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Jüdische Schulzeitung · 1931-09-15 · 9 (15.9.1931) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (15.9.1931)
Date
1931-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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■ Nrumrier 9 „Säkularisierung des Judentums" (Prof. Dr. G. Weil in der Bayerisch-israelitischen Eemeindczeitung Nr. 13/1930). Ernst Simon hat in seiner ausführlichen Besprechung der Eesamtausgabo dop öfssfköp Gag göpxggtz (Mdjfchs Nuntzschnu Vk. 00 vom 9. Mai 1930), „daß ein ganz allgemeines Zugesperrtsein gegenüber dem religiösen Phänomen Dubnow die Feder geführt hat", (ähnlich wie Joachim Prins aus der biblischen Geschichte Märchen- und Heldengeschichten machte). Ganz anders sind jene Partien bearbeitet, in welchen Dubuow auf eingehender Quellenkenntnis und auf tiefschürfenden Eigcnstudien sich zu stützen vermochte: der Geschichte der Juden in Polen und in Rußland. Hier steht der Meister souverän über seinem Stoff und weiß die so spröde Masse zu formen uno zu gestalten: hier treten die besonderen Tendenzen -es Verfassers auch nicht in dem Maße in den Vordergrund, weil sie harmonisch aus der Materie herauswachsen. Auf den ersten Blättern von Dubnows neuestem Werk, der Geschichte des Chassidismus, welches eine Ergänzung zu Band 7 und « der „Weltgeschichte" darstellt, merkt man auch sofort: Hier ist nicht abhängige Berichterstattung, sondern reife Kenntnis des umfangreichen Materials am Werke. - Ein besonderer Grundfehler Dubnows warschon in seiner ' - Weltgeschichte ein einseitiger Rationalismus, ein Versperrtsein des Blickes für die irrationalen Elemente des historischen Geschehens. Sein Urteil über die Kabbala ist vielfach — z. B. auch von Simon — heftig angegriffen worden. Diesen Grundfehler hat der Verfasser leider auch in seinem neuen Werk nicht vermieden. Daher sind die Partien, welche die geistigen Grundlagen des Chassidismus darstellen, recht unzureichend geraten. Hier hatte Eulkowitsch' „Der Chassidismus religionswisseuschaftlich untersucht" wirklich gute Vorarbeit geleistet, und das, was Dubnow an G.'s Buch auszusetzen hat, ist dessen Vorzug und Dubnows Mangel. Daher ist bei Dubnow besonders das einleitende Kapitel über die Kabbala recht dürftig ausgefallen. Wir hatten immerhin gehofft, daß dieser Mangel in der Geschichte des Chassidismus ausgeglichen würde, zumal außer Joel „Midrasch Hasohar, die Religionsphilosophie des Sohar und ihr Verhältnis zur jüdischen Theologie", welches nur eine Polemik gegen das Grundwerk von Frank ist, wirklich die Quellenangabe kaum zur genügenden Orientierung über diese Materie ausreicht. Für den Laien, der nicht in der Lage ist, wissenschaftliche Werke im hebräischen Original zu lesen, ist es zu bedauern, daß die Ausgabe 1921 von Neumarks Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, Bd. 1, in welcher das Kapitel „Kabbala" wesentlich erweitert ist, nicht in deutscher Uebersetzung erschienen ' ist. Dubnow hätte jedenfalls gerade dieses Buch intensiver heranzichen sollen. Wer nicht in entsprechenden Vorarbeiten geschult ist, erhält keinen genügenden Einblick in das Wesen und die Lehren der Kabbala, auf welcher sich doch die Theorien des Chassidismus aufbauen. Viel Aufschlußreiches hat darin z. D. auch Buber in den einleitenden Kapiteln zu den Legenden des , Balschem und a. a. O. gesagt. So sind auch Formulierungen, die ohne einleuchtende Begründung gegeben werden, wenig befriedigend. Der tatsächlich bestehende Unterschied zwischen dem Pantheismus Spinozas und dem Chassidismus bedurfte einer kritisch beleuchtenden Untersuchung. Bezüglich der Kabbala hat Eelbhaus in seiner „Methaphysik der Ethik Spinozas im Quellenlicht der Kabbala" eine immerhin dankenswerte Arbeit geleistet, die zu ganz anderen Resultaten kommt als z. B. Joel und Dubnow. ' Ganz in seinem Element ist Dubnow, wenn er den historischen Verlauf der Ereignisse darlegt, und es bleibt Dubnows unbestreitbares Verdienst, das recht schwierige Urkundenmaterial . gesichtet und unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten dargeboten zu haben. Hier ist teilweise historisches Neuland entdeckt, teil- Seite 5 : weise sogar ein literarischer Urwald gelichtet undgangbar gemacht worden. Die Aufgabe, die der Verfasser in der ersten Beilage seines Buches (S. 273) für den Historiker des ChasfitzihttiUs umreißt, ist von ihm, so weit sie die geschichtlichen Tatbestände betrifft, glänzend gelöst worden. Welche grandiose Tragödie rollt sich vor uns ab! Wie die Geister in ihrem Kampfe gegeneinander stehen, wie die Bannflüche des Wilnaer Eaon, der Cherem von Brody und Selwa die Gemeinden der Chassidim in ihrem Glauben nur noch stärker aneinander ketten, wie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Boykott, bis zu der Aufforderung, „ihnen kein Nachtasyl zu gewähren, keine Geschäfte mit ihnen zu machen, sich nicht mit ihnen zu verschwägern und auch ihre Toten nicht zu bestatten", sie nur um so treuer um ihre Führer, ihre Rabbis schart, das alles ist an der Hand der gesichteten, teilweise sehr seltenen Urkunden meisterlich geschildert. Eigenartig berührt es den Leser, daß der Streit der Geister, dieser Religionskrieg, sich in keinem Falle um religöfe Grundlagen dreht, sondern um Aeußerlichkeiten, um Formen, um Riten. Das Gebetbuch des Ari oder der gebräuchliche Siddur, das laute oder das leise Beten, das mehr oder weniger geschärfte Schächtmesser, das sind die Kampfobjekte. So wenig der Rabbinismus die Grundlagen der Kabbala anzutasten wagt, so wenig wollten die Chassidim das Gebäude des traditionellen Judentums erschüttern. Man erhält den Eindruck, daß es sich um Machtfragen handelt: der Rabbinismus verteidigt die Position eines intellektuellen Absolutismus, das Verhältnis des Chasiv zu seinem Rabbi ist Gefühlssache, ist irrational. In seltener Klarheit stehen sich weltbewegende Fronten gegenüber: Mystik und Verstandesreligion, Religion der Vernunft und des Herzens. Dubnow hat recht, wenn er das Schreiben des Schneur Salman, des Oberhauptes der Chassidim vom Jahre 178-1 an die Gouvernemeutskahale in Mohilew „hochbedeutsam und heute noch erschütternd" nennt. Der Chassidismus ist rasch zum Zaddikismus entartet. Der 2. Band des Dubnowschen Werkes trägt diesen Niedergang einer wirklich großen und reinen Idee vor. Die Kämpfe nehmen hierbei Formen an, die geradezu tragisch zu nennen sind, so wenn Schneur Salman den Leidensgang in die Petersburger Zitadelle antreten muß. In einer, wenn auch nicht sehr tiefgründigen Analyse des Buches „Tania" erhalten wir Einblick in die Theorie des Zaddikismus (nicht des ursprünglichen Chassidismus). Anderseits erlebt der Urchafsidismus eine neue und erhabene Auferstehung in dem Lebenswerk Martin Bubers. Buber ist nicht Historiker, sondern Religionsphilosoph: kein Wunder, daß Dubnow dank seiner geistigen Haltung ihn geradezu ablehnt. Die wir im Religiösen leben und unter seiner Perspektive wirken, halten uns an Bubers Wort: „Die chassidifche Lehre ist das Stärkste und Eigenste, was die Diaspora geschaffen hat", und „keine Erneuerung des Judentums wird möglich sein, die nicht ihre Elemente in sich trüge." Im Ringen unserer Zeit um Religion, Gott und Ewigkeit, im Ringen unserer Jugend, welche das Aufgehen der Frömmigkeit in Ethik, jenem Pfeiler im Systembau der rationalen Philo-, sophie, ablehnt, spielt das Zurückgehen auf den platonischen Strom des jüdischen Geisteslebens, verkörpert in der Mystik, Kabbala und Chassidismus, eine nicht zu unterschätzende Rolle. „Eheformen im alten Israel". Don Direktor Dr. Elias, Frankfurt a. M. Unter dem Titel: „Eheformen im alten Israel" hat Herr A. Bing in Nummer 5 einen Artikel hier veröffentlicht, der seinem Eedankengäng wie auch seiner Beweisführung nach Widerspruch hervorruft. - * 1. Herr Bing fängt damit an, daß er von'der weitgehenden Gewalt des Vaters spricht, Jüdische Schulzeitung.^ mmm

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