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Jüdische Schulzeitung · 1932-02-15 · 2 (15.2.1932) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
8 (1932)
Issue
2 (15.2.1932)
Date
1932-02-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 2üdricheSch»lzeitu»s Nummer r vollen Verständnis des jüdischen Kindes ist: sein überaus gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl. Auch die geistige Ueberleistung des Kindes findet in ihm seine letzte und wahrscheinlich wirkungsvollste Ursache. A. Zweig schreibt im Caliban: „Um sich behaupten zu können vor dem eigenen Gefühl der Minderwertigkeit, entwickelt das jüdische Kind äußerst früh Begabungen, die das nichtjüdische Kind bürgerlicher Schichten so früh ins Sichtbare zu stellen nicht nötig hat. Die Jntellektuakität zahlloser Juden, der flinke Begabungstypus. der, ohne mit wirklichen schöpferischen Anlagen ausgerüstet zu sein, ein Schöpfertum Vortäuschen kann, entsteht so." Zum Verständnis des Folgenden ist es notwendig, kurz zu sagen, was das Minderwertigkeitsgefühl ist, und welche Rolle es im seelischen Apparat nach den Lehren der Jndioidualpsychologie und ihres Schöpfers Alfred Adler spiekk Das Minderwertigkeitsgefühl ist keine ursprüngliche Anlage der Seele, sondern es wird in den ersten Lebensjahren erworben, bildet sich aber infolge naturgegebener Tatsachen mit solch elementarer Kraft, daß sein Vorhandensein einer natürlichen Anlage gleichkommt. Weil jeder Mensch einmal klein, schwach, hilflos und abhängig ist. und weil er um sich.Mensch"« findet, die groß, stark und in seinen Augen allmächtig sind — die Erwachsenen —. so bilden des Kindes Kleinheit. Schwäche und Abhängigkeit die Ursache für die Entstehung des Minderwertigkeitsgefühls. Von diesem erfahren wir auf direktem Wege nichts.' Es läßt sich weder erperimentell erweisen, noch dürften wir durch die Erinnerung an unsere Kindheit sein Vorhandensein belegen können. Aber jeder weiß, daß im Kinde ein außerordentliches Geltungstreben sich Bahn bricht. Aus seinem Eroßsem-Wollen. seinem Streben nach Ueberlegenheit, seiner maßlosen Sucht, Aufmerksamkeit zu erregen, Mittelpunkt zu sein, schließt die Jndioidualpsychologie auf das Vorhandensein eines Gefühls, das durch das Eeltungstreben überwunden, kompensiert werden soll: auf das Minderwertigkeitsgefühl. Es gibt keine seelische Realität im Kinde, die wir mit solcher Deutlichkeit und Kraft wahrnehmen wie sein Geltungstreben. Und so — folgert die Jndioidualpsychologie — gibt es keine seelische Realität im Kinde, die von solch wirkender Kraft ist. wie das. was die Veranlassung seines Eeltungstrebens ist: das Minderwertigkeitsgefühl. Es gibt Umstände, die zu einer "besonderen Steigerung des allen Menschen eignenden Minderwertigkeitsgefühls führen. Solche sind: die körperliche Beschaffenheit des Kindes, seine soziale und ökonomische Lage, sein Geschlecht, die Stellung, die es in der Familie einnimmt und Erziehungseinflüsse. Es erübrigt sich — überschreitet auch den Rahmen dieser Darstellung — näher auf die mannigfaltigen Aeußerungen eines gesteigerten Minderwertigkeitsgefühls einzugehen.. Soweit sie für uns von Wichtigkeit sind, ergeben sie sich beim jüdischen Kinde aus folgenden drei Umständen: 1. aus seinen ungünstigen Körperverhältnissen. 2. aus der schwierigen gesellschaftlichen Stellung, die es einnimmt. 3. aus der Verzärtelung, die es in der Familie erfährt. Hinsichtlich des ersten Punktes wiederhole ich hier, was ich vor einigen Monaten in den „Blättern für Erziehung und Unterricht" schrieb (Nr. 63/64) „das jüdische Kind ist in körperlicher Hinsicht gegenüber dem nichtjüdischen sehr benachteiligt. In einer Untersuchung über den .Körperzustand des jüdischen Kindes' (Ose-Nundschau 1931, Nr. 1), habe ich an einem ziemlich reichhaltigen Material gezeigt, daß die gesamten Körperoerhältnisse bei jüdischen Kindern außerordentlich ungünstig sind im Vergleich zu denen nichtjüdischer Kinder der gleichen sozialen und ökonomischen Schichten. (Folge der ungünstigen Umweltoerhältnisse, unter denen die Juden jahrhundertelang gelebt haben und zum Teil noch leben.) Es entspricht nicht nur den Anschauungen gewisser psychologischer Richtungen, sondern es stimmt auch mit dem gesunden Men.? schenverstand überein, daß eine derartige relative und absolute' Körperminderwertigkeit zur Steigerung des Minderwertig, keitsgefühls führen muß: wer einen Buckel hat, hält sich für eitt minderwertiges Wesen — um ein sehr kraffes Beispiel zu nennen. Im Schulalter (wie auch im späteren Leben) sind Körperkraft und Gewandtheit, Ausdauer und manuelle Geschicklichkeit von außerordentlicher Wichtigkeit. In allen diesen, für das Selbstbewußtsein des Jugendlichen so bo deutenden Eigenschaften steht das jüdische Kind in den meisten Fällen hinter dem nichtjüdischen zurück." Als den zweiten Umstand, der eine Steigerung des Minder. Wertigkeitsgefühls des jüdischen Kindes verursacht, nannten wir die gesellschaftliche Stellung, die es einnimmt. Wir müssen den Wirkungskreis „gesellschaftliche Stellung" sehr weit fassen. Er schließt alle die Punkte in sich ein. wo eine persönliche Berührung des jüdischen Kindes mit seiner nichtjüdischen Am. gebung stattfindet: Schule, Straße. Sport und Spiel. Politik. Diese Berührung gestaltet sich für das jüdische Kind zumeiil äußerst schmerzhaft. Es empfängt Nadelstiche mit vergifteten Nadeln, und die Stiche schmerzen nicht nur, schlimmer! sie vergiften die Substanz, indem sie das Minderwertigkeüs. gefühl steigern. Mit ganz allgemeinen Worten läßt sich der Einfluß der gesellschaftlichen Stellung auf das jüdische Kind so kennzeichnen: sie bewirkt eine Entwertung des Kindes. In der Schule, auf der Straße, im Sport und in der Politik überall stößt es auf Tendenzen, die sein Wertigkeitsgefühl er. schüttern. Ich erinnere nur an das eine Moment, auf das ich in dem eben genannten Aufsatz schon hingewiesen habe: an die Erhöhung des kindlichen Schuldbewußtfeins durch die christliche Schule: an die Abstempelung, die der Jude als Schuldträger des nationalen Unglücks der Deutschen erfahrt Durch all das wird das jüdische Kind entwertet und sein Minderwertigkeitsgefühl steigert sich. Hinsichtlich der Steigerung, die das Minderwertigkeit;, gefühl des jüdischen Kindes durch Verzärtelung in der Familie erfährt, sei kurz erwähnt, daß Verzärtelung die Abhiängizfeit des Kindes von den Eltern verlängert, Abhängigkeit fc» deutet aber Steigerung des Minderwertigkeitsgefühls?) Es war notwendig, die Grundgedanken der Jndioidualpsychologie und ihre Anwendung auf das jüdische Kind darzustellen, um zu verstehen, wie seine Begabung oder besser: seine geistige Leistung der Wirkung des Minderwertigkeüs. gefühls unterliegt. Aus den ersten Abschnitten dieser Untersuchung war schon die Relativität der Begabung des jüdischen Kindes, ihre Abhängigkeft von konstitutionellen und Umweltfaktoren ersichtlich geworden. Dieses Ergebnis deckt sich mit der Behauptung der Jndioidualpsychologie, daß man aus der Leistung nicht auf die angeborene Begabung schließen kann, sondern aus „Mut und Training" des Schülers. ..Sicher ist, daß da; Training der Ueberwertigkeit in der Anlage nicht bedarf, um zu Ueberleistungen zu gelangen." (Werbers. Individual- Psychologie.) Voraussetzung einer gesunden Entfaltung der geistigen Anlagen ist „der Einklang der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit, jener psychophysische Parallelismus, der dir Entwicklung des vollwertigen Kindes kennzeichnet. (Adler. Studie über Minderwertigkeit von Organen.) Dieser Parasit» lismus fehlt beim jüdischen Kinde. Ein mangelhaft entwickelter Körper und ein durch frühzeitigeren Beginn der Pubertät und andere Faktoren vorschnell sich entwickelnder Geist stehen einander gegenüber. ‘) Vergl. H. Rosenthal: Die Verzärtelung des jüdische» Kindes. (Erscheint in den Blättern der Eroßloge für Deutsch» land U. O. B. B.)

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