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Jüdische Schulzeitung · 1931-09-15 · 9 (15.9.1931) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
9 (15.9.1931)
Date
1931-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 als Messias und wegen seiner messianischen Ansprüche zum Tode verurteilt wurde." Soweit Bousset. Seiner letzten Behauptung steht die unleugbare Tatsache gegenüber, dag der Messiasanspruch nach jüdischer Auffassung niemals ein Verbrechen gewesen ist. Als Messias haben sich auch andere Männer in der jüdischen Geschichte de? zeichnet, z. B. Bar Kochba und Sabbatai Zwi, ohne daß ihnen deswegen der Prozeß gemacht worden wäre. Im Gegenteil! Var Kochba ist sogar von einem der berühmtesten und maßgebendsten Vertreter des Judentums, von R. Akiba, als Messias begrüßt worden. Dem Verfahren vor dem jüdischen Gerichtshof fehlte die eigentliche Unterlage, und darum ist die Folgerung berechtigt, die Prof. Volkmar in seinem Buche „Die Evangelien" zieht, daß die Verhandlung vor dem Synhedrium überhaupt nicht stattgcfunden hat. Das ganze Prozeßverfahren vor dem jüdischen Gerichtshof beruht auf Legendenbildung. (S. 588.) In den Augen der römischen Behörde aber war Jesu Messiasanspruch ein Verbrechen. Der Messias der Juden konnte nur ihr König sein oder werden wollen. Darum fiel er der r ö m i s ch e n Gewalt zum Opfer. Nach den Angaben der Evangelien hat Jesus 0 Tage vor seinem Ende den Mut, sich beim Einzuge in Jerusalem von einer „Menge Volkes" als „König von Israel" huldigen zu lassen. War das für den römischen 'Prokurator nicht Grund genug zum Einschreiten, da schon vorher messianische Schwärmer Unruhe verursacht und das Volk zur Empörung gegen die Römer gereizt hatten? So Judas der Galiläer und Theudas, die, wie wir aus Josephus wissen (Antl. 18, 1, -1; 20, 5, 1, 2), ebenso von der römischen Behörde hingcrichtet wurden. Pontius Pilatus.derProkurator Roms, ließ Jesus als Aufwiegler und Unruheft i f t e r kreuzigen. Das war eine Todesart, die durchaus römisch und im Judentum unbekannt war. Römische Kriegsknechte setzen ihm in der Absicht, in ihm das jüdische Volk zu verhöhnen, als Spott auf feine messianische Königswürde die Dornenkrone aufs Haupt, bekleiden ihn mit einem Purpnrmantel, speien ihn an und schlagen ihn auf de Haupt. Nach r ö m i sch e n Strafgesetzen wurde er noch vor dem Tode von römischen Bütteln oder Liktoren mit Ruten oder Stricken gegeißelt, was nach jüdischem Gesetz ganz ausgeschlossen Den Juden war Jesus genau bekannt, nichtden Römern. Daher brauchten die Römer jemanden, der ihnen Jesus verriet. Die Juden fühlten mit Jesus als ihrem Glaubensgenossen und reichten ihm, um feine Leiden zu verringern, auf seinem letzten Leidenswege „Wein mit Myrrhen". •Km die Juden zu verhöhnen, ließ Pontius Pilatus am Kreuz eine Tafel anbringen mit der Aufschrift: JNRJ — Jesus Naza- . remis Hex Judaeormn — Jesus aus Nazareth, König der Juden. Das war nach römischer Auffassung gleichbedeutend mit Messias und damit war klar gesagt, daß Pilatus Jesus für einen politischen Verbrecher halte. Die Bitte der Juden, diese Aufschrift zu entfernen oder zu ändern, lehnte er mit den Worten ab: .scripsi — scripsi, „was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben". (Ev. Joh. 10, 22.) Die Juden mußten nämlich nach ihren früheren bitteren Erfahrungen befürchten, daß Pilatus die Sache Christi zu einer politischen Verfolgung gegen viele von ihnen benutzen würde. Daß Jesus gezwungen wurde, selbst sein Kreuz zur Richtstätte zu tragen, entsprach dem römischen Gebrauch nicht minder, wie seine Hinrichtung, die durch römische Soldaten vollzogen wurde. Die Kreuzigung und wahrscheinlich auch die Beisetzung der Leiche erfolgte außerhalb der Stadt auf einem für Verurteilte bestimmten Begräbnisplatz, der den Namen Golgatha, Schädelstätte, führt. „Das war", so sagt Ersetz, der jüdische Historiker, im III. Band seiner Geschichte (III 1 S. 308), „das Ende des.Mannes, der Nummer 9 an der sittlichen Besserung der Verwahrlosten seines Volkes gearbeitet und vielleicht das Opfer eines Mißverständnisses geworden war. Sein Tod wurde die, wenn auch unschuldige Veranlassung von unzähligen Leiden und mannigfachen Todesartcn der Söhne seines Volkes. Millionen gebrochener Herzen und Augen haben seinen Tod noch nicht abgebüßt. Gr ist der einzige Weibgeborene, von dem man ohne Uebertreibung sagen kann: er hat mit seinem Tode mehr gewirkt als mit seinem Leben." „Was hat Jesus Neues gebracht?" Das ist die 4. und letzte Frage, und sie läßt sich kurz und von christlicher Seite heute kaum mehr ernstlich bestritten, beantworten: nichts. Im zweiten Teil meiner Ausführungen habe ich schon manches darüber gesagt. Ich will nur noch kurz einiges hinzufllgen. Kurt Vreysig schreibt in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit" (Bd. II, S. 678): „Alles, aber auch alles, was den Christenglauben heraushebt über die anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs, so vor allem anderen die unerhörte Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen einen Gottes." Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. Weiß-Berlin schrieb im Märzheft 1917 der „Deutsche Revue" in einem Artikel „Jesus und Paulus": „Weit verbreitet ist die Vorstellung, daß Jesus auf Grund ' seines eigenartigen religiösen Bewußtseins Gott als liebenden Vater erkennen gelehrt hat, im Gegensatz zu dem zorneifrigen ©ott, den die Religion Israels verehrte. Aber diese Ansicht beruht auf einer durchaus einseitigen Auffassung dos Alten Testaments. welches die Grundlage für die Religion Israels bildete. Dieses hat die Liebe und Gnade seines Gottes in fo weihevollen Tönen gepriesen, daß wir noch heute für sie in unfern Liturgien und Liedern keinen reicheren Ausdruck zu finden wissen, als die Worte der Psalmen und Propheten. Andere halten für den Mittelpunkt der Lehre Jesu eine neue sittliche. Forderung, Aber Jesus hat seine Grundforderung der Gottes- und Nächstenliebe in. alttestamentliche Worte gekleidet; und wenn man als das spezifisch Neue in der von ihm geforderten Sittlichkeit die Feindesliebe nennt, so vergißt man, in wie rührenden Beispielen das Alte Testament diese vorgeführt und in wie goldenen Sprüchen es sie eingeschärft hat. Nach der unbestreitbar echten Ueberlieferung ist Jesus nicht mit einer neuen sittlichen Forderung ausgetreten." Jesus von Nazareth war Jude und ist als Jude gestorben. Er lebte und webte in der Bibel, trug ihre religiösen und ethischen Gedanken den in der Kenntnis derselben rückständigen Galiläern vor. die sie wie eine neue Offenbarung aufnahmen. Seine .Reden haben durch die schönen volkstümlichen Gleichnisse sowie Q durch den Enthusiasmus seiner Ueberzeugung und die anziehende Sanftmut seiner Persönlichkeit die Zuhörer hingerissen und bezaubert. Das vielbewunderte Meisterwerk seiner zündenden Beredsamkeit ist die Bergpredigt, die in ihrer gegenwärtigen Gestalt nach der modernen Kritik eine spätere freie Komposition des Verfassers des Evangeliums Matthäi ist. Nur eine kleine Blumcnlese daraus: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen." (Pf.'34. 11.) „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit bei Gott finden." (Sabbath 151 b.) „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden den Berg des Herrn besteigen." (Ps. 24, 4.) „Ihr seid das Licht der Völker." (Jef. 42. 6.) „Das göttliche Gebot lautet: Du sollst nicht töten. In Wahrheit wird es demjenigen, der seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, angerechnet, als hätte er dessen Blut vergossen." (Baba Mezia 59 b.) „Wenn sich deine Hand zur Sünde regt, haue sie ab." (Nidda -13 b.) „Ihr sollt nicht leichtfertig schwören; euer Ja und Nein sei rechtlich." (Baba Mezia 49 b.) Jüdische Schulzeitung. ja ttiiyy

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