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Jüdische Schulzeitung · 1931-12-15 · 12 (15.12.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
12 (15.12.1931)
Date
1931-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nuuiu'.er 12 Jüdische Schulzeitung. Seite 8 viele sonst scharfsichtige Menschen gezeigt haben. Seit Fahren haben sie sich in die Vorstellung hineingesponnen, als gehe, wie es so poetisch heißt, eine tiefe religiöse Sehnsucht durch unsere Reihen, als ständen wir unmittelbar vor einer religiösen Wiedergeburt. Wer sich indes den Blick durch fromme Wünsche nicht umnebeln lägt und in voller Wachheit in das Treiben der Welt sieht, der merkt wahrhaftig nichts von diesem Wunde Ihm. offenbart sich — vielleicht — eine Abkehr von der Anschauung, als sei der Intellekt die letztgültige Instanz, nicht aber eine Hinwendung zu den Inhalten und Formen der alten Religionssysteme. * Auch wer in der Geschichte mehr sieht als den Ablauf eines Mechanismus, darf zugeben, dag bestimmte historische Konstellationen Bewegungen aus sich hervortreiben, die geradezu vor-! ° berechenbar sind und die den Stempel der Notwendigkeit an sich tragen. Zu diesen Bewegungen ist auch der Zionismus zu; zählen, jener legte gewaltige Versuch, den die Weltjudenheit zur . Beendigung ihres ahasverischen Daseins unternommen hat und i - von dem heute weder im Positiven noch im Negativen Endgülti-! - ges ausgesagt werden kann. In der politisch-kulturellen Gestalt, die ihm europäisch-gebildete Juden gaben, war der Zionismus yä.' , für viele der allein gangbare Ausweg aus einer als unerträglich! . .. empfundenen Situation. Er wurde beschritten, als nach leidcn-! ' ■ ■ schnftcrfüllten Anstrengungen zur harmonischen Einordnung in; \ die Umwelt die Ablehnung fühlbar wurde; als die zurück- . . gewiesenen Juden sich plötzlich vor die Fragen gestellt sahen, ob bei weiterem ungehemmtem Vorwärtsdrängen im Sinne der Assi, milation nicht menschliche Würde Schade nehme und ob nicht am Ende der Fortbestand der Istdenheit aufs schwerste gefährdet ' - sei. Beide Fragen wurden von vielen Juden — und es waren nicht die schlechtesten — mit einem entschiedenen Ja beantwortet, und damit war der Prozeß der Rückkehr unter eigene Lebensgesetze eingeleitet. Allein diese Lebensgesetze waren nicht erst; . gestern entstanden; sie hatten ihren tragenden Grund in einer uralten Lebensform, die bestimmt war durch die religiöse Ueb u n g mit ihren mannigfaltigen Ausstrahlungen in alle Gebiete des Daseins hinein. Und diese hatte unter dem Einslutz j moderner Erziehung ihre Macht über die gebildeten Schichten! verloren, so daß keine Rückkehr unter ihre schützenden Fittiche möglich war. So stand man an einem Punkt,'von dem aus es i ' ■ , weder ein Vorwärts, noch ein Zurück zu geben schien, an einer - w Schicksalswende, die in außerreligiöfe Bezirke einmünden mußte, wenn anders nicht völlige Hoffnungslosigkeit die stark erregten Gemüter Niederdrücken sollte. Da war es, daß eine überaus kühne! Konzeption zur Sammlung und geistigen Umhegung der Harren-! den geboren ward, die höchstes Leben in ihnen entzündete: es war der Gedanke, Erez Israel,-die uralte Heimat, von neuem : als Zufluchtsstätte der in Auflösung begriffenen Judenheit aus- . zu bauen und dort eine eigene Kultur zu schaffen, ausgestattet mit allen Inhalten, die das Leben eines Volkes zu beschwingen geeignet sind. Als ob ein Wunder geschehen wäre, schien mit einem Male alle Problematik ins Nichts verflüchtigt: hier in der „Galuth" waren die Nachfahren Judas wie aus schweren Träu- \ - men erwacht; ihr Auge schaute gen Osten und gewahrte dort das I Land, das sie manche Tage'mit ihrer Seele gesucht; es war j endlich wieder einmal die Zeit gekommen, da der wundervolle 1 ’ Gesang sich auf die Lippen drängte: „Als Gott die Heimkehrenden Zions zurückführte, War's uns wie Träumenden. Da füllte sich mit Lachen unser Mund - Und unsre Zunge mit Jubel." Und dennoch: nicht ein nach Stillung schreiender Drang zur j . Repatriierung der Juden in:der. Heimat der Ahnen ist das j Primäre der zionistischen Bewegung gewesen/ sondern das aus ] den tiefsten Schichten der Seele elementar hervorbrecheude Ver- 1 langen nach Selbstbehauptung. Wer das nicht wahr haben will, der denke an gewisse Pläne aus den Anfängen des politischen - Zionismus, irgendwo in der Welt einen Platz ausfindig zu machen, auf dem man ein normales Dasein führen könnte. Diese Leidenschaft zur Selbstbejahung hat viele Juden, und besonders stark die abseits stehenden» bis ins letzte ihres Seins ergriffen und durchschüttelt wie das Fieber den Kranken vor Beginn seiner Genesung. So Hub denn eine neue Epoche in der Geschichte der Juden an, die an romantischem Zauber ihresgleichen in der Neuzeit, sucht, die an Schwungkraft und Fanatismus nur noch übertroffen wird .von jenem phantastisch wilden Zeitalter, da ein Sabbatai - Zwi die Juden der ganzen Welt in einen grandiosen Aufruhr versetzte. Vorstellungen, die längst erloschen schienen, strömten mit einem Male ins Helle Licht des Bewußtseins; Einflüsse, die das Eigenleben hemmten, wurden auf Grund psychologischer und historischer Einsichten ausgewiesen und aus dem Wege geräumt: dem „Iudenschmerz" wurde so der Garaus gemacht. Tausenoe auch deutscher Juden, deren Beziehungen zu ihrer Gemeinschaft fast völlig gelöst waren, kehrten hart am Rande des Abfalls um, gaben ihre ablehnende Haltung auf und schenkten dem jungen Ideal ihre ganze Liebe. Alle schöpferischen Kräfte, die trotz der Ungunst der Zeiten dem Jahrtausende alten Iudenoolke erhalten geblieben waren, stellten, sich in den Dienst des Aufbauwerkes, f und in raschem Zuge bildete sich jene heroische Lebensform aus, . ' die jedem gegenwärtig ist, sobald er das Wort „Chaluz" vernimmt. Allein auf die Dauer konnte auch die Tragik nicht' verborgen bleiben, die nicht nur dem Ganzen des Iudenschickfals anhastet, sondern auch jeder einzelnen Phase. Es waren nicht die Masten, die den Staub der Diaspora von ihren Füßen schüttelten, um im heiligen Lande ein neues, gesunderes Leben zu beginnen. Selbst die am stärksten von der Zionsidee ergriffenen Führer sahen sich unüberwindlichen Hindernissen gegenüber. Die Rückkehr nach Erez Israel erwies sich ihnen als eine Illusion,' in deren Glanz sich zwar die Phantasie entzündete und der Wille Antrieb erhielt, die aber doch Illusion blieb und bleiben mußte, weil die Bindungen an die deutsche Heimat sich als stärker erwiesen und weil darüber hinaus die machtpolitischen Einflüsse der an Palästina ' beteiligten Völker dem Einwanderungsplan nicht günstig waren. Und dennoch wäre es falsch, der zionistischen Bewegung deshalb den Wert abzusprechen, weil sie einer Illusion nachjage. Denn ganz abgesehen davon, daß es mitreißende Bewegungen gar nicht geben kann ohne das lockende Ziel eines Ideals, ja. daß das Leben ohne die Setzung wertgebender Hochziele auf die Dauer höchst unerträglich wäre, sind denn doch Erfolge zu verzeichnen, deren Bedeutung nicht gering angeschlagen werden darf. Der Gedanke, im heiligen Lande ein friedliches Siedlungswerk zum Besten der Gesamtjudenheit fördern zu helfen, verliert nichts an seinem inneren Gehalt, auch wenn die Förderer sich selbst nicht eingeschlossen wissen in den Kreis der Siedler. Tragisch wurde die.Situation erst an dem Punkte, an dem die zionistische Arbeit über den Bereich der seelischen Bereitmachung für Palästina hinausführte in die Gefilde eines kulturzionistischen Trauinlandes, dorthin also, wo sich Bemühungen geltend machten, in den Ländern der Zerstreuung selber eine weitgehende jüdische Kultur zu schaffen. Denn hier stieß diese Absicht zusammen mit dein Lebensideal, das die überwältigende Mehrheit deutscher Juden aus geschichtsgebundener Notwendigkeit heraus erstrebt und das trefflichen Ausdruck findet in einer Formel, die einerder repräsentativsten deutschen Juden unserer Tage, Julius Eoldstein, Goethes zweitem Faust entnahm, in dem Wort von der „geeinten Zwienatur". Sie ist es, die alle Versuche fragwürdig erscheinen läßt, außerhalb der religiösen Sphäre eine neue in sich fest gegründete und organisch wachsende jüdische Welt aufzubauen. Die ' unabänderliche Tatsache der Zerstreuung, das, was der National-- jude „Galuth" nennt, bedeutet einen Strom von Lebensgütern, die der deutsche Jude mit hat schaffen helfen, an deren Mehrung und Weitergabe er mitwirkt und deren Besitz ihn beglückt. Diese

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