Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 12 (15.12.1931)
- Date
- 1931-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Nummer 12 „(Salut!)" ließ ihm die deutsche Sprache zum Medium werden, verinittcls dessen die Seele nicht nur Kunde von sich in die Außenwelt hineingibt, sondern in der sie auch zutiefst Gestalt und Rhythmus erhält. Diese konstitutiv stärkste Macht des menschlichen Lebens ist es gewesen, die bisher alle Kulturneuschöpfungsversuche in der Diaspora schon im Keim hat scheitern lassen, die den kräftigsten Willensregungen die lähmende Ohnmacht beigesellte und aus dem „Kultur"-Zionismus eine zwar ereignisreiche, aber an greifbarer Substanz arme Strömung machte. Man kann sic dem siedenden Wasser vergleichen, welches das Quecksilber heftig umsprudelt und es doch nicht über den Siedepunkt hinaufzutreiben vermag. Daß die mit feurigem Eifer und oft mit glanzvoller Beredsamkeit propagierte Hinwendung zu jüdischnationalen Inhalten in der Zerstreuung nicht zu einer fruchtbaren Dauerhaltung werden konnte, zeugt für das Maß, in dem die Wandlung vom „jüdischen" zum deutschen Juden vorgeschritten ist. Westen Vorfahren schon auf deutschem Boden gelebt haben, und sei es auch auf dem durch Tore von der Umwelt abgeschlossenen, dessen körperlicher und noch mehr dessen geistiger Habitus weist eine derartige Fülle, dem Ursprungstyp fremder Merkmale auf, daß keine Rückbildung zur früheren Form möglich ist, selbst wenn Wille und Trieb gleichgerichtet wären. Wo und wann immer ein deutscher Jude sich anschicken möchte, aus dem deutschen Kulturkreise seelisch herauszutreten, da findet er sich von einem Wurzelwerk festgehalten, das allen Fluchtneigungen widersteht'und das ihm mehr als alles Sagbare zu Bewußtsein bringt, wo er beheimatet ist. Mag auch tiefste Liebe zu seiner Herkunft ihn antreiben, das Besondere seines Wesens in sich lebendig zu machen, auf daßes den Charakter seines Daseins mitbestimme, am Ende wird die Einsicht stehen, daß der Wunschcrfüllung eine Grenze gesetzt sei. Nicht Form und. Farbe der Landschaft, nicht das buntbewegte Auf und Ab der Menschen, die Bindungen an alles, was um uns lebt und wächst und mit uns. den Teppich flicht,-den mir Kultur nennen, nicht dies allein schafft den Typus „deutscher Jude"; die Sprache ist's vielmehr, die seine Seele mit'einem Künstlertum ohnegleichen bis ins feinste hinein bildet. In'ihrem Bereich geschieht das Wunder der Menschwerdung. Die Begründer der nationaljüdischen Bewegung haben diesen Sachverhalt sehr wohl erkannt, als sie mit allem Nachdruck das Studium der hebräischen Sprache forderten. Ihre Bemühungen hatten Erfolg im Hinblick auf das Palästinawerk, nicht aber in der Diaspora, in der kein noch so emsiges Hebräischlernen -etwas an der Tatsache wird ändern können, daß die deutsche Sprache unsere Muttersprache ist und damit die deutsche Kultur auch die unsere. * Und doch gibt es in der deutschen Judenheit auch ein Stück spezifisch jüdischer Kultur, das jedem vertraut ist, der von Kindheit an die Beziehungen zu seiner Stammesgemeinschaft gepflegt hat. Vollzieht sich ihr Werden auch abseits vom Strom der all-- gcmcinen Kultur innerhalb der vielen jüdischen Gruppengebilde, so führen doch Fäden hinüber und herüber, so daß eine gegenseitige Beeinflussung stattfindet, die das Gesamt an Farbigkeit reizvoll bereichert. Alle Arbeit, die von Juden für Juden auf jüdischem Gebiete getan wird, fügt sich organisch in diesen besonderen Teil der Kultur ein und trägt mit dazu bei, daß das Volkhafte intakt bleibe. Was sich an Greifbarem aus dieser Arbeit ergibt, das ist zwar keine jüdische Vollkultur und auch keine Kultur für alle Juden, aber doch ein deutlich umrissenes wertvolles Ganze, das sich gewiß stark genug erweisen wird, den Fortbestand der Judenheit zu sichern. Den festen Grund, auf dem dies unser Eigenleben gedeihen kann, bildet der Besitz geschichtlicher Erinnerungen. Und wenn der Werdegang eines Volkes so viel des Einzigartigen,'Wunderbaren, ja Abenteuerlichen in sich birgt wie der des Judentums, so wäre es geradezu unbegreiflich, spräche der Kenner nicht mit Iphigenie: „Wohl dem, der seiner Vättzr gern gedenkt, der froh von ihren Taten, ihrer Größe, den Hörer unterhält und, still sich freuend, ans Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen sieht." In unserer Geschichte haben wir in der Tat einen kostbare» Schatz, und je emsiger wir in ihm wühlen, ihn uns aufhellen, um so inniger werden wir uns an die Vergangenheit geknüpft fühlen, um so stärker wird der Wunsch uns beseelen, Wettergebende zu sein, um so weniger wird es uns anfechten, wenn unser Daseinsrecht umkämpft wird. Es mag zutreffen, daß eine Religion nur erhalten werden kann durch die symbolhafte Form, die sie sichtbar von anderen unterscheidet; zur Fortführung einer Gemeinschaft, die nicht nur Bekenntnis ist, bedarf es ihrer nicht unbedingt, denn die gleiche Kraft besitzt auch der tätige Geist, der die mannigfaltigen Ausstrahlungen des Gewordenen sammelt sichtet, mit sich trägt und weitergibt. Der Kult in Familie und Eottes- .haus hat seine bindende Kraft viele Jahrhunderte hindurch erwiesen, und es darf unser aller Wunsch sein, daß wieder einmal Zeiten heraufkommen mögen, da die Menschen'ihn von neuem als das heilige Spiel in ihr Leben einbeziehen, in dem sich Himmlisches und Irdisches zur Harmonie einen.! Uns sind neben ihm andere gleichstarke Stützen zur Festigung des Kemeinschaftsgefühls mitgegeben. Ob der Jude sich sozialer. Arbeit widmet oder ob er auf dem Boden jüdischer Politik streitend auftritt, ob er sich in das wundervolle und alle Seiten der Seele ansprechende jüdische Schrifttum vertieft und den Spuren jüdischer Kunst nachgeht, immer steht im Hintergrund als treibende Kraft eine heimliche herzliche Liebe zur eigenen Gemeinschaft. Sie führt den einen in die Wohlfahrtsinstitutionen, den andern: in die politischen Parteien; sie läßt diesen sich in uralte vergilbte Plätter vertiefen, jenen die wundersamen Verflechtungen jüdisches Fami lien entwirren; sie lenkt die Freunde des Alten zu zerfallenen Kultstätten und einsamen Judenfriedhöfen hin und sie ermuntert den Sammler zum Aufsuchen kostbaren Kultgerätes. So bildet sich wie von selbst ein zaubrisch schönes Reich voller Wärme, voller Licht, und keiner wird es je verlassen, der einmal in seiner Luft geatmet hat. ' Das ist es, was uns zuversichtlich stimmen darf trotz der Untergangsoorhersagen, die so oft an unser Ohr dringen. Das Judentum besitzt als Blutsgemeinschaft sowohl als auch als Trägerin eines geistigen Prozesses immer noch Kraft genug, seine Stelle im Völkergewühle als werteschaffende Macht auszufüllen. Wohl zehren Krankheiten aller Art an ihm und machen diese und jene Stelle morsch. Als Ganzes aber ist es gesund und fähig, seinen Beitrag zur Menschheitsgeschichte auch fürderhin zu leisten. Zusammenarbeit zwischen Schule und Iugendwohlfahrt. Referat, gehalten auf der amtlichen Lehrerkonferenz, der Jüdischen Gemeinde Berlin am 2. Februar 1931. Von Julius Stern, Berlin. (Schluß.) Das Verständnis und der Geist, aus dem diese Zusammenarbeit entstehen soll, könnte vielleicht geweckt werden in Arbeitsgemeinschaften, in denen Lehrer, Schulärzte, Schulpflegerinnen und Angehörige des Jugendamtes sich zusammenfinden. Hier wäre Gelegenheit gegeben, die Lehrerschaft in die Gedanken der modernen Jugendwohlfahrtspflege, der Schulgesundheitspflege und der Berufsberatung einzuführen und auch praktische Fälle der Jugendfürsorge zu besprechen. Es könnte so ein immer weiterer Kreis von Lehrern mit diesen Fragen gründlicher vertraut werden und eine größere Kenntnis der Zusammenhänge erhalten. Wenn wir offen sein wollen, müssen wir doch zügeben, daß innerhalb der Reihen der Lehrerschaft noch manchx Voraussetzung fehlt, um moderne Jugendwohlfahrtsarbeit zu «leisten. Mit der. Bereitschaft zur Mitarbeit, die vorhanden ist.; allein ist es noch nicht getan, sie ist gewiß ein notwendiger Faktor,