Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (15.9.1931)
- Date
- 1931-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 9 7. Jahrgang Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Heransgetteben von» „NkichSvert»and ber jndisktrüii Lehveirveveine" Monalsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Die ,,Iüd. Schulzeitung" erscheint um den 15. eines jedepMonals und wird allen Mitgliedern der dem „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nicht- Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. September 1931 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Letz mann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Tel.: Sammelnummer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt. Magdeburg, für den Inseraten teil: L.K n u d s e n, Hambllrg. Anzeigenpreis 40 $ für die Kgefpaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Das Jcfusproblcm im jüdischen Religionsunterricht von Prof. Dr. Golinski, Beuthen, O.-S., Schlug. Psychoanalyse und Schule von Anselm und Lotte Bing. Simon Dubnow: Geschichte des Chassidismus von Alfred Eordon, Harburg. „Eheformen im alten Israel" von Dir. Fr. Elias. Frankfurt a. M. Literarisches. Bei der Schriftleitttug eingegaugene Bücher. Notizen. Das Jesusproblem im jüdischen Religionsunterricht.^ Vortrag, gehalten auf der '48. Jahresversammlung dos Vereins jüdischer Lehrer in Schlesien in Breslau am 7. Dezember 1930 von Eemcinderabbiner Prof. Dr. Eolinfki, Beuthen O.-S. (Schlus;.) Er sagt (Bd. I 2, S. 60 f.): „Eine solche Ungerechtigkeit, wie die der Heidenkirche, gegenüber dem Judentum, ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und während sie selbst nichts anderes ist als transformiertes.Judentum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: die Tochter verstötzt die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert." Und an einer anderen Stelle weist er auf ein sicheres Ergebnis hin mit den Worten: „Pilatus wurde immer mehr entlastet" (S. 58, Anm. 4). Den ersten Christengemeinden kam es gar nicht in den Sinn, die Juden und nicht die Römer für die Kreuzigung Christi verantwortlich zu machen. Erst das Christentum von der Mitte des 2. Jahrhunderts ab brachte diese Legende auf, die ein Hauptmotiv aller haßerfüllten, schändlichen Judenverfolgungen wurde. Aber — und damit komme ich zur entscheidenden Beantwortung der so schwerwiegenden Frage — die Voraussetzungen sind falsch, die Annahme, um derentwillen die Juden Jesus den Prozeß gemacht haben sollen, weil er sich nämlich als Gottessohn bezeich- ‘ nete, ist hinfällig. Ich werde dafür nur maßgebende christliche Forscher zitieren. Pros. Wernle stellt es in seinem Buche „Die Quelle des Lebens Jesu" (S. 83) als unklar und fraglich hin, wie sich Jesus zu jener Auffassung, er sei „der Menschensohn, der Christus, der Gottessohn", verhielt, und erklärt: „Es wäre wohl übertrieben, ihm den Glauben an seinen messianischen Beruf abzusprechen, aber wie und seit wann er sich für den Messias hielt, was er genau sich darunter vorstellte, ob er sich Gottes Sohn nannte und in welchem Sinne, ob der Titel „Menschensohn" auf ihn selbst zurückgeht, ob er seine Wiederkunft bestimmt verheißen hat, das sind Fragen, auf: die'wir bloß zum Teil und bloß annähernd antworten können, eben weil zunächst der Glaube der Urgemeinde allein uns gegeben ist und wir die wirklich getanen Aeußerungen nicht kennen." . .^Berichtigung. In der fünftletzten Reihe dieses Aufsatzes in der vorigen Nummer muß es „Feindseligkeit" statt „Friedfertigkeit" heißen. ' . Jesus, der ganz und gar in jüdischen Anschauungen erzogen war. konnte sich wohl als „Messias", als einen berufenen Erlöser.' doch niemals als „Gottessohn" in dem Sinne bezeichnen, wie das Wort in den Evangelien aufgefaßt ist; denn das war für ihn, der in Wirklichkeit alles Heidnische von sich wies und selbst die Berührung mit Heiden mied, nach seiner jüdischen Erziehung ein unfaßbarer und unvollziehbarcr Gedanke. Dieses Wort, welches das Grundprinzip des Judentums von der Einzigkeit und Geistigkeit Gottes geradezu aufhob, ist sicher nicht über seine Lippen gekommen, und damit fällt die Voraussetzung, die dem jüdischen Gerichtsverfahren und Jesu Verurteilung durch eine jüdische Behörde zugrunde liegen, sollte. Es gab eine Verurteilung nur bei Gotteslästerung, niemals aber wegen abweichender Glaubensmcinung. So wird in der Apostelgeschichte selbst erzählt, daß Petrus und Johannes, wegen ihrer Reden an das Volk vor das Synhedrium gestellt, entlassen wurden auf die Einrede des Pharisäers Eamaliel: „Und für diesmal sage ich euch, lasset ab von diesen Leuten und gebt sie-frei (denn wenn der Plan oder das Werk von Menschen ist, so wird es zunichte werden; ist es aber aus Gott, so vermöget ihr nicht sie zu vernichten), um nicht gar als Gotteswidersacher erfunden zu werden. Sie folgten ihm aber, ließen die Apostel rufen —-und entließen sie." (5,38—40.) Ist es denkbar, daß dieses Synhedrium, das einer so edlen Aussasiung beipflichtet, wenige Wochen zuvor dem Feinde einen Jesus zur Bestrafung mit dem Tode ausliefert, Linen Jesus, der da lehrt: eher werden Himmel und Erde vergehen als ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz, einen Jesus, der dem Pharisäer aus die Frage nach dem wichtigsten Gebot der Glaubenslehre mit dem Satz antwortet: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einiges, ewiges Wesen. Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen"? ' Harnack faßt das Urteil über Jesu „Eottessohnfchaft" dahin zusammen: „Der Satz ,Jch bin der Sohn Gottes' ist von Jesus selbst nicht in sein Evangelium eingerückt worden." (Wesen des Christentums, S. 92.) Wilh. Bousset meint in seiner volkstümlichen Schrift „Jesus" (S. 9): „Wir wüßten gern, wo wir die treibenden Kräfte bei der Katastrophe zu suchen haben.Unsere Evangelien sind offenbar bemüht, alle Schuld auf die Juden zu wälzen und den Römer, als halb auf seiten Jesu befindlich, dem demagogischen Treiben .der Gegner Jesu nur wider Willen folgend, darzustellen. Man hat mit Recht die Frage erhoben, ob das Auftreten des Pontius Pilatus im Prozeß Jesu, wie es in unseren Evangelien geschildert wird, wirklich der Art und Weise dieses höchst schroffen und harten Regenten, des Blutmenschen, dem es auf ein paar Opfer mehr oder weniger gar nicht ankam, entspricht, und ob nicht vielleicht die Römer eine viel aktivere Rolle im Prozeß Jesu s gespielt haben. Aber ob nun die Heiden oder die Juden die Hauptgegner Jesu waren oder beide miteinander, so steht doch fest, daß Jesus \ 4 % v-l* ’i > -5