Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 12 (15.12.1931)
- Date
- 1931-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Schulzeltring. Nummer 12 neuerungstendenzen innerhalb der Jndenheit unserer Zeit bestimmen. Die Orthodoxie, jene uralte kampferprobte Hüterin und Bewahrerin jüdischen Erbgutes, ist auch heute noch die in sich geschlossenste und wegen ihres tzogmenühntichen Unterbaues am wenigsten mit Aussicht aus Erfolg angreifbare Lebensform der Juden. In ihrem Gehege waren bisher sowohl die religiösen als auch die übrigen volkhaftcn Ueberlicferungen am besten geborgen. Und wäre die Möglichkeit gegeben, in ihrem Lager zu verharren oder in es zurückzukehren, so brauchte sich niemand um die Zukunft des Judentums zu sorgen. Aber das ist nicht möglich, weil die Orthodoxie der geschlossenen Sicdelung bedarf und diese in der Diaspora nicht wiederherstellbar ist; weil ferner der moderne Jude wie jeder moderne Mensch sich keiner religiösen Dogmatik und keinem komplizierten Zeremonial- und Ritenkodex zu unterwerfen geneigt ist, weil überhaupt neue Bindungen an transzendentale Instanzen heilsmäßiger Natur vorerst kaum werden erfolgen können. Die Geschichte der Neuorthodoxie, jenes Versuches einer Vereinigung von Traditionsstarre und moderner Lebenshaltung, hat evident die Aussichtslosigkeit einer Wiederbelebung dieser einst so mächtigen Daseinsordnung der^Judenhert ausgewiesen. Ein kleiner Ueberrest wird auch weiterhin nach Möglichkeit dem Gesetz die Treue halten; sporadischer Zuwachs von opferbereiten, hingebungsfähigen Menschen darf erwartet werden. Damit aber ist wenigstens noch eine geraume Zeit hin die Existenz eines getreuen Wächters gewährleistet, in dessen Obhut der Schatz vergangener Zeiten bereitgehalten wird, wenn in der weiten Welt das Jüdische sich zu verflüchtigen anschiüt. Die Gefahr eines derartigen Substanzschwundes begann, als geistig und gesellschaftlich der Uebertritt vom Ghetto zur europäischen Kultur einsctzto. .Dieser Prozeß, der sich mit elementarer .Gewalt vollzog, neigte in seinen Anfangsstadien notwendig zur Abschleisung und Beiseitedrängung aller, die eigene Gemeinschaft aus der Umwelt heraushebenden Merkmale. Auf diese Erund- .tatsache, die rein psychologisch erklärbar ist. können die soziologisch fundierten Absichten jener Zeit zuriickgeführt werden. Auch die Entwicklung auf religiösem Gebiet konnte nicht unbeeinflußt - bleiben von den Tendenzen zur Ungleichungan die christliche Umgebung. Von der einen Seite her strömte das Geistesgut des Aufklärungszeitalters mit all seinen verheißungsvollen Aussichten auf Befreiung der Vernunft in die jüdische Bildungswelt ein, die in mancher Hinsicht zu eng geworden war. Mit Ungestüm untergrub es die Autorität jüdisch-religiöser Grundanschauungen, und wie dem Nichtjuden wurde auch dem Juden Religion überhaupt zum Problem. Von der anderen Seite her drängten Wünsche auf eine Aenderung des Gottesdienstes heran, weil die übliche Form den Ansprüchen kultivierter Menschen nicht mehr gerecht wurde. Es war eine heikle Situation, der sich damals die führenden Männer gegenübersahen. Die Methoden, die sicb früher wohl bewährt hatten, mußten angesichts der geistigen Revolution und des drohenden Massenabfalls versagen. Diesem zu steuern, boten sich zwei Wege dar, die allerdings nur schwer in konfliktfreie Gleichrichtung zu bringen waren. Es war einmal der Versuch tüchtiger Gelehrter, das Judentum mit den Mitteln exakt wissenschaftlicher Methoden als einen geistigen.Prozeß von weltgeschichtlicher Größe neu zu begründen und dessen Träger zur sreudigtätigen Forterhaltung anzuspornen. Dabei ergab sich die zweite Aufgabe, der religiösen Seite dieses Prozesses neue kultische Ausdrucksformen zu schaffen, von selbst;' denn das, was als Wesentliches am Judentum entdeckt wurde, war nicht der Inhalt des traditionellen Judentums. Dem Ersten Versuch war ein in die Tiefe gehender Erfolg beschieden; er zeitigte die Wissenschaft des Judentums und leitete eine Epoche äußerst fruchtbarer theoretischer Arbeit auf allen Gebieten der jüdischen Geschichte ein, von deren Ergebnissen die Eesamtjudenheit noch heute zehrt und ohne die die.durch ihren Reichtum imponierende jüdische Literatur der Neuzeit nicht zu denken wäre. Der zweite Versuch, nämlich de? einer religiösen Reform, blieb bis zur Gegenwart problematischen Wertes, weil er nicht bis zu einer nachhaltigen lebens trächtigen Durchdringung der Massen führte, sondern eine mehr oder weniger belangreiche Angelegenheit einer kleinen Schicht jüdischer Menschen blieb, die den ethischen Kern ihres Bekenntnisses in den Vordergrund stellten und denen die Form weniger wichtig war. Es ist nicht schwierig, das Kritische der Lage zu durchschauen, in der sich die Reformer befanden. Sie hatten auf Grund wissen - schaftlicher Erkenntnisse manche bis dahin als feststehend anerkannte Glaubenssätze-als unhaltbar aus dem Lehrgebäude des Judentums herausgenommen, und sie waren der Meinung, es dennoch unversehrt in die Zukunft hinüberretten zu können. Sic hatten weiterhin dem Gesetz, in dessen strikter Befolgung sich nach althergebrachter Anschauung das Judentum erfüllte, die verpflichtende Kraft aberkannt und damit einem Individualist,ru.r Einlaß gegeben, der die Möglichkeit einer künftigen Kollektivgesinnung und eines künftigen Kollektivausdruckes stark einschränken mußte. Ohne beides aber ist Religion als Haltung einer menschlichen Gemeinschaft nicht möglich. Die in diesen Zusammenhang hineingehörende Frage, ob Äfc das Judentum Dogmen habe oder nicht, muß dem als müßig erscheinen, der das Wesen des religiösen Bekenntnisses erfaßt hat. Nimmt man den Ausdruck „Dogma" in dem Sinne eindeutig bestimmter, der Begründung einer Konfession dienender Setzungen, so kann man mit Fug und Recht sagen, daß auch das Judentum wie jede andere Religion Dogmen habe, ohne deren Anerkennung zumindesten spezifisch jüdisch» religiöses Leben nicht möglich ist. Welche Schwierigkeiten sich hier ergeben, das zeigt, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die Gottesauffassung einiger liberaler Theologen. Wenn Gott nicht das Wesen ist, das unser Gebet um das tägliche Brot hört und erhört, fo ist das Beten sinnlos und damit zugleich auch das kultisch geordnete Gebet des öffentlichen und privaten Gqttesdienftes. Es ist bisher der Reform nicht möglich gewesen, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, und es dürfte ihr auch .kaum gelingen, weil die Setzung von Dogmen ihrem innersten Wesen - widerspräche und weil zudem keine Instanz vorhanden wäre, die die Anerkennung dieser Dogmen sicherstellen könnte. So mußte sie denn auch notgedrungen Kompromisse mit dem traditionellen Judentum schließen und bei der Ausgestaltung der Liturgie sowie bei der Empfehlung religiösen Brauchtums auf Bestände der Orthodoxie zurückgreifen, weil sie kein auf eigenem Boden sjr gewachsenes Ritengefüge hervorgebracht hat. Die Schöpfer und - Fortbildner der Reform haben mit Recht immer wieder darauf hingcwiesen. daß ihr Gedankengebäude aus grundsätzlich anderen Voraussetzungen entstanden sei als aus denen der Orthodoxie, - daß also, um ein Wort Montefiores zu gebrauchen, Liberalismuskeineswegs Orthodoxie mit gewissen Abstrichen sei, sondern ein grundsätzlich anderes. Und doch haben die Menschen, die religiöse Bindungen nicht entbehren konnten, sich, ihrem Instinkt folgend, den feinen gedanklichen Unterscheidungen abhold gezeigt, und sie sind der von Montefiore bekämpften Auffassung gefolgt. So ist es im großen und ganzen bis zu diesem Tage geblieben, und wenn auch nicht übersehen werden darf, daß so manchem Juden, der den Weg zur Tradition seiner'ganzen Geisteshaltung gemäß nicht mehr cinfchlagen, aber auf die religiöse Uebung nicht verzichten konnte, eine annehmbare Lösung des Konfliktes dargeboten wurde, so muß doch gesagt werden, daß heute die religiöse Situation besonders bedenklich ist, weil, abgesehen von dem Kampf, den ernst zu nehmende Mächte gegen ksie Religionen, sofern sie Gruppenhaltungen sind, begonnen haben, die meisten Menschen infolge tiefgehender geistiger und materieller Umwandlungen religiöse Grundkräste zwar nicht verloren haben, sie aber doch gegenwärtig nicht wirksam machen können. - Es ist seltsam,- wie blind sich diesen Sachverhalten gegenüber }