Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 1 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Nummer 1 Seite 3 habe ich die Machen dieses Entwicklungsvorsprungs klargelegt. Ich habe dort nachgewiesen, daß die Pubertät Lei jüdischen Kindern erheblich früher einsetzt als bei Nichtjuden. Das gilt sowohl für die körperlichen wie für die seelischen Erscheinungen der Pubertät. Das frühere Einsetzen der Menstruation bei den Mädchen ist bekannt und wird in einer großen Zahl anthropologischer Untersuchungen allgemein bestätigt. (Fischberg. Weisenberg, Theilhaber und viele andere.) I. Spielrein, „Kinderuntersuchungen in Rostow am Don" (Zeitschrift für pädagogisch Psychologie 1916) vergleicht den Längen-Gewichtskoeffizienten und den Längen-Brustkoeffizienten jüdischer, russischerund armenischer Kinder. „Vis zum 12. Jahre haben die Russen größere Werte als die Juden. Dann werden sie von den Juden überholt. Diese bleiben mit 15 Jahren wieder hinter den Russen zurück ... Die Tatsache des beschleunigten Wachstums der Juden zwischen 12 uM 14 Jahren im Vergleich zu den Russen wird mit dem früheren Eintritt der Pubertät in Zusammenhang gebracht." Ich konnte in meiner Untersuchung aber auch Nachweisen, daß die seelischen Erscheinungen des Pubertätsprozesses früher einsetzen. Wenn nämlich die Wachstumsbeschleunigung oder die Menstruation jüdischer Kinder ein bis anderthalb Jahre früher einsetzt als bei Nichtjuden, so entspricht dem der Vorsprung im Jntelligenzalter 10—12jähriger um % bis IVj Jahren, den Davies und Hughes festgestellt haben. Aus diesen Angaben geht klar hervor, daß die höhere Begabung jüdischer Kinder im Volksschulalter Ausdruck einer früheren (und wahrscheinlich schnelleren) Entwicklung ist. Roch nicht geklärt ist die Frage, ob der Vorsprung während der ganzen Dauer der Pubertät — also etwa bis zum 23. Jahre — bei gelegentlichen Schwankungen anhält, oder ob er nur im Beginn der Pubertät festzustellen ist. M. Müller- Claudius (Deutsche Raffenangst) ist der Ansicht, daß das jüdische Kind, nachdem es in die Pubertät getreten ist, nicht mehr von dem nichtjüdischen eingeholt werde. Dem widersprechen die Ergebnisse von Scheibner-Deuchler sowie auch mancherlei Erfahrungen. Allerdings ist die überlegene Leistung jüdischer Schüler auch in den höheren Schulklassen festgestellt worden. Die Untersuchungen von O. Remecek z. B. betreffen Schüler und Schülerinnen im Alter von 15 bis 18 Jahren. Hier machen sich jedoch andere Faktoren bemerkbar, die für die Frage der Begabung jüdischer Kinder von großer Bedeutung sind und denen wir uns nunmehr zuwenden werden. III. Der erste Faktor ist das Judentum. Wir, können die Weite dieses Begriffs hier weder zu jüdischer Nationalität noch zu jüdischer Religion verengen. Gemeint ist eine besondere Mentalität jüdischer Menschen, die sowohl der jüdischen Religion als der Geschichte ihre Träger, sowohl den Ideen des Judentums als den Besonderheiten seines Volkskörpers ihre Formung verdankt. Zunächst sei ein biologisches Moment erwähnt. In seiner „Soziologie des Judentums" 1. Band hat Ruppin die Begabung der Juden mit einer natürlichen Begabtenauslese erklärt, die Jahrhunderte hindurch stattfand. „Die Wertschätzung des Wissens und insbesondere des den Scharfsinn anregenden Talmudstudiums wirkte in der Richtung einer Auslese der Begabtesten und zwar auf dem Wege der Eattenwahl. Die reichen Juden spähten bei der Verheiratung ihrer Töchter nicht nach einem reichen, sondern nach einem im Talmudstudium hervorragenden Schwiegersohn aus und trugen dadurch zur fortgesetzten Höherzüchtung der Rasse in der Richtung zu Scharfsinn und Geistigkeit bei, da in reichen Familien die Kindersterblichkeit nicht die erschreckende Höhe erreichte wie bei den Armen." Vom Standpunkt der Begabtenauslese ist auch nach Günther, Rassenkunde des jüdischen Volkes (zitiert bei Ruppin Soziologie) die Begabung der Juden zu erklären. Rur denjenigen Juden wtird? tzü möglich, $!nt? größer? Nachkommenschaft zu htnterlassen, die sich den eigenartigen „Bedingungen des Lebens unter den Fremdvölkern anpassen konnten, die über die Gaben der Einfühlung in fremdes Seelenleben, des umsichtigen Auftretens, der gewandten Rede, der allseitigen Berechnung aller Verhältnisse der Umwelt verfügten." D. h. also, daß nur die Begabteren sich behaupten und größere Nachkommenschaft hinterlassen konnten. Ich möchte nicht daran zweifeln, daß bei der Begabung der Juden auch die psychische Vererbung eine gewisse Rotte spielt, daß also — wenn auch in einem viel begrenzteren Ausmaße als es der Anschein wahrhaben will — von einer tatsächlichen Höherbegabung gesprochen werden kann. Bei der Unmöglichkeit aher, das was wirkliche Anlage und was erworbene Fähigkeit der Leistung ist, auseinander zu halten, verzichten wir lieber auf dc^ Moment der Vererbung der Begabung und fassen die Umstände ins Auge, die unserer Erkenntnis zugänglicher sind. Wir Juden bezeichnen uns gern als „Volk des Buches". Wir sind stolz darauf, daß Geist und Wissen bei uns zu allen Zeiten höher gewertet wurden, als Schönheit, Kraft, Reichtum und Können. Die Notwendigkeit, das göttliche Gesetz zu erforschen, zwang zu ununterbrochenem Studium, dessen Ergebnisse eine Generation an die andere überliefert mit der Verpflichtung im Werke des Studiums und der Forschung fortzusahren. Diese Aufgabe war aber nicht einer intellektuellen Oberschicht, sondern dem ganzen Volke gestellt. Bei keiner anderen Nation finden wir eine solche Schätzung bzw. Ueberschätzung des Intellektualismus. B. Epstein a.a.O. zitiert Maimonides: „Der Vater ist verpflichtet, sein Kind in der Thora zu unterrichten, sobald es zu sprechen anfängt": und Josef Karo: „Man darf ein Kind, das noch nicht sprechen kann, nicht aus den Unterrichtsräumen entfernen, weil es vielleicht doch schon begreift." Obwohl mit der Emanzipation den Juden sich eine Fülle neuer Möglichkeiten des Lebens erschloß und obwohl sie erkennen mußten, daß zwar auch bei den Kulturvölkern Europas die Macht des Geistes gebührend geschätzt wurde, daß aber bei ihnen noch andere Mächte gleichwertig neben jener den Platz in der Kultur behaupteten-trotzdem nahmen die Juden ihre Ueberschätzung des Geistigen als ihr geliebtestes Erbe mit sich aus dem Ghetto in die Zivilisation Europas. Hier nun macht sich der Einfluß des Judentums auf das Problem der Begabung des jüdischen Kindes geltend. Jüdische Eltern hatten nicht so sehr den Wunsch ihre Söhne Handwerker, Bauern oder Beamte werden zu lassen: ihr höchster Ehrgeiz blieb das Studium, nun zwar nicht mehr der Mischnah und der Eemarah. sondern moderner Wissenschaften. So hat O. Scheibner die jüdischen Kinder ganz richtig beurteilt, wenn er sagt: „Wirksam (bei der geistigen Ueberlegenheit) ist auch der Eifer, mit dem israelitische Eltern es sich angelegen sein lassen, ihre Kinder in den Schulfortschritten zu überwachen, anzuregen und ihren Ehrgeiz anzuspornen." Aber abgesehen von dem Ansporn zum Lernen, den das jüdische Kind von seinen Angehörigen dauernd erhält, erlebt es selbst schon von frühster Jugend an die Wertschätzung, die der höheren Bildung gezollt wird. Beinahe in jeder jüdischen Familie ist ein Onkel, ein Vetter oder ein etwas entfernter Verwandter zu finden, der ein „Studierter" ist. Und selbst, wenn die verwandtschaftlichen Beziehungen auch nicht im geringsten gepflegt werden: Dieser Verwandte ist ein Stolz der Familie, Vorbild und Aneiferung für das Kind, es auch einmal so weit wie jener zu bringen. Daß ein solcher Ansporn günstig auf die Schulleistung einwirkt. ist kaum zu bezweifeln. Wenn wir nun noch annehmen, daß eine Jahrtausende alte Tradition des Lernens im Kinde selbst noch wirksam ist, so dürfte der unmittelbare Einfluß des Judentums auf die intellektuelle Leistung des Kindes deutlich gemacht sein. *) (Schluß folgt.) *) Vom Einfluß des Judentums auf die besondere Eigenart jüdischer Begabung, die natürlich auch schon beim Kinde bemerkbar wird, muß in einem anderen Zusammenhang geredet werden.