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Jüdische Schulzeitung · 1932-02-15 · 2 (15.2.1932) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
2 (15.2.1932)
Date
1932-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 IüdifcheSchurreituas Nummer r f auch oft genug vor. daß alle drei Faktoren an der Entstehung der Frühreife beteiligt sind. Wenn mir sagten, daß Verwahrlosung und Kriminalität Jugendlicher Formen der Frühreife seien, so bedeutet das natürlich nicht, daß diese immer ienfc entschließe. Man kann allerdings vermuten, daß sie immer eine Gefährdung des Jugendlichen bedeutet. So sagt auch der erwähnte Salomon Redcliff von den frühreifen jüdischen Kindern, daß viele von ihnen dazu tendieren, vom rechten Weg abzulenken, wenn sie älter werden, und daß sie den Eltern und Lehrern oft viel Enttäuschung bereiten (zitiert - bei B. Epstein a. a. O.) Nun ist die Zahl jugendlicher Krimineller und Verwahrloster bei den Juden absolut und im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung wohl nicht so groß — genaue statistische Angaben darüber fehlen —, das; man daraus Schlüsse auf eine besondere Frühreife jüdischer Kinder ziehen könnte. Sie ist aber, wie anerkannt wird, in grobem Umfang vorhanden, äußert sich nur in anderen Formen. Jüdische „Wunderkinder", namentlich auf musikalischem Gebiete, kommen ungewöhnlich häufig vor. Ihre Zahl steht aber in keinem Verhältnis zu den Musikgenies, die aus dem Judentum hervorgehen, woraus ersichtlich ist. daß ihre musikalische Entwicklung vorzeitig zum Abschluß gekommen war. und daß es sich bei ihnen also um eine Frühreife gehandelt hat. Dasselbe gilt für die ebenso häufigen Fälle des wissenschaftlichen „Wunderkindes", das namentlich bei den Ostjuden als kleiner Talmid-Chacham zu erscheinen pflegt. Doch handelt es sich hier wie dort zumeist um exzeptionelle Falle, deren nur relative Häufigkeit es nicht rechtfertigen würde, allgemein von Frühreife jüdischer Kinder zu sprechen. Wenn wir die Faktoren ins Auge, fassen, von denen wir vorhin sagten, daß sie die Frühreife begünstigen, so werden wir finden, daß sie sämtlich beim jüdischen Kind in großer Stärke wirksam sind: Mangel an gleichmäßig wärmender Liebe, eine gewisse Körperminderwertigkeit und früher Pubertätsbeginn. Dazu kommt als Folge der beiden ersten, sowohl wie auch ganz allgemein, das übersteigerte Minderwertigkeitsgefühl. Die Frühreife des Verwahrlosten ist zumeist auf den gänzlichen Mangel an Liebe zurückzuführen. Das jüdische Kind wird frühreif durch den Wechsel von Liebe und Sab. den es -erfährt. Arnold Zweig behauptet im Caliban. daß es diesen Wechsel schon im elterlichen Sause kennenlerne. „Eine Art heftiger, überreizender Brutpflege dringt ununterbrochen auf die Kinder ein, und je intensiver die Not des Lebenskampfes an den Eltern zehrt, desto leichter schlagen sie. und zwar als regelmäßige Gefühlshaltung, von heftigem Aerger dem Kinde gegenüber in ebenso heftige Liebesbezeigung um. so daß es schon, an den Eltern erlebt, ein Gefühl fortwährenden Wechsels von Warm und Kalt als Selbstverständlichkeit mit in sein Leben einbaut." Wie weit diese Ansicht richtig ist. ließe sich wohl nur in einer sehr intensiven Beobachtung der jüdischen proletarischen Massen feststellen< Auf jeden Falk besteht der Wechsel zwischen dem Daheim und dem Draußen des Kindes. Es war schon auf die übermäßige Verzärtelung, der es in der Familie ausgesetzt ist und auf deren Folgen hingewiesen worden. Der häuslichen Treibhauswärme steht die harte, kalte Außenwelt gegenüber, die das Kind verletzt, wo es mit ihr in Berührung kommt. Die erste Folge solcher Erfahrungen ist die. daß das jüdische Kind in einem Alter nach dem Woher und Wozu dieser Erscheinungen zu fragen beginnt. in dem andere Kinder über die einfachsten Dinge ihres Lebens noch nicht hinaus sind; und die letzte Wirkung ist. daß sie in einem Alter aufhören zu fragen, in welchem die anderen erst recht anfangen. Es ist erschütternd, wenn ein siebenjähriges Kind von uns wissen will, warum die Juden überall in der Welt leiden müssen. Noch erschütternder ist die Abgeschlossenheit des Urteils, die Resignation oder die Blasiertheit, mit einem Worte die Frühreife, die wir bei den Fünf-j zehn- und Sechzehnjährigen finden. f Daß auch die ungünstigeren Körperverhältnisse bei jüdischen \ Kindern eine gewisse Frühreife begünstigen, dürfte der Der« : gleich mit der Pflanze deutlich machen. Dasselbe gilt hinsichtlich des früheren Beginns der Pubertät. Doch find beide Faktoren nur insoweit von Bedeutung, als hier eine Konvergenzerscheinung vorliegt: eine mehr physische Entwicklung^ wird durch das Hinzutreten psychischer Faktoren zu ihrem Ab-! schluß gebracht. Die Konvergenztheorie W. Sterns läßt sich hier zwar nicht rein anwenden. Im Wesen handelt es sich jedoch um die gleichen Vorgänge. Durch das Hinzukommen, des Minderwertigkeitsgefühls wirken Körperschwäche und früher' Pubertätsbeginn mit an der Frühreife. Das zeigt sich in . außerordentlicher Plastizität bei der Frühreife jüdischer Mäd-' chen. Ich habe diese in einem anderen Zusammenhangs aus-' führlicher behandelt. Hier sei das für die vorliegende Dar-: stellung Nötigste mitgeteilt. Das Minderwertigkeitsgefühl der- Frau erfährt eine besondere Steigerung durch die unter-: geordnete Rolle, die ihr in unserer von Männern geschaffenen i und beherrschten Kultur zufällt. Das tritt im Judentum noch besonders kraß in Erscheinung durch die völlige Ver-> drängung der Frau aus dem aktiven religiösen Leben. In derJ Gemeinde (Minjan) gilt sie nichts und auch im Hause unterliegt^ sie der Kontrolle des Mannes, der darüber zu wachen hat.; daß die religiösen Vorschriften erfüllt werden. Nur der^ Knabe wird ein Bar-mizwah, zur Ausübung des Religionsgefetzes selbstoerantworttich Verpflichteter. Wenn Mädchen im; allgemeinen ein gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl im Ver-r hältnis zu Knaben haben, so gilt das aus den genannten Grün-> den in noch höherem Maße von jüdischen Mädchen. — Der' Vorsprung, den der Knabe als Erbe des Namens und un-! gezählter anderer Rechte vor dem Mädchen hat, wird auf eine merkwürdige Weise ausgeglichen. Indem das Mädchen seine künftige Frauenrolle oorwegnimmt, sie gewissermaßen vor der Zeit okkupiert, verschafft es sich einen außerordentlichen Vorsprung vor dem Knaben. Das gilt natürlich für das weibliche Geschlecht ganz allgemein. Bei den jüdischen Mädchen führen nun der frühere Beginn der Pubertät, sowke ein noch gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl, zu einer noch zeiti-' geren Okkupierung der Frauenrolle. Daneben sind bei ihm aber auch die anderen Faktoren, die an der Frühreife beteiligt sind, wirksam, vor allem der Mangel an gleich- ( mäßiger Wärme. , { Bei jüdischen Knaben kann nun von einer vorzeitigen; Okkupierung ihrer Männerrolle keine Rede sein. Sie bedürfen ihrer nicht, da chnen schon in einem sehr frühen Alter — — mit 13 Jahren — ein großer Teil dieser Rechte zufällt' < Sie lehnen es aber auch ab. ihr auf Mann-Sein gerichtetes Eeltungstreben durch Rauchen. Trinken/) Prahlen mit geschlechtlichen Dingen auszudrücken. Mit gutem Grund, denn in dieser Haltung würden sie den nichtjüdischen Knaben gegenüber infolge ihrer schwächeren Körperkonstitution die Unter-: legenen fein. Sie wollen aber Ueberlegenheit, die, wie die Verhältnisse liegen, nur auf geistigem Gebiet für sie erreichbar ist. Durch den Entwicklungsoorsprung, den sie haben, sind die Voraussetzungen zu solcher Ueberlegenheit gegeben. Durch die Notwendigkeit. Kompensationen für körperliches Unterlegensein zu schaffen, werden diese Voraussetzungen verstärkt. Die durch die gesellschaftliche Stellung verursachte Steigerung 4) Dr. R. Hecker-München berichtet in der Wochenschrift „Münchener Medizin" 1906, Nr. 12, das Ergebnis seiner Erhebungen an 5080 Schülern über Alkoholismus bei Kindern. Völlig abstinent sind: Katholiken 12%, Evangelische 16%,?,uben 20 %. Regelmäßigen täglichen Alkoholgenuß stellte er fest ei Katholiken 18 %, Evangelischen 9 %, Juden 4,5 %.

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