Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1931-09-15 · 9 (15.9.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (15.9.1931)
Date
1931-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2825247-2825248-2825257--0539-2826151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

f I Nu miuer 9 Jüdische Schulzeitung._• ___Seite 3 „Wer andere richtet, wird selbst gerichtet." (Kidduschin 70 b.) „Ziehe erst den Balken aus deinem eigenen Auge." (Baba Batra 15 l>.) . . .' „Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe im Himmel und dein Friede walte auf Erden. Gib uns unser täglich V^ot. Ver-. gib uns unsere Sünden, führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns vom Uebel." (Joma 8, 9; Spr. 30, 8; Sanh. 28 b; Berachot 17a; 29 b; 60 b.) Diese Vlumenlese — entschuldigen Sie, wenn ich Sie kurze Zeit in dieser Illusion erhalten habe — stammt nicht aus der Bergpredigt, mit der sie faßt wörtlich übereinstimmt, sondern aus Bibel und Talmud. Und wenn Sie nun fragen, was hat Jesus gebracht und geschaffen, daß eine Weltreligion mit Stolz den Namen nach ihm führt, so möchte ich mit F. Kahn („Die Juden als Rasse und Kulturvolk", S. 10t) darauf antworten: „Christus ist der Protestant gegen den zeitgenössischen Formalismus in der Religion und den Kapitalismus in der Wirtschaftsordnung; Protestant gegen eine satte Bourgeoisie, die vom Krämertum Roms und vom Aesthetentum des Hellenismus angefressen ist; gegen eine Theokratie, die in den Vorhöfen des v-;' Heiligtums Maklcrtische aufstellt und, statt Gutes zu tun, ihre Zeit mit talmudistischen Haarspaltereien hinbringt. Hierin ist er der unmittelbare Nachfolger der großen Propheten. Nicht gegen die Juden oder gegen das mosaische Gesetz, sondern gegen das Antijüdische im zeitgenössischen Judentum predigt er." Und'dann ^noch eins: Die'Zeit, so sagt Leo Baeck (Harnacks' Vorlesungen über das Wesen des Christentums, S. 23), war damals erfüllt, „und die erfüllte Zeit brauchte die gottgesandte Persönlichkeit. Für das Heidentum war der Tag gekommen, da es Israels Lehre in sich aufzunehmen beginnen konnte,-und Gott hat die Seinen dazu erstehen lasten. Gegen den Stifter des Christentums hegt das Judentum schon deshalb nur Liebe und Ehrerbietung. Man fabelt oft von dem Haste des Judentums gegen das Christentum; einen solchen hat es nie gegeben; eine Mutter haßt nie ihr Kind, aber das Kind hat seine Mutter oft vergessen und verleugnet. Das Christentum hat sehr oft bitterlich wenig von dem Geiste seines Stifters gezeigt. Es liegt ein tiefer Sinn in der Parabel des Neuen Testaments: „Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem einen und sprach: Mein ' Sohn, gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg. Er antjT\, ‘ wortete: Herr, ja, und ging nicht hin. . . ." Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wenn ich Ihre Zeit vielleicht zu lange in Anspruch genommen habe, so geschah es deshalb, weil ich es bei der in'jüdischen Kreisen, insbesondere bei der jüdischen Jugend, so häufig beobachteten Vorliebe gerade für das Fremde und Fremdartige, bei ihrer Hinneigung zur Romantik und zum Mystizismus des Christentums für unerläßlich und für ein Gebot unserer Zeit halte, daß der jüdische Religionslehrer ausgerüstet ist mit dem Wissen um das Jesusproblem und aus der Fülle der Erkenntnis die rechte Stellung zu Jesus gewinne und sie seinen Schülern vermittle. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie Constantin Brunner, der jüdische Philosoph von Potsdam, der in seinem Werk „Unser Christus" den etwas überlauten Appell an die Christen richtet: „Gebt uns unseren Jesus zurück!" Man darf nicht so weit gehen, wie der bekannte amerikanische Rabbiner Stephen Wise, der auf der Kanzel Jesus als einem Propheten Israels gehuldigt, womit er selbst in dem freien Amerika eine Welle der Empörung and Entrüstung in jüdischen Kreisen Hochgetrieben hat. Man . muß sich nicht Martin Buber anschließen, der Jesus nennt „den zentralen Juden, in dem sich der jüdische Verwirklichungswille sammelte und durch den er sich brach" (Der heilige Weg). . . / Aber man soll, wenn man. es auch in Uebereinstimmung mit den Juden der letzten 2000 Jahre ablehnt, in Jesus den Messias, den Gesalbten, den Christus zu erblicken, doch klar, deutlich und unbefangen aussprechen, was ist: daß Jesus einer der edelsten . und erhabensten Verkünder jüdischer Weltanschauung, jüdischer. Eotteserkenntnis und jüdischer Sittenlehre ist. Dann wird „das Jesusproblem im jüdischen Religionsunterricht" einen harmonischen Dreiklang im Herzen unserer Jugend wecken: Begeisterung für das Judentum, Liebe zum Judentum und Stolz auf das Judentum.") Psychoanalyse und Schule. Von Anselm und Lotte Ving. Erklärung der benutzten psa. Fachausdrücke: 1. Verdrängung: Affekte, Vorstellungen. Wünsche, auch Erinnerungen an Erlebnisse werden ins Unbewußte verdrängt, wenn sie dem Bewußtsein der Persönlichkeit (ihrem Jchideal) unerträglich sind. 2. Fehlhandlung: Davon ausgehend, daß im Seelenleben nichts zufällig ist, betrachtet die Psychoanalyse kleine scheinbar nebensächliche Aeußerungen und Handlungen, wie Vergessen, Versprechen,... als ungewollte Darstellung leelischer Zuitände, (Vergl. hierzu „Vorlesungen zur Einführung in die Piychoanalyse von S. Freud, Seite 19—70 oder genauer „Psychophatologie" des Alltagslebens" von S. Freud.) 3. Oedipuskomplex: Gefühlsbindnng, die meist stark sexuell gefärbt ist, an den gegengeschlechtlichen Elternteil, die eine oft an Haß grenzende Ablehnung des andern Elternteils zur Folge hat. (Vgl. hierzu Dr. Georg Eroddek: „Unbewußtes m Mutterliebe und Mutterhaß" oder Freuds gesammelte Schriften zu diesem Thema.) 4. Sublimierung: Unerfüllbare Triebforderungen und asoziale Triebäußerungen werden in sozial angepaßte Tätigkeiten umgelenkt. 5. Repression: Zurückweichen auf eine frühere seelische Entwicklungsstufe. 0. Uebertragung: Gefühlsbeziehungen zu einer Person werden aus eine Ersatzperson „übertragen" (Vater—Lehrer!). 7. Identifizierung: Sich im ganzen oder in einzelnen Zügen wie ein anderer Mensch verhalten, ihn gleichsam ganz oder teilweise in sich aufnehmen. (Vorstehende Begriffsdefinitionen entstammen einer Arbeit Nelli Wolffheims „Psychoanalyse und Kindergarten" aus der für Erzieher hochinteressanten ..Zeitschrift für psa. Pädagogik" im Verlag der Zeitschrift für psa. Pädagogik, Wien l, in der Börse.) Abkürzungen: psa. — psychoanalytisch. PsA. — Psychoanalyse. Mit harten Urteilen oder kindlichem Enthusiasmus ist es nicht getan. Vom „Hörensagen" weiß man nichts über dieses für jeden Erzieher grundwichtige Thema. Psychoanalyse ist ein Spezialstudium für sich. Es ist bei dem langsamen Weg. den - geistige Erkenntnisse zu nehmen gezwungen sind, verständlich, daß auf den pädagogischen Akademien so gut wie nichts von der Lehre Freuds und seiner Schüler (in pädagogischer Hinsicht speziell Siegfried Bernfeld-Berlin) gelehrt wird. Verständlich — aber unverzeihlich! Eine Lehrerbildung, die sich nicht mit PsA. beschäftigt, muß unvollkommen sein, Umwege gehen und die Augen vor Lebenstatfachen verschließen. In der ersten „Vorlesung zur Einführung in die PsA." warnt Freud seine Hörer, sich der PsA. zuzuwenden und sagt ihnen, daß sie von der Gesellschaft feindlich, mißtrauisch abgelehnt würden. Zwei Grundtatsachcn, die die Gesellschaft allen Grund hat abzuleugnen, sind es, mit denen sich der psa. geschulte Arzt und Erzieher außerhalb der „herkömmlichen Denkweise" stellen. Die Definition des Seelischen lautet in der psa. Grundlegung, daß „es Vorgänge von der Art des Fühlens, Wollens, Denkens feien und daß es unbewußtes Denken und ungewußtes Wollen gibt". Welche Erschütterung der gesamten Rechtslehre! Ungeahnte Perspektiven lassen sich sehen, wenn dieser Satz in seinen Konse- ') Siehe hierzu noch „Jüdisch-liberale Zeitung", 10. Jahrg., Nr. 23. 24,25: I. Norden. Jesus von Nazareth in der Beurteilung der Juden einst und jetzt. mm*}**

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.