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Jüdische Schulzeitung · 1932-02-15 · 2 (15.2.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
2 (15.2.1932)
Date
1932-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Schulz ei t««s Seite 3 Nummer 2 | Wie wirkt sich diese Situation hinsichtlich der Begabung des jüdischen lindes aus? Sie führt zu einer Uebertrainierung geistiger Eigenschaften. Für die Minderwertigkeit seiner körperlichen Leistungen sucht es eine Kompensation auf geistigem Gebiet. Hier findet es die günstigste Situation vor. Das 'jahrhundertelange Training der Vorfahren kommt ihm dabei helfend zustatten. Die Ueberschätzung des Geistigen, wie wir sie bei den Juden gesehen haben, macht es sich nun völlig zu eigen. Der jüdische Knabe sitzt darum lieber hinter den Büchern, während die andern spielen. Sport treiben oder basteln. Das gilt allerdings im Wesentlichen nur für das Kind, dem seine Körperminderwertigkeit in der nichtjüdischen Umgebung — d. h. vor allem in der nichtjüdischen Schule — bewußt wird. Dem entspricht aber auch, daß die geistige Höherleistung erst in der nichtjüdischen Schule besonders bemerkbar wird und den Anschein einer höheren Begabung erweckt. In einer ganz ähnlichen Weise ist das Minderwertigkeitsgefühl in seiner generellen Form an der Steigerung der geistigen Leistung beteiligt. Nur, daß es hier nicht möglich ist. den die Entwertung herbeiführenden Faktor — wie es eben bei der Betrachtung der geringeren Leistungsfähigkeit auf körperlichem Gebiet der Fall war — in seiner kompensatorischen Wirksamkeit so deutlich zu erkennen. Wir haben gesehen, daß die gesellschaftliche Stellung an ihren zahlreichen das Kind berührenden Punkten eine Entwertung des Selbstgefühls verursacht, wir haben weiter erfahren, daß die Verzärtelung zu einer Steigerung des Minderwertigkeitsgefühls führt. Die Schule ist einer der wichtigsten Punkte gesellschaftlicher Berührung, sie ist daher vor allem der Ort, wo das Kind, wenn es nicht, völlig entmutigt, überhaupt auf jede nützliche Kompensation verzichtet, seine Wertigkeit erweisen mutz. Durch ihre Aufgabe, das Kind mit den geistigen Gütern der Nation vertraut zu machen und allgemeines Wissen zu vermitteln, steht in der Schule die geistige Leistung des Schülers unter allen ihren Werten an erster Stelle. So muß das Kind, das sich genötigt fühlt. seine Wertigkeit zu erweisen, mit besonderen geistigen Leistungen auftreten?) Das geschieht denn auch, wie die anfangs erwähnten Untersuchungen dargetan haben. Deutlich wird jetzt, daß neben dem Entwicklungsoorsprung. der die geistige Mehrleistung erklärte, ein auch über die erste Pubertätszeit hinaus und oft genug bis in die Hochschulzeit hinein wirksamer Faktor auf b'ie geistige "eistung Einfluß nimmt. Man kann nicht im einzeln sagen, wo der Einfluß wirksam wird, das entzieht sich der Beobachtung und wäre allenfalls durch Analyse zu erfahren. Wir sehen, daß das jüdische Kind „aufgeweckter" erscheint, denn sein Eeltungstreben zwingt es zu stärkerer Konzentration. 2abei ist es nicht wesentlich, daß diese sich als eine dauernde erhöhte Aufmerksamkeit erweist: es genügt den Absichten des Geltungstrebens, daß sie im entscheidenden Augenblick da ist, dann z. B., wenn das Kind Gelegenheit hat, >nit einer Antwort aufzufallen. Da es im allgemeinen — wie oben gezeigt — in der geistigen Arbeit mehr „zu Hause" ist als die andern, ist seine Bereitschaft zu einer Leistung ständiger. So wird die Schule oder richtiger die geistige Vlrbcit, die die Schule fordert, zu einem Mittel des kindlichen Geltungstrebens. allerdings in einem Maße, das den wünschenswerten und das „vollwertige Kind" kennzeichnenben psychophysischen Parallelismus der Entwicklung unmöglich macht. Das ist denn auch der Grund, weshalb man unter keinen Umständen diese durch Reibung an der Umwelt ueicudte „Begabung" des jüdischen Kindes als einen Vorzug nnnUehen hat. Sie kst ln der Mehrheit der Fälle nicht e9tJ,d) ^"bei nicht um Vorgänge handelt, die dem wähnung"0"^ werden, bedarf wohl keiner besonderen Er- Ausdruck einer höheren Anlage, sondern eines nicht normalen Entwicklungsoerlaufes. Das wird erst richtig deutlich, .wenn ein jüdisches Kind aus einer nichtjüdischen Schule in die jüdische umgeschult wird. Solche Kinder erweisen sich einige Zeit nach dem Uebergang anders, als die mitgebrachten Zeugnisse aussagen. Es tritt zunächst oft eine sichtliche Verschlechterung ein, sowohl in der Haltung als auch in den Leistungen. Nach und nach ändert sich das wieder. Die Leistungen nehmen bei einigen wieder zu. steigern sich hei anderen auch wohl über die in der christlichen Schule und bleiben bei einer dritten Gruppe unter dem früheren Niveau Stehen. Das find Zeichen dafür, daß Spannungen beseitigt wurden, und daß das Kind sich in einer normalen Situation befindlich fühlt. V. Die Autoren, welche die Begabungsunterschiede jüdischer und nichtjüdischer Schüler untersuchten, sprechen fast übereinstimmend von der geistigen Frühreife der Juden. kW. Stern. Nemecek. Redcliff, Wolberg, Elias u. a.) Der Ausdruck Frühreife wird aber von ihnen da fälschlich angewandt, wo es sich um einen Entwicklungsoorsprung. also um eine frühere Reife handelt. Diese ist. da konstitutionell bedingt, etwas durchaus Normales. Wir finden sie z. B. bei allen orientalischen Völkern. Das jüdische Kind, dessen Pubertät früher einsetzt als die des nichtjüdischen, muß naturgemäß, wie die Untersuchung ja auch ergeben hat. gewisse Erscheinungen der geistigen Reifung früher zeigen, als dies bei Nichtjuden der Fall ist. Frühreife ist etwas ganz anderes. Sie hängt nur insoweit mit jener zusammen, als der ftühere Beginn der Pubertät auch Einfluß auf die Frühreife haben kann. Diese ist. soweit mir bekannt, in der psychologischen Literatur durchaus noch nicht richtig gedeutet worden. Zumeist betrachtet man sie im Zusammenhang mit der Erscheinung des Gentes.') Das ist grundfalsch. Das Genie hat mit Frühreife nicht das Geringste zu tun. Wir müssen den Begriff botanisch nehmen. Da bedeutet sie einen Entwicklungsprozeß, bei dem die Pflanze, teils weil der Boden infolge Regenmangels oder geringer Fruchtbarkeitihr nicht genügend Aufbaustoffe liefert, teils weil diese Baustoffe durch schädliche Insekten gefährdet werden, zu einem vorzeitigen Abschluß der Reife gezwungen ist. Wir haben in der Frühreife einen sehr interessanten Fall von Ueberkompensation einer Minderwertigkeit des Organs im pflanzlichen Leben. ,; In gleichem Sinne muß man auch beim Menschen von Frühreife sprechen. Sie kennzeichnet eine körperliche und geistige Haltung Jugendlicher, bei der die Entwicklung in einer bestimmten Richtung vorzeitig zum Abschluß gelangt ist. Das „Wunderkind", das mit vierzehn und fünfzehn Jahren keiner weiteren Entwicklung mehr fähig ist. gehört demnach zu den Frühreifen, nicht aber ein Genie wie Mozart, der zwar auch ein Wunderkind war, aber es nicht blieb, sondern zur Vollendung des reifen Mannes gelangte. Zu den Frühreifen gehören aber nicht nur die mit einer außerordentlichen Begabung Hervortretenden, sondern (was wegen der Allgemeinheit ihrer Verbreitung viel charakteristischer für sie ist) fast alle Verwahrlosten und jugendlichen Kriminellen, bei denen sie sowohl in ihrer Physiognomie als auch in der Denk- und Handlungsweise zum Ausdruck kommt. Auch von frühreifen Kindern kann man sagen, daß ihnen wichtige Aufbaustoffe der seelischen Entwicklung gefehlt haben — zumeist ist es der Mangel einer gleichmäßig erwärmenden Liebe, der den Entwicklungsverlauf unheilvoll beeinflußt. Sehr oft ist es aber auch eine Kvrvsrmtnherwertlskeit und manchmal, wie schon angedeutet, vorzeitiger Beginn der Pubertät. Es kommt natürlich Vergl. O. Boodstein, Frühreife Kinder. H. Beyer u. Söhne, Langensalza.

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