Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jüdische Schulzeitung. Seite 5 widert: „Du sagst es"') und hinzugefügt: „Man werde bald den Menschensohn zur Rechten des Eottesthrones sitzen sehen, auf den Wolken dos Himmels einhersahrend." ' ° Aus dieser Aeußerung — ist sie wirklich gefallen — konnten die Richter entnehmen, daß er sich selbst als Gottes Sohn betrachtete. Der Hohepriester zerriß darauf seine Kleider ob der vernommenen Gotteslästerung, und der Gerichtshof verurteilte ihn als Gotteslästerer. Die Bestätigung des Todesurteils oder vielmehr die Erlaubnis zur Hinrichtung holte das Synhedrion von dem Landpfleger Pontius Pilatus ein, der gerade zur Festzeit in Jerusalem anwesend war. Pilatus, vor den Jesus geführt wurde, fragte ihn nach der politischen Seite seines Auftretens, ob er als Messias sich als König der'Juden ausgebe, und da Jesus darauf zweideutig erwiderte: „Du sagst es", verhängte auch der Landpfleger das Todesurteil über ihn. Rur das war seines Amtes. Sagenhaft ist aber der Zug, daß er Jesus unschuldig befunden und habe retten wollen, aber die Judäer hätten auf feinem Tod bestanden. Die Stelle, um die es sich hier vorzugsweise handelt, findet sich im Matthäus-Evangelium (27, 22—26) und lautet: „Sagt Pilatus zu ihnen: was soll ich denn mit Jesus, dem sogenannten Christus, tun? Sagen sie alle: ans Kreuz mit ihm. Er aber sagte: was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien immer mehr: ans Kreuz mit ihm. Da aber Pilatus sah, daß er nichts ausrichte, sondern der Lärm nur größer werde, nahm er Wasier und wusch sich die Hände vor der Menge und sagte: ich bin unschuldig an diesem Blut, sehet ihr zu. Und das ganze Volk antwortete: sein Blut komme über uns und unsere Kinder. Hierauf gab er ihnen den Varrabas los, den Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung." Jeder Denkende erkennt sofort, daß eine solche Selbstverfluchung eines ganzen Volkes logisch und psychologisch unmöglich, ist. und dieser Abschnitt allein schon einen großen Teil der Evangelien als unecht, später eingeschoben erweist. Die zitierte Stelle kommt nur im Matthäus-Evangelium vor.. Das ist um so bedeutungsvoller, als gerade dieses Evangelium, das später eine antijüdische Ueberarbeitung gefunden hat, ursprünglich besonders den Zusammenhang mit der jüdischen Tradition, die Abstammung Christi vom Davidischen Stamm, betont. In der Tat scheint die Stelle ursprünglich den genau entgegengesetzten Sinn zu haben: „Sein Blut komme über uns, wenn wir am Tode dieses Mannes schuldig sind". Sie war ursprünglich ein Protest. Daß die späteren Berichte die Last der Verantwortung den Juden zuschieben wollten und die Römer zu entlasten suchten, wird erklärlich durch den Umstand, daß die Sendboten des aufstrebenden Christentums in der römisch-griechischen Heidenwelt Anhänger zu werben suchten, und die Abfassung der Evangelien zu einer Zeit erfolgte, wo die Heidenkirche bereits zur unbestrittenen Herrschaft gelangt war und mit aller Friedfertigkeit sich gegen die jüdische Muttergemeinde wandte. Das bestätigt der hervorragende Gelehrte Adolf Harnack in seinem epochemachenden Werk: „Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten". (Schluß folgt.) . „Person und Masse". Von A. Gordon, Harburg a. E. Zum unentbehrlichen Rüstzeug jedes Pädagogen gehört eine eingehende und tiefgründige Kenntnis der Psychologie. Ohne diese ist sein Wissen erzieherisch und unterrichtlich nicht fruchtbar zu machen. Dadurch unterscheidet sich heutzutage der Pädagoge vom Spezialwissenschastler. Ein Gebiet, das noch wenig angebaut, wenig erforscht und trotzdem für den Lehrer, besonders aber für den jüdischen Beamten, dessen Wirkungskreise ja wesentlich über die Schulstube hinausragen, von sehr großer Bedeutung werden kann, wird in ') Das kann heißen: „Du sagst es" oder „Du sagst es". unserer pädagogischen Ausbildung kaum berührt, liegt daher dem Erzieher ganz fern und findet kaum Beachtung: die Massenpsychatogts. Unter verschiedenen Aspekten müßte gerade der jüdische Lehrer dieser noch jungen Wissenschaft sein Interesse zuwenden. Unendlich viele Erscheinungen des schulischen Lebens finden ihre Erklärung nur dann, wenn man eine Schulklasse oder eine Schule als Kollektivum erfaßt. Innerhalb der Jugendbewegung spielen die Fragen: „Gruppe", „Führer und Masse" eine geradezu ausschlaggebende Rolle. Unser modernes Leben wird vollkommen beherrscht von der Fähigkeit Einzelner, die Masse zu führen und ihr zu dienen. Die Gruppenerscheinung des Antisemitismus z. B. ist in ihren letzten Wurzeln nur zu verstehen, wenn man massenpsychologische Maßstäbe an sie anlegt. Mit diesen allein ist er auch nur zu bekämpfen. Ein wesentlicher Grund dafür, daß unsere Gegenwehr zum großen Teil wirkungsvoll verpufft, liegt darin, daß einer irrationalen, massenpsychologischen Angelegenheit mit rein rationalen, individualpsychologischen Argumenten begegnet wird. Eine außerordentliche Auflockerung und Vertiefung des jüdischen Geschichtsunterrichts wäre zu erzielen, wenn die massenpsychologischen Gesichtspunkte bei gegebener Gelegenheit die seelischen Hintergründe des historischen Geschehens aufdecken würden. Jeder jüdische Lehrer und Beamte muß heute Kanzelredner sein. Wer wirklich gute Prediger gehört hat, der weiß, daß diese ihren Vortrag nicht nur nach der logisch-rationalen, sondern sehr wesentlich auch nach der gefühlsmäßig-irrationalen Seite hin orientieren, welche die Masse der Hörer mitzureißen vermag. So sind es verschiedene Gründe, die gerade uns Lehrer veranlassen sollten, der Wissenschaft der Massenpsychologie unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Bisher fehlte es an einem gut orientierenden, mit nicht allzu schwerem Ballast von Wissenschaftstermini beladenen Werk über diese Materie. Das Buch von Le Von ist veraltet und hatte die Ergebnisse neuerer psychologischer Forschung in keiner Weise in den Bereich seiner Untersuchung gerückt. Eine Lücke füllt daher das Buch von Georg Stiller: „Person und Masse"* aus, dessen eingehendes Studium jedem Lehrer, besonders aber den jüdischen Beamten, empfohlen werden kann. Stillers Buch ist Husserl zum 50. Geburtstag gewidmet. Seine Methode ist phänomenologistisch. Das Studium des Werkes kann daher auch als Einführung in diesen modernen Zweig philosophischer Darstellungs- und Denkweise gewertet werden. Besonders instruktiv ist in dieser Hinsicht das Kapitel „Methodisches". Stiller geht in seinen Untersuchungen wesentlich über Le Von, den Vater der Massenpsychologie, hinaus. Letzterer betrachtet die „Masse" in ihrer Zuständigkeit: Stiller will gerade das psychische Werden des Kollektivmenschen darstellen: er begnügt sich nicht mit den Le Bonschen Formulierungen der psychischen „Ansteckung", des Versinkens aus der Sphäre des Bewußten in die des Unbewußten, Unterbewußten. Triebhaften, sondern untersucht diese Erscheinungsformen in höchst interessanten Kapiteln über „Menschenmenge" und über das Verhalten des Individuums zu derselben, über-Menschenmenge als Macht, Niedergang der Persönlichkeitswerte in ihr. Führer und Masse. Inferiorität der Masse usw. Besondere Ausführungen widmet der Verfasser der Gruppe und ihrem Seelenleben, außerordentlich aktuell für den Erzieher, besonders den religiösen Erzieher, der so oft in der Schule, in den Jugendvereinen, in seinet Gemeinde dieser Gruppenbildnng ratlos gegenübersteht. weil er die in ihr wirksame psychische Gesetzmäßigkeit nicht kennt. Von dem Führer der nationalsozialistischen Bewegung wird . * Georg Stiller: Person und Masse, Verlag Felix Meiner. Leipzig 1929. Broschiert 11,— 3M.