Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 10 (15.10.1931)
- Date
- 1931-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung. Säte 4 Wir. erteilen den hebräischen Unterricht in der Grundschule in vier Stufen: 1. Vorstufe, Stufe des Alef-Beth (letztes Quartal des ersten Schuljahres), 2. Fibelstufe (zweites Schuljahr), 2. Stufe der sprachlichen Vorbereitung (drittes Schuljahr), 4. Stufe der Tfilloh (viertes Schuljahr). Daran schließt sich für die Kinder, die den hebräischen Unterricht weiter besuchen, die Stufe des Chumosch, die später zur Stufe des ganzen T!nach erweitert wird. Es dürfte sich empfehlen, schon auf der vierten Stufe auch leichte und den Kindern bekannte Erzählungen des Pentateuchs durchzunehmen und diesen Teil des hebräischen Unterrichts in den Neligionsnnterricht einzugliedern. Da die Teilnahme am hebräischen Unterricht mit dem Uebergang der Schüler in die höhere Schule problematisch wird, so mutz die Haupt- und grundlegende Arbeit mit Beendigung des vierteil Grundschuljahrcs getan sein. Unser Lehroerfahren hat einige Besonderheiten: Erstens, der Unterricht ist auf jeder Stufe nur Klassenunterricht. Wir wißen vom allgemeinen Unterricht her, daß der Lehrerfolg wesentlich davon abhängt, ob und in welchem Matze wir vermögen, die innere und äußere Schau aller Schüler auf den zu behandelnden Gegenstand hinzulenken, die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf ihn zu konzentrieren. Darum verlangen wir auch für den' hebräischen Unterricht den Klassenunterricht. Die Schüler — auch wenn es nur zwei sind — bleiben dadurch in der Gewohnheit de« allgemeinen Unterrichts. Die Schüler unter sich und Schüler und Lehrer lernen in freiem Geben und Nehmen. Der Unterricht wird lebendig und vertieft.' - Zweitens. Wir beginnen mit dem hebräischen Unterricht nach Weihnachten im ersten Schuljahr. In Anbetracht der allzu knappen Unterrichtszeit bedeutet die Vorverlegung des Anfangstermins einen schätzenswerten Zeitgewinn. Die Vorverlegung müßte aber unterbleiben, wenn dem Kinde daraus auch nur eine einzige Schwierigkeit erwüchse. Das ist aber, keineswegs der Fall, sondern der Schüler hat nur Vorteile davon: Bis Weihnachten hat das Kind sich in den Unterrichtsbetrieb eingewöhnt, es hat Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt, ist ein Schüler geworden. Es besitzt also alles, was wir voraussetzen müssen. Bekanntlich wird im allgemeinen Unterricht das letzte Quartal vor Ostern benutzt, um die gewonnenen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vertiefen. Dem Kinde wird nun nicht mehr täglich Neues geboten; die Hochspannung, die zu Anfang und weit bis ins Schuljahr hinein im Kinde war, klingt jetzt ab. Nun können wir sein Ohr und sein Jnteresie haben. Wenn wir diese Spannungspause, die mit Beginn des zweitenSchuljahres durch neueBücher, neuen Lehrstoff wieder überholt wird, für unsere Zwecke ausnützen, so wird uns das jüdische Kind dankbar sein, daß wir ihm gerade jetzt mit etwas gänzlich Neuem kommen. Sein Ohr wird um so williger der heiligen Sprache geöffnet sein. Drittens. Wir erlernen das Alef-beth nicht an Hand der Fibel. Hierzu veranlaßt uns die Ueberlegung, daß es ganz unmöglich ist, siebenjährige Kinder in eine schwierige Fremdsprache . einzusühren und ihnen gleichzeitig ein fremdartiges Alphabet zu vermitteln. Wir nehmen diese letztere Schwierigkeit in der Vorstufe vorweg. In der ersten Stunde lernen die Kinder, mit einem Punkt beginnend, die Vokale kennen, lesen und schreiben (schon gleich in dieser Stunde benutzen die.Kinder Farbstifte zum Schreiben, wie überhaupt sinngcbende Verwendung von Farben im ganzen Lehrverfahren eine ausschlaggebende Rolle spielt). In der zweiten Stunde erscheint vor den Kindern ein farbiges Anschauungsbild. (Zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, machen Besuch bei Onkel und Tante.) Die Kinder sprechen sich über dieses Bild aus, und wenn ihr Interesse geweckt ist, wiro das Vellen des Hundes nachgeahmt und lautiert. Alsdann wird die Silbe „wau" zweimal in Umrißzeichnung an die Tafel ge- Nuunner^O malt. Die Kinder gewinnen daraus das Waw, und wenn es erkannt ist, werden die vorgezeichneten Silben in der Farbe des Hundes (braun) ausgefüllt. Dann bekommen die Kinder ein Mal- und Leseblatt, ebenfalls in Umrißschrift, auf welchem das an der Tafel stehende Wort und der neu gewonnene Buchstabe (letzterer, damit er sich besonders hervorhebt, in Dollschrift) vorgezeichnet sind. Die Kinder malen das ihnen jetzt bekannte und vertraute Wort iw derselben Farbe aus. Dabei wird es ohne Zutun des Lehrersgelesen. Hinter dem nun gemalten Wort steht auch der in Druckschrift geschriebene Buchstabe Waw. Er wird ebenso wie vorher der gedruckte Buchstabe kritisch nach Form und Eigenart betrachtet und dann an eine Wandtafel mit quadratischen Linien vorgeschrieben. Darauf nehmen die Kinder ihr Heft mit ebenso liniertem Papier und schreiben den Buchstaben. Vorher werden sie noch darauf aufmerksam gemacht, daß der Buchstabe an die rechte Seite des Quadrats ängelehnt wird. Später wird bei den breiteren Buchstaben auch noch darauf gehalten, daß die linke Seite des Quadrats niemals berührt werden darf. Auf diese Weise gewöhnt man die Kinder bald daran, daß sie Leseabstände zwischen den Buchstaben machen. Die Kinder werden veranlaßt, die gewonnenen Wörter nach Belieben in Sätzen zu verwenden und sich in ihrer Weise über das im Bild Geschaute unter Verwendung der bekannten hebräischen Wörter in deutsch-hebräischer Sprache auszusprechen. Der exakte Sprachwissenschaftler wird vielleicht über das Kauderwelsch ' schaudern. Wir lassen es gelten, ja, wir fördern es, weil die Kinder so eine Möglichkeit haben, zu beweisen, daß die Wörter und die dazu gehörigen Begriffe geistiges Eigentum geworden sind und weil es die einfachste Möglichkeit ist, die Kinder von Anfang an sprechen zu lassen. Zudem verschmähen ja auch wir Erwachsenen die Zweisprachigkeit nicht. Diese- Zweisprachigkeit ist auch legitim, denn unser zweitausendjähriges Ruhen in zwei Kulturkreisen ist unser Schicksal und rechtfertigt auch die Zweisprachigkeit. Wie zuerst das Waw, so erarbeiten wir uns auf dem Weg über einen Suchbegriff vom Leichten zum Schweren fortschreitend, die übrigen Buchstaben des Alphabets in einer Reihenfolge, die streng darauf sieht, daß der nächste Buchstabe so weit als möglich eine Veränderungsform des vorausgegangenen ist. Nach dem Waw kommt das Daleth, danach das Nun, das Gimmel usf. Die Kinder arbeiten in einer frohen Weise, wobei ihren Fähigkeiten nicht Unmögliches zugemutet wird, sie immer tätig sind und spielend lernen. Sie ziehen begeistert heim, stolz auf ® neue in Freude erworbene Kenntnisie, froh ob ihrer fröhlichen Tätigkeit und sind begeisterte Sendboten ins jüdische Haus. Zur Technik d?s Malens und Schreibens ist noch besonders zu bemerken: Stets halte man sich genau an die im Bild vorkomwenden Farben. Der Daud (Onkel) in seinem dunklen Gewände veranlaßt eine dunkle Ausmalung des Wortes, ebenso wie btc Daudo in ihrem grünen Kleid grüne Farbe bringt. Die Schrift trägt nicht den Unterricht, sondern stützt ihn nur. Wir lehnen es auch ab, deutsche Wörter schreiben zu lassen, denn wir gewinnen aus der Anschauung eine solche Fülle hebräischer Wörter, daß es noch nicht einmal möglich ist, diese alle schreiben zu lassen,- wir also die deutschen Wörter entbehren können. Die Kinder . erarbeiten sich in leichter, froher Weise betrachtend, lernend, malend, schreibend und lesend das Alef-beth. Sie tun aber dabei noch viel mehr. Sie begründen einen unverlierbar verankerter: Begriff; zum Sachbegriff fügen wir das Klangbild, zudiesem das Wortbild: zum Wortbild den Farbwert, zuletzt das Schriftbild. — das gibt einen allseitig verankerten Wortschatz und das Wichtigste: er ist ohne Mühe in reiner, tiefer Arbeitsfreude gewonnen. Der Lehrer hat nur eine.Aufgabe: diese heilige Freude lebendig und wirksam zu erhalten. Im zweiten Bild machen die beiden Kinder mit ihren- Eltern einen Spaziergang.