert. Es „weiß alles", weil es viel gelesen hat: es „versteht alles", weil es vor der Zeit zum Nachdenken über einige Zusammenhänge gezwungen wurde: es urteilt über alles und alle, weil seine Ueberlegenheit über die Altersgenossen ihm ein Recht dazu zu geben scheint. Es kann nicht unbefangen sein, denn seine Harmlosigkeit muhte es bei der bitteren Berührung mit der Umwelt verlieren. Müller-Claudius nennt die Kindheit des jüdischen Kindes eine erschütterte Kindheit. Das ist durchaus richtig. Es wächst selten in gesundem, kräftigem Erdreich. Der Boden unter ihm ist von Anbeginn unterwühlt. Hitze trifft es und Frost, härter, als die zarte Pflanze ertragen kann. Oft zerbricht der Sturm junge Aeste. Da muh es schnell reifen, muh diesen Lebensabschnitt schnell hinter sich lassen. „Ungefähr im Alter von 15 Jahren hört das Kind auf. sich im glmchen Grade weiterzuentwickeln. Jetzt betritt es mit einer gewissen Müdigkeit. und überbürdet von Erfahrungen, den Schauplatz des Lebens", sagt Redcliff. Das Land der Psalmen Von Dr. M. Spanier, Berlin. Das Land der Psalmen, weithin sich dehnend, nicht eingeengt durch feste Grenzen, ist das fromme Gemüt des Betenden. In ihm sind sie erwachsen, und in ihm wurzeln sie weiter und erblühen immer wieder aufs neue. Wessen Herz fähig ist. in diesen heiligen Bezirk sich zu erheben, nachdem er von den Fühen die Schuhe gelöst, die des Lebens Not und Niedrigkeit mit Staub und Schmutz befleckt hat. dem offenbaren sie ihre fortwirlende Wunderkraft. Aber wie der Ewigkeitsgehalt dieser Dichtungen Spuren der Zeitlichkeit ihrer Entstehung nicht vermissen läht. so erkennt man auch hier und da die besondere Art des Heimatbodens, auf dem diese Poesie erwachsen ist. »in dem Himmel, der sich über dieser Landschaft dehnt, leuchten die Sterne mit stärkerer Glut als in unfern Breiten^ Ritt dem strahlenden Blick des glückbewuhten Liebenden beginnt die Sonne ihren Wanderlauf. Und wenn die Nacht mit verstärktem Glanz all ihre Lichter in schimmernder Pracht ausleuchten läht. dann mag gar aus dem Munde der Kinder der Laut des Staunens über Gottes Machtfülle geweckt werden. und der fromme Beter ruft: Gott, unser Herr, wie herrlich ist Dein Walten auf der ganzen Erde, der Du Deine Pracht gesetzt hast an den Himmel! Das Land der Psalmisten liegt am Meere., Wenn feine Wasser im Sonnenglanze ruhen, sieht man die vielen Schiffe Ziehen und das Gewimmel der großen rätselhaften Meeresliere. die sich darin spielend tummeln. Aber manchmal ziehen die Wogen in weithin gestreckten Zügen majestätisch heran und geben dem Frommen doch nur den Gedanken ein. daß. viel! erhabener in seinen Höhen der Ewige ist. Nicht häufig sind Gewitter . in diesem Lande. Wenn die gewaltige Donnerstimme Gottes über dem Meere tönt, bäumen sich die Wellen, und über den Libanon hin zieht sich das Rollen aus dunklen Wolken, und Blitze zerschmettern die Zedern, bis das ganze Land unter dem Zug des Gewitters liegt, das dann in den Wüsten des Südens verklingt. Berge und Hügel erfüllen das Land, sie treten geradezu für leinen Namen ein. Die hohen Berge, die Erundsäulen der Erde, wer anders kann sie in Urzeiten gegründet haben als Gott selbst? Gottes Berge werden sie daher genannt. So fest und ohne Wanken stehen sie. daß skr ein Bild sind für Gottes Gerechtigkeit. Der ragende Libanon, dessen Gipfel mit Schnee gekrönt ist. wird häufig genannt. Die hohen Bäume, in deren Zweigen die groben Vögel nisten. Zedern und Zypressen, sind feine Zier. Auch sie. die nur Gott gepflanzt hat und nur er versorgen kann, sind „Gottes Bäume". Den Hermon. der mit feinen reichen Tauwolken in Rieselbächen die benachbarten trocknen Gebiete versorgen kann, nennt der Psalmist und den lieblichen Tabor. 2ns Ostjordanland schweift der Blick, wo das mächtige Haurangebirge mit vielen giebelförmigen Gipfeln, den zugespitzten Wänden erstorbener Krater, in den Himmel starrt. Scheel blickt dieses gewaltige Baschansgebirge auf den allererhabensten Berg. „Lust der ganzen Erde", auf den Zion in anmutiger Landschaft. Ihn hat sich Gott für ewig erkoren. Er ist der Mittelpunkt. Andere Berge umgeben ihn, als wollten sie ihn behüten, wie Gott sein Volk schützt. Fest gegründet ist auf ihm die Stadt Jerusalem. Beglückt schon ist der fern weilende Fromme, wenn man ihn aufsordert zur gemeinsamen Wanderung dorthin, beglückter, wenn sein Fuß die Stadt betritt, und er nun, wie gebannt, ihre Schönheit betrachtet. Da bewundert er die festen Mauern und weiten Zwinger, die vielen Paläste und Türme rings um das Herrlichste, das Heiligtum. Jerusalem! Wer könnte diefe Stadt. Sammelpunkt aller Gottestreuen, aus seinem Sinne verlieren! Mit schlimmster Selbstoerflüchung kann sich der Fromme in der babylonischen Gefangenschaft bedrohen, wenn er Jerusalem vergäße: ihn wird der Fluch nicht treffen. Und der Sänger, der gezwungen ist. im Norden der Landesgrenzen zu weilen, in herrlichster Berglandschaft, wie sehnt er Ich nach den Festseiern in der heiligen Stadt! Im Quellgebiet des Jordan, am Südabhang des Hermongebirges, wohnt er. wo aus den Felswänden all die vielen Bächlein springen, die sich gleichsam ermunternd zur Vereinigung rufen. Ihn tröstet nicht das herrliche Bild, es quält ihn nur und verstärkt seine Sehnsucht nach der heiligen Stadt. „In mir ist die Seele gebeugt, darum denk ich an Dich vom Lande des Jordan und des Hermon, vom Berge Mizar. Flut ruft der Flut zu im Hall Deiner Bäche, all Deine Wogen und Wellen mich überströmen sie." Der Jordan, des Landes größter Fluß, hauptsächlich genährt durch die sommerliche Schneeschmelze der hohen Berge, hat sein Bett in der tiefsten Rinne der Erde. Er ist daher in feinem Segen für das Land nicht vergleichbar mit den großen überströmenden Wassern Mesopotamiens und Aegyptens. Vom Himmel her, vom „Strome Gottes", dem Regen, wird das Land befruchtet. In der ganzen Sommerzeit liegt es trocken da. Besonders in den taulofen Gegenden sengt die glühend« Sonne. Man versteht, daß hier das Wort „Schatten" gleichbedeutend ist mit Schutz. Und wenn gar im Frühling die trockenen und heißen Wüstenwinde wehen, kann der bunte Blumenflor der Wiesen kn einem Tage dorren. Das wenig verwurzelte, plötzlich aufsprossende Grün der flachen Dächer aus den Samenkörnern, die der Wind verstreut hat. trifft der Todesstrahl am schnellsten. Glücklich „der Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht zur Zeit bringt und dessen Laub nicht welkt". Die Flußbetten, besoniders am Ostabhange Judas zum Toten Meere hm. trocknet die Sonnenglut völlig aus. Der erwünschte Zuzug der Brüder aus dem babylonischen Eril erscheint dem Dichter so glück- und freudebringend wie das Emströmen in die Rinnen des Südlandes. Die innigste Sehnsucht nach Gott wird verglichen mit dem Lechzen des Hirsches nach frischem Wasser, mit dem Dürsten des Bodens nach Feuchtigkeit.. Kein herrlicheres Bild kennzeichnet das segenvolle Walten des Königs „wie Regen auf Wiesenschur, wie Güsse, die das Land durchfeuchten". Der Regen fällt zur Winterzeit. Die Ernte hängt davon ab, daß er zur bestimmten Zeit und in den rechten Abständen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.