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Jüdische Schulzeitung · 1931-12-15 · 12 (15.12.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
12 (15.12.1931)
Date
1931-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nummer 12 7. Jahrgang 4V r\ & s/ Monalsschrisk für Pü-agvgtK und SchukpoMtK Heransgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüd. Schulleitung" erscheint um den 15. eincs iedenMonaks und wird allen Rilgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrer, vereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zu. gestellt. — Post.Bezugspreis für Nicht. Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. Dezember 1931 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt«Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s en, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. i i Inhalt dieser Nltinmer: „Weltanschauliche Strömungen in der deutschen Judenheit" von Dr. Siegfried Braun, Köln. „Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendwohlsahrt" von Julius Stern, Berlin (Schluß).- x„Eheformen im alten Israel" von Dr. Jakob Kohn, Leipzig. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Briefkasten. Weltanschauliche Strömungen in der deutschen Judenheit. Ein Rück- und Ausblick von Dr. Siegfried Braun» Köln. Die deutsche Judenheit bot bis tief in die 'Kriegsjahre hinein ein Bild trostlosen Zerfalls dar. Auch der Zionismus Herzlfcher Prägung, der gegen - Ende des vorigen Jahrhunderts wie ein frischer Luftzug durch die Lande ging, und der namentlich die Jugend zur Selbstbesinnung aufrief, vermochte vorerst aus eigener Kraft nicht die Schichten aufzurütteln, von deren Führung die Lebensstärkc der Gesamtheit abhängig war. Es bedurfte vielmehr erst der Anstachelung durch eine von außen herkommende Macht, um die träge gewordenen Geister in spürbare Bewegung zu versetzen. In gleichem Grad, in dem der Antisemitismus anwuchs, steigerte sich auch die Stärke dieser Bewegung. Die unter harten Druck gesetzte Judenheit mobilisierte die in ihr ruhende uralte und doch wunderbar jung gebliebene Kraft; sie schritt zu energischer Abwehr der Angriffe, aber sie wandte sich mit nicht weniger Eifer der Aufgabe zu, das Eigenleben der jüdischen Gemeinschaft wiederzuerwecken, seinen Sinn und seinen Wert gedanklich herauszustellen und so der kräftig einsetzenden Aufwärtsentwicklung ein lockendes Ziel zu geben. Diese mit Recht als Renaissance bezeichnete Neubelebung unseres Daseins leitete eine durchaus rückläufig gerichtete Bewegung innerhalb der Geschichte der deutschen Juden ein, die auch heute noch keineswegs abgeschlossen ist. Hatten die Geschlechter des verflossenen Jahrhunderts in heißem Bemühen um die Vollendung des Emanzipationsprozesies sich in stetigem Rückzug von ihrem Lebenskern entfernt, so setzte' nunmehr eine Wiederbesinnung auf das Eigengewachsene ein, ein Zusichsclberheimkehren, das seinen Ausdruck fand in der vielfältig gestalteten Geistesarbeit auf allen Gebieten jüdischen Lebens. Diese zentripetal gerichtete Kraftentfaltung im eigenen Hause hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, und ihr Fortgang wird ganz von dem Maß abhängen, in dem der Judenhaß anstcigen oder abflauen wird. Ein weiteres Anfchwellen der antisemitischen Ströme wird das längst fragwürdig gewordene Ergebnis des Angleichungsexperiments völlig zur Illusion werden lassen und die deutsche Judenheit zu weiterem geistigem und gesellschaftlichem Rückzug zwingen. Schon heute sind wir soweit, daß Menschen, deren als Synthese von Deutschtum und Judentum geführtes Leben längst alles Problematische hinter sich gelassen hatte, plötzlich bestürzt innehalten und erkennen, daß nun doch „ein Erdenrest zu tragen peinlich" zurückgeblieben sei. Werden sich die Spannungen zwischen der feindseligen Umwelt und den Juden mildern, und das ist, wie die Geschichte lehrt, das Wahrscheinlichere, so werden auch die unter Druck zur Wirkung gekommenen Energien wieder geschwächt werden und aus ein Maß herabsinken, das eben noch ausreichen wird, das in der Hochflut der Renaissance wiedererweckte Leben eine geraume Zeit lang noch in stetigem Fluß zu erhalten. Ob aber weiterhin nicht wieder ein ständig zunehmender Zerfall, eine Verflüchtigung der Kräfte eintreten wird, das hängt allein von der Qualität des Zieles ab, das die Wegbereiter unserer jüdischen Gemeinschaft aufzuzeigen vermögen. Damit ist nichts gegen den Wert der Renaisiance selber gesagt. Mag sie immer eine Reaktion auf einen Anstoß von außen her sein, mag auch mancher, der sich von ihr erfassen ließ, aus der Not eine Tugend gemacht haben, fruchtbar ist sie deshalb doch gewesen. Ja, sie unterscheidet sich in nichts von all den Neuausbrüchen, die die Welt gehen und kommen sah; denn alle sind aus dem Widerstreit zweier Mächtegruppen heraus entstanden, und keine hat je den Sinn gehabt, das Eewoge neuer Lebenskräfte dauernd in gleicher Spannung zu erhalten. Von allen galt das Koethesche Wort: „Begeistrung ist keine Heringsware, die man einpökelt auf einige Jahre." Sie dienten lediglich als Antriebkraft, die ihre Aufgabe erfüllt hatte, wenn der erforderliche Schwung erzeugt war. Nicht also der Ausgangspunkt der jüngsten Aufwärtsbewegung entscheidet über unsere nächste Zukunft, sondern das Ziel, das ihr gesetzt werden kann. Von. hier aus erst ergeben sich die Ausblicke auf den Weg, denen unsere Betrachtung gelten soll. * Vorausgestellt sei die Auffassung, daß in den meisten Juden der Wunsch nach Erhaltung der Art lebendig ist. Es kann niemand, der auch nur noch schwache Spuren eines dreitausend Jahre alten Erbgutes in sich trägt, die Vernichtung seiner Gemeinschaft herbeiwünschen oder gär selbst dazu beitragen wollen, daß sie verschwinde. Mag auch manchem, dessen Judesein von allem Inhalt entleert ist, angesichts des kraftverzehrenden Kampfes mit dem widrigen Geschick zuweilen die Frage „cm bono?“ zu schassen machen: am Ende bricht doch immer wieder das Gefühl des Verhaftetseins mit der jüdischen Schicksalsgemeinschast durch und sorgt dafür, daß man sich am rechten Ort wisse. Allein dieser amor fati kann doch bei einer Menschengruppe, die wie der Sand über alle Welt verweht ist, aus die Dauer nicht nur von blassen Erinnerungsresten leben; er bedarf viel-, mehr einer, wenn auch nur als Idee faßbaren Zuknnftsaufgabe, wenn aus dem sinnlosen Vegetieren ein sinnvolles. Wachstum werden soll. Je vollkommener sich diese Aufgabe in die allgemein gültigen Lebensregeln einfügt und je schärfer urqxiffcn und plastischer geformt die Gestalt des Wunschbildes ist, das vor die Menschen hingestellt wird, um so bewegter und reizvoller wird das Spiel der Kräfte und um so reicher die Freude darüber, sich mit Gleichgearteten innig verbunden zu wissen. Unter diesem Aspekt gesehen, läßt sich die Wertskala der

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