Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1931-11-15 · 11 (15.11.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
11 (15.11.1931)
Date
1931-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2825247-2825248-2825259--0558-2826172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2J moderne Sprache oder sogar Hebräisch an humanistischen Gymnasien handelt, zwei Wochcnstunden vorgesehen. Da aber die meisten Mittel- und Kleingemeinden auf den hebräischen Unterricht an den öffentlichen Schulen nicht verzichten können, weil sonst große Teile der jüdischen Jugend ohne jede Kenntnis der hebräische.n Sprache heranwachsenwürden^ ist es unsere Pflicht, nach Mitteln und Wegen zu trachten, die geeignet sind, die Leistungen unserer Zöglinge auch innerhalb der verfügbaren Zeit zu erhöhen. Dies ist um so notwendiger, als jetzt in vielen Mittel- und Kleingemeinden eine immer stärker werdende Tendenz zu beobachten ist, den jüdischen Religionsunterricht auf nur zwei Wochenstunden zu beschränken, und zwar dort, wo der Unterricht außerhalb der Schulzeit stattfindet. Um den hebräischen Unterricht produktiver gestalten'zu können, sind vor allem folgende Verbesserungen nötig: 1. Eine genaue Festlegung des L e h r z i e l s. 2. Anwendung einer den pädagogischen Forderungen unserer Zeit und der Entwicklung der hebräischen Sprache genügenden Lehrmethode. I. Als Ziel des hebräischen Unterrichts wird allgemein die Befähigung der Jugend zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienst verlangt. Dieses Ziel scheint bei oberflächlicher Betrachtung ein Minimum zu sein, bei näherem Zusehen aber wird man bald feststellen können, daß es für eine Wochenstunde zu umfangreich' und kaum durchführbar ist. a) Denn um dem Gottesdienst verständnisvoll folgen zu können, ist nicht nur eine genaue Kenntnis unseres Gebetbuches erforderlich, sondern auch eine genügende Vertrautheit mit dem Pentateuch, den fünf Megilloth und einer nicht geringen Anzahl von Prophetabschnitten notwendig. Darüber hinaus verlangt der Gottesdienst an den Feiertagen, insbesondere an den „hohen Feiertagen", eine gute Bekanntschaft mit unserem Machsor, dessen Gebete nicht gerade zu den leichtesten Teilen unserer liturgischen Texte gehören. b) Aber selbst wenn wir den Umfang des Lehrstoffes sehr stark einengcn werden, was bis jetzt auch vielfach geschehen ist, so sprechen auch rein methodische Schwierigkeiten gegen diese Zielsetzung. Die gottesdienstlichen Texte setzen sich aus drei verschiedenen Literaturgattungen zusammen, nämlich aus der heiligen-Schrift, der Mischnah und der synagogalen Poesie des Mittelalters, die sich sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr stark voneinander unterscheiden. Vom Standpunkt des Gottesdienstes aus betrachtet, wird man die Auswahl der Texte mehr nach ihrer gottesdienstlichen Bedeutung als nach ihren sprachlichen Schwierigkeiten oder ihrem religiösen Inhalt treffen, eine Praxis, die bisher ganz allgemein.war und auch heute noch vielfach zu finden ist. c) Schließlich fehlt diesem Lehrziel auch der reale Boden, auf dem es im ersten Augenblick zu stehen scheint. In allen unseren Mittel- und Kleingemeinden (und nur diese werden hier berücksichtigt) wird ein jüdisches Kind sehr wenig Gelegenheit haben, einem Wochentags- oder Sonnabend-Gottesdienst beizuwohnen. Die meisten Eltern schicken ihre Kinder auch an den Feiertagen in die Schule, so daß das jüdische Kind bestenfalls nur an den hohen Feiertagen und den Vorabenden der anderen Feiertage oder Sonnabende an einem Gottesdienst teilnehmen kann. Auch der Umstand, daß in den meisten Mittelgememden . am Sonnabendnachmittag besondere Jugendgottesdienste stattfinden, ändert sehr wenig an der traurigen Tatsache, daß ein auf den Gottesdienst allein eingestellter hebräischer Unterricht für den größten Teil der Jugend graue Theorie bleiben wird, da ihr die aktive Betätigungsmöglichkeit fehlt. -Auch hier gilt wie auf dem ganzen Gebiete der Religion der Grundsatz unserer Weisen: Nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern das Handeln, die Tat (Aboth I, 17).. ' " 1 . Nummqr 11 Da also das alte Lehrziel des hebräischen Unterrichts technisch undurchführbar, methodisch falsch und praktisch nicht verwertet werden kann, so muß die jüdische Lehrerschaft den s Mut haben, dieses Ziel aufzugeben und ein anderes an seine Stellv zu setzen. In Ucbereinstimmung mit den Forderungen führender Pädagogen aus' dem Kreise der jüdischen Lehrerschaft, wie Rektor St?rn, Frankfurt a. M.. und Sehre? RmnfytSer, Lgvenburg,') schlage ich daher als Ziel des hebräischen Unterrichts an den öffentlichen Schulen vor: „Die Schüler zu verständnisvollen! Lesen leichter hebräischer Texte, insbesondere biblischer, zu befähigetu" Sobald ein Schüler dies erreicht hat, besitzt er eine feste Grundlage, auf der er dann beim Verlassen der Schule selbständig Weiterarbeiten kann. Aber wie sollen wir unsere Schüler zu diesem Ziel bringen? Mit dieser Fragestellung berühren wir einen der wundesten Punkte des hebräischen Unterrichts, nämlich seine Methode. Die Art, in der der hebräische Unterricht bis vor nicht allzu langer Zeit erteilt wurde und vielerorts auch heute noch erteilt wird, war nicht von methodischen Gesichtspunkten geleitet, sondern vielmals nur von dem gestellten Lehrziel bedingt. Der pädagogische Grundsatz, daß jeder Unterricht von Bekanntem zu Unbekanntem und von Leichterem zu Schwererem fortschreiten muß, wurde ebenso außer acht gelassen, wie die nicht minder wichtige pädagogische Forderung, daß der an das Kind heran-, gebrachte Lehrstoff seiner Anschauungsweise und seiner Vorstellungsfähigkeit angepaßt fein muß, vollkommen unberücksichtigt blieb. Die moderne Religionsschule bewegte sich daherin bezug auf die Methode ganz und gar in den Bahnen des alten Cheders, ohne jedoch alle die vielen Vorzüge aufzuweisen, die der Cheder hatte, und durch die es ihm auch gelang, trotz der schlechten Methode „talmide chachomim" hervorzubringen. Im Hinblick auf das Lehrziel war man nämlich bestrebt, die Kinder so früh wie möglich in die Liturgie einzuführen. Man brachte daher an sie Texte des Gebetbuches heran, die sie weder sprachlich noch inhaltlich ausnehmen konnten. Damit wurde dem Kinde jede Freude am Unterricht genommen, und je älter und reifer es wurde, um so größer war seine Abneigung gegen den Religionsunterricht, insbesondere gegen Hebräisch. Mit Befriedigung kann daher festgestellt werden, daß die Erkenntnis von der Unbrauchbarkeit und Schädlichkeit dieser Cheder-Methode heute Gemeingut fast der ganzen jüdischen Lehrerschaft ist, die auch fortgesetzt an der Neugestaltung der Methodik des hebräischen Unterrichts arbeitet. Diese Wandlung in der Auffassung der jüdischen Lehrerschaft in bezug auf die Methoden des hebräischen Unterrichts vollzog sich allmählich erst im letzten Jahrzehnt, nachdem in Deutschland ein neuer Schul- und Lehrertypus für den hebräischen Unterricht entstanden war, nämlich die hebräische Sprachschule und der hebräische Sprachlehrer. In kurzer Zeit konnten die hebräischen Sprachschulen mit demselben Schlllermaterial unter den gleichen ungünstigen Umständen (Nachmittagsunterricht) und bri gleichem Zeitaufwand ganz außergewöhnliche Erfolge erzielen, und zwar nur durch eine bessere methodische Gestaltung des Unterrichts. Diesen praktischen Erfolgen der Sprachschulen konnte sich kein vernünftiger Lehrer und kein verantwortungsbewußter Erzieher verschließen, so daß allenthalben im Kreise der Lehrerschaft, in der orthodoxen wie auch in der liberalen, der Ruf nach Revision unserer bisherigen Lehrmethode laut wurde. Wenn auch dieser Ruf nicht vergebenswar und in den letzten Jahren einige beachtenswerte methodische Reformen gezeitigt hat. so befinden wir uns immer noch erst am Anfang dieser Entwicklung. Zwar weiß die Lehrerschaft, daß sie die ') Siehe Blätter des Keren Hatorah, Heft 3, S. 18,! und „Jüdische Schulzeitung", 5. Jahrg., Nr. 10, S. 3. j ' Jüdische Schulzeitung. * i i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.