Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 1 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer l Jüdische Schulzeitung. Seite 4__ Das Rätsel der Kindesseele. Von Oberstudiendirektor Dr. Otto Knapp. Wenn man berufsmäßig mit Elternsorgen zu tun hat, weiß man ein Lied davon zu singen: wenige Dinge erschüttern so schwer das Glück der Familien, gefährden den Bestand der Ehen wie die Enttäuschungen an den Kindern. In Familien, die von guten Geistern begründet und geleitet zu sein scheinen, treten unglückliche, hoffnungslose Kinder aus: die Eltern begabt, tüchtig, rechtschaffen, das Kind unfähig, bequem, unlenksam, mit allerlei bedenklichen Anlagen und Neigungen behaftet; Liebe, Fürsorge. Geduld, alles scheint an ihm verloren zu sein, und bitter fragt sich im stillen mancher Vater, manche Mutter: O Gott, womit habe ich das verdient? Die überlieferte Erziehungsarbeit arbeitet mit einigen Handfesten Grundbegriffen und Regeln wie: gutes Beispiel, Gewöhnung, Gehorsam, Strenge. Dieses Gemeingut der Volkspädagogik ist das kurz zusammengefaßte, zur Weitergabe einfach und handlich geformte Erbe alter Erfahrung und im Kern wahr und gut. Die Schwierigkeit liegt aber in der Anwendung auf den einzelnen Fall, wobei es nicht bloß auf entschlossenen Zugriff, sondern mehr noch aus individuellen Zuschnitt und kluge Abstufung ankommt. Und Sorgenkinder sind ja Krankheitsfälle, sie gehen nicht nach der Regel, sondern erfordern Diagnose und Therapeutik, genau so wie physisch kranke Kinder. Wenn man Eltern den Rat gibt, mit ihrem Kind zum Psychiater zu gehen, findet man im allgemeinen nicht viel Verständnis; manche fühlen sich sogar verletzt. Man weiß bei uns noch recht wenig davon, daß die Psycho-Analyse auf dem besten Weg ist. die dunklen und schwierigen Rätsel der kranken Kindesseele zu lösen und betrübten Eltern wie bedauernswerten Kindern zuverlässigen Rat, ja wirksame Hilfe zu bringen. Eine neue seelische Welt ist entdeckt worden. Einseitigkeiten, die ursprünglich — wie könnte es anders sein? — dem System anhafteten, haben schwere Mißverständnisse und ihm deshalb Feinde geschaffen. Man glaubt heute noch vielfach, es handle sich bei der Psycho-Analyse um einen Sprössling des Materialismus; das seelische Leben wolle dabei wie ein Mechanismus erklärt werden. Man nahm berechtigten Anstoß an Freuds Prinzip, alle seelischen Triebe aus dem Sexuellen herleiten zu wollen. Es ist besonders das Verdienst des Zürcher Professors E. G. Jung, die Deutung der Kindesseele auf Bahnen geführt zu haben, auf denen jeder Unbefangene vertrauensvoll mitgehen kann. Heute fehlt es auch nicht mehr an Schriften, die den Laien in dieses Gebiet einführen. Und es wäre zu wünschen, daß jede junge Frau in ihrer Aussteuer nicht nur ein Kochbuch, sondern auch ein gutes Buch über das Seelenleben des Kindes mit ins Haus bringen würde. Wir können ein solches, besonders auch für Mütter geeignetes, mit gutem Gewissen empfehlen; es ist die „Analyse der Kindesseele" von F. E. W i ck e s (Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart, in Leinen 9.50 'Mt). Die Verfasserin ist eine amerikanische Lehrerin, und sie hat nicht nur eine gründliche Kenntnis der Wissenschaft der Psycho-Analyse, sondern auch das, was alle Wissenschaft erst wahr und fruchtbar macht, nämlich die Liebe, die Liebe zum Menschen und zum Kinde. Man findet durch ihr Buch ein Wort von Graf Keyserling aus seinem Amerikabuch in merkwürdiger Weise bestätigt. Er sagt dort, das idealste Streben dieser vielfach so rätselhaften Reuen Welt sei die auf Erziehung eingestellte Psychologie. Wäre die Psycho-Analyse eine technische Erfindung, hätte man sie dann in dieser Weise den Amerikanern überlassen? Rur keine Furcht vor abstrakten, dunkeln Gedankengüngen: die Lehrerin versteht es natürlich, ihren Gegenstand dem Leser faßlich und anziehend zu machen. Eine kurze Einführung in die Psycho- Analyse — den Schlüssel zu den geheimnisvollen Gängen und Tiefen der Seele muß man vor allem handhaben können —, dann aber lernen wir hauptsächlich an Beispielen und deren Deutung. Wie schnell wacht dabet das Interesse auf, wenn wir auf Schtttt und Trttt dem eigenen Leben, den eigenen alten Sorgen begegnen und nun plötzlich sehen lernen, unvermutet einen Ausweg finden! Viele Eltern und Lehrer haben ein starkes Mißtrauen gegen alle moderne Psychologie. Sie fürchten, es laufe auf eine Auflösung alter, geheiligter Anschauungen von Autorität, Zucht. Verantwortung hinaus. Ganz im Gegenteil: diese unerschütterlichen Grundlagen aller Erziehung und Kultur werden hier neu begründet und wahrhaft sestgelegt. Die Frage der sittlichen Verantwortung der Eltern — dargestellt in dem besonders lesenswerten Kapitel: die Beeinflussung des Kindes durch die Problematik der Eltern —, die Frage der Wahrhaftigkeit und des gegenseitigen Vertrauens, der werdenden Willensreife, der geschlechtlichen Entwicklung und der durch sie notwendig werdenden Aufklärung könnn nicht reiner, ernster, tiefer, gewissenhafter behandelt werden, als es hier geschieht. Ich freute mich, beispielsweise solch alte, aber im Rausch des Individualismus fast vergessene Erkenntnisse wieder zu finden wie die, daß der Gehorsam zur Ruhe, zum Frieden und damit zur seelischen Entlastung des Kindes beiträgt und daß freie Wahl und Selbstentscheidung in der Erziehung nur ein für später vorzubereitendes Ziel sind. „Der Gehorsam ist der Anfang aller Weisheit", sagt schon Hegel, und er meint auch den Gehorsam gegenüber dem Unterricht, dem Wissensstoff, dem der junge Mensch nicht mit eigenwilliger Kritik entgegentreten darf. So einfach liegen nun freilich in der Erziehung die Dinge nicht mehr, daß man als Vater seine Schuldigkeit an den Kindern mit Quartalszüchtigungen und gelegentlich mehr oder weniger passend ausgelösten Entladungen oder als Mutter mit ewigen Moralpredigten, Klagen und gewöhnlich nicht allzuschwer fließenden Tränen abzahlen kann. Die Psycho-Analyse ist eine sehr nachdrückliche Gewissenserweckung. Und das ist gut. Die BibelLbertragung von D«ber»Rofenzweig in der Schule. Von W. Bacher, Kassel. Die Erinnerung an Franz Rosenzweig, den genialen Mitarbeiter an der „Verdeutschung der Schrift", verpflichtet uns, das Verständnis für diese Bibelübertragung zur Ausgabe des Unterrichtes zu machen. Wo erhält diese Uebersehung in den Belehrungen über das religiöse Leben, in der Vermittlung der hebräischen Sprache und der Biblischen und Jüdischen Geschichte ihren Platz? Ueberall dort, wo man durch den plastisch lebendigen Ausdruck der Schrift mehr sagen kann, als durch breites ausmalendes Sprechen. Schon in das dritte Schuljahr tritt die Bibelübertragung von Buber-Rosenzweig als Quelle für die Biblischen Erzählungen ein. Dadurch werden die alten oder neuen ausgewählten Geschichten von Müller, Auerbach, Stern usw. nicht überflüssig, nur müssen sie von dem Vorrecht zurücktreten, die grandiose Darstellung des biblischen Wortes in der wahrsten und echtesten Ausdruckskraft der neuen Uebertragung auch nur für kurze Zeit ersetzen zu wollen. Ueber die methodische Frage, ob vom Bibelunterricht auszugehen sei, oder ob dieser der Erzählung des Lehrers oder des Schülers zu folgen hat, sei hier nicht gesprochen. Diese inneren kleinen Angelegenheiten regelt meistens die zur lebendigen Arbeit herangezogene Mitarbeiterschaft, die Klasse. Einige Kinder, die seinen Sinn für Melodik und Rhythmik der Sprache haben, drängen gerade dazu, erste Vermittler der neuen Uebersehung für die andern zu werden. Ihnen ist auch das Verlesen der Wochenabschnitte, soweit sie kindlichem Verständnis zugänglich sind, zu überlassen. Die hebräische Durcharbeitung des lausenden Wochenabschnittes wird nur in höheren Klassen möglich sein und nur dort, wo der Weg des selbständigen Erarbeitens der Texte in langer Uebungszeit beschritten ist. Franz