Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (15.9.1931)
- Date
- 1931-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 quellen auf die praktische Justiz Anwendung findet. Der zweite Satz, den die PsA. als Ergebnis aufstellt: „Daß Triebregungen, die man nur als sexuelle im engeren, wie im weiteren Sinn bezeichnen kann, eine ungemein große, bisher, nie genug gewürdigte Nolle in der Verursachung von Nervenleiden und Geisteskrankheiten spielen. Ja mehr noch, daß dieselben sexuellen Regungen mit nicht zu unterschätzenden Beiträgen an den höchsten kulturellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen des Menschengeistes beteiligt sind." Kein Erzieher, der es mit seinem Beruf ernst meint, darf an dieser tiefgehendsten Wissenschaft — die PfA. ist trotz aller Gegenbehauptungen eine Wissenschaft — vorübergehen. Seine negative oder positive Einstellung dazu muß nach einem eingehenden Studium, nach einer wirklichen Durchdringung der — sehr umfangreichen — Materie klar werden. Die Ausbildung zum psa. Praktiker, wie sie von „der internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse" gefordert wird, nimmt lange Zeit — ca. 2 bis Jahre — in Anspruch und ist mit großen Kosten belastet. Ein Haupteinwand, den man gegen das Lehrsystem der PsA. und auch gegen die Behandlung macht, spricht davon, daß sie bisher rein kapitalistisch „aufgezogen" sei. Diesem Vorwurf steht entgegen, daß die bisher geringe Ausbreitung der Lehre und ihrer Lehrstätten, die mangelnde- Unterstützung durch die Gesellschaft — die sie ja aus Selbstcrhaltungstendenzen bekämpfen muß — einen Honorarverzicht des Analytikers — oder eine kostenfreie Ausbildung nur sehr selten gestatten. Die Polyklinik der internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse in Berlin leistet trotzdem Bewundernswertes, indem sie minderbemittelten Patienten sorgfältige kostenfreie Analyse gewährt. Für den Lehrer kommt eine Ausbildung zum Analytiker nur in Ausnahmefällen in Frage, da die Finanzlage es den wenigsten gestattet. Aber die Durchdringung dieses Gebietes ist jedem möglich, der seine psychologischen Kenntnisse erneuern will und objektiv genug ist, ohne Vorurteil Neues zu sehen. Diese Zeilen wollen nichts anderes, als ein kurzer Hinweis sein. Es ist unmöglich, auch nur andeutungsweise etwas über das Eesamtgebiet der PsA. in diesen Ausführungen zu sagen. Aber wenn sie manchen Kollegen veranlassen, sich über das Thema näher zu orientieren, ist ihr Zweck vollauf erfüllt. — Die wesentlichsten Begriffe, die uns die Lehre Freuds und seiner Schüler brachte, haben tiefgehendste Bedeutung für unsere Schularbeit. Es braucht sich dabei nicht um seelisch kranke Kinder zu handeln — durchaus nicht um „Hilfsschultypen" — vielmehr sind es tagtäglich anzuwendende Erfahrungen, die uns bei völlig „normalen" Kindern .. Wege zeigen, Dunkelheiten in Anlage und „Charakter" erhellen. Aus den für den Erzieher wichtigen Erundtatsachen der PsA., den Begriffen der „Verdrängung", der „Fehlhandlung", des „Ocdipuskomplexes", den seelischen Vorgängen bei der „Sublimierung", der „Repression" und der „Uebertragung" sei die letztere speziell besprochen, weil sie die verpflichtendste Tatsache für den Erzieher darstcllt. Die „Uebertragung" ist die seelische Verschiebung von Eefühlsbeziehungen (Liebe, Haß oder Zuneigung, Abneigung), die früher andern Personen galten, auf „Ersatzpersonen": die „Uebertragung" bleibt unbewußt. Ich möchte diese Erkenntnis für die pädagogisch wichtigste halten, denn ihre Wirkungen sind vielfältiger als die meisten übrigen psa. Erkenntnisse gewesen. Kann man es verantworten, daß die verdrängten Wünsche und Strebungen der Kinder, denen ein entscheidender Einfluß im seelischen Leben zukommt, weiterhin in ihrer Bedeutung unterschätzt worden? Der Erzieher, der erkennt, wie sehr er der Gegenstand der „Identifizierung" und der „Uebertragung" ist, kann, erst die tiefe Verantwortung begreifen, die er in seiner Stellung hat. Es ist dringende Pflicht jedes Menschen, dem Kinder anvertraut sind, sich mit der Wissenschaft zu befassen, die Licht in das Dunkel der seelischen Zusammenhänge bringt. Nummer 9 ■ Es ist selbstverständlich, daß die psa. Wissenschaft wie jede Ideologie auch schwache Stellen hat. Die schwachen Punkte sind. :bie natürlichen Angriffsstellen für die Gegner einer Lehre. In der Praxis scheint die Analyse durch Laien (Nichtmediziner) sehr bedenklich. Es ist tn diesem Falle genau wie beim AusUben jeder Kunst. Die Technik allein ist lehrbar; die künstlerische Genialität, die gerade der Seelenarzt besitzen sollte, ist nicht zu übertragen. Es muß auch gesagt werden, daß es große Qualitätsunterschiede unter den Analytikern gibt. Aber hier wie in jeder Wissenschaft können schlechte Ausüber eine gute Sache nicht mißkreditieren —, sie können höchstens zeigen, daß nicht jedermann zum Analytiker geboren ist. Anna Freud hat das Werk ihres Vaters spezialisiert, sie hat sich der Analyse des Kindes zugewandt (Anna Freud: „Einführung in die Technik der Kinderanalyse"), ein Gebiet, das für jeden Erzieher das Nächstliegende sein dürste. Eltern und Erzieher müssen sich darüber klar sein, daß analytische Beobachtung und Beeinflussung bereits im frühen Säuglingsalter beginnt. Stefan Zweig, durchaus ein Verehrer Freuds, bringt als Haupteinwand gegen dessen Lehre (Stefan Zweig: „Die Heilung durch den Geist") die Tatsache vor, daß es ihr an der Synthese mangele... „Darum müßte, um sie wahrhaft schöpferisch zu ergänzen, zu ihrer Denkform, der zerteilenden und erhellenden, noch eine andere treten, eine verbindende und verschmelzende — die Psychosynthese zur Psychoanalyse: diese Vereinigung wird vielleicht die Wissenschaft von morgen sein." Simon Dubnow: Geschichte des Chassidismus.*' Von Alfred Gordon, Harburg-Wilhelmsburg. Als vor etlichen Jahren die „Weltgeschichte des jüdischen .Volkes" von Dubnow angekündigt wurde, war man in breiten Kreisen auch der Rabbiner und Lehrer, die von ihren Verbänden zur Subskription aufgefordert waren, der Ansicht, daß nun nach Jost und Grätz, die wissenschaftlich nicht mehr auf der Höhe sein - konnten, das Geschichtswerk erscheinen würde, das mit dem Rüstzeug moderner Forschungsmethoden ausgestattet, objektiv und tunlichst tendenzlos das dramatische Gedicht des jüdischen Eeschichtserlebens vortragen würde. Die „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" hat enttäuscht. Einmal ist sie durchaus auf nationalistischen, oft sogar erzwungenen und künstlich konstruierten Gedankengängen aufgebaut. Eine gewisse Stellungnahme des Verfassers braucht prinzipiell kein Fehler zu sein, denn es erscheint immerhin sehr fraglich, ob „Sinngebung des Sinnlosen", wie Theodor Lessing einmal Geschichtsschreibung formuliert, überhaupt möglich ist, ohne persönliche Einstellung des Verfassers zu seinem Stoff und zu den Problemen, die in demselben enthalten sind. Wahrscheinlich wäre tendenzlose Geschichte ein farbloses Aneinanderreihen von Protokollberichten. Ob jedoch historische Tatsachen ganz einseitig unter dem Ge- - sichtswinkel einer Voreingenommenheit gesehen werden dürfen, oder ob nicht wenigstens versuchsweise ein Wechsel der Perspektiven eingenommen werden muß, um der historischen Wahrheit näher zu kommen, anstatt sie zu vergewaltigen und sie in ein Schema zu pressen, darf zum mindesten gefragt werden. Was an der „Weltgeschichte" besonders auffällig war und teilweise mit Fug und Recht abfällig kritisiert worden ist, ist die Tatsache, daß Dubnow namentlich in der Urgeschichte des jüdischen Volkes die sogenannte Bibelkritik fast unbesehen sich zu eigen machte, daß ferner die deutsche Emanzipationsepoche in - keiner Weise auf Grund kritischer Sondierung geschildert wurde. Ein Kritiker nannte daher sehr klar Dubnows Werk eine *) Dubnow: Geschichte des Chassidismus. Berlin, Jüdischer Verlag. Jüdische Schulzeitung. o ' |-r