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Jüdische Schulzeitung · 1931-08-14 · 8 (14.8.1931) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
8 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Nummer 8 Juden waren es, die das große römische Reich durchzogen, ohne Furcht vor Folter, Kreuzigung und Steinigung, die christliche Heilslehre zu verkünden. Die 12 armen Juden werden als Apostelsürsten von der Christenheit verehrt. So war auch Jesus unbestritten und unbestreitbar ein. Jude. (Stehe I. S. Bloch, Israel und die Völker, S. 501.) Jesus (Jeschu, abgekürzt aus Jeschua) aus Nazareth, einem Städtchen in Niedergaliläa, ist als der erstgeborene Sohn eines sonst unbekannten Zimmermeisters.Joseph und seiner Frau Maria oder Mirjam geboren. Ob sein Vater oder seine Mutter vom Geschlecht Davids stammte, ist geschichtlich durchaus unerwiesen. Aus seiner Jugend ist keine einzige Spur bekannt. Zu seiner Zeit beherrschte ein Fieber messianischer Vorstellungen die Menge. In jenen Tagen erstand der Vorläufer Jesu, Johannes der Täufer, der wie viele zeitliche Bußprediger und Schwärmer, aber mit größerer Wucht und Stärke als andere, das nahe Weltende prophezeite und in flammenden Reden zur. Buße und Einkehr aufricf. Ihm schließt sich Jesus an. Ein Kind des Volkes und seiner Zeit, stand er völlig im Bann und unter dem Eindruck der religiösen und politischen Verwahrlosung, die sich in seiner, von allerlei heidnischem Wesen beeinflußten Heimatprovinz Galiläa besonders bemerkbar machte. Von seiner Vaterstadt hieß es ja sprichwörtlich: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!" Hier konnte das barmherzige Evangelium der Armen und Niederen wirksam einsetzen, mit dem sich Jesus an die Aermsten der Armen wandte, an Sünder, Zöllner und Schuldbeladene, an Bedrückte, Gemiedene und Niedriggestellte, die zur Hefe des Volkes gehörten und die er mit der Lehre seiner unterschiedslosen Liebe zu sich erhob. Tiefsittlichen Ernst und Lebensheiligkeit muß Jesus besessen haben. Seine Sanftmut und Demut erinnern an Hillel, den er sich überhaupt zum Muster genommen zu haben scheint.! Wie Hillel betrachtete auch er die Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit als die höchste Tugend. Er mag in den leidenden Tugen--' den das Ideal erreicht haben, das vom Judentum aufgestellt wird:' „Zähle dich zu den Unterdrückten und nicht zu den Unterdrückern,! höre Schmähungen an und erwidere sie nicht, tue alles aus Liebe zu Gott und freue dich der Leiden." (Vgl. Sabbath 88b, Joma 23a, Gittin 36 b). Seine ganze Eemütsrichtung, die Gewalttätigkeit, weltliche Bestrebungen und Parteihader -verabscheute, mußte Jesus zu den Essäern hinziehen, die. ein beschauliches Leben führten, der Welt und ihrer Eitelkeit fremd waren. Vieles aus seinem Leben und Wirken läßt sich nur durch die Annahme erklären, daß er sich essäische Grundsätze angeeignet hatte: die Vorliebe für die Armut, die Verachtung des Reichtums und des. Besitzes, die Gütergemeinschaft, die Ehelosigkeit, die Scheu vor dem Eide und die Seltsamkeit, an Besessenen, Mondsüchtigen und dergleichen Leidenden Wunderkuren anzuwenden. Er fühlte in sich den Beruf, „die verlorenen Schafe des Hauses Israels zu retten." „Die Gesunden, d. h. die Gesetzeskundigen und Eesetzesbeflissenen, brauchen den Arzt nicht", so äußerte er sich offenherzig, „sondern die Kranken, damit keins von den geringsten verloren gehe". Gewiß ein edler, hoher Beruf! Von dieser hohen Aufgabe erfüllt, trat er zuerst in seiner Geburtsstadt Nazareth auf, wo er aber nur hämische Verachtung fand. „Nemo propheta in patri-a! Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande." Er stand so ganz im Judentum, daß er sogar die Beschränktheit der damaligen Zeit teilte, die Heidenwelt gründlich zu verachten. „Gebet das Heilige nicht den Hunden, und werfet eure Perlen nicht den Schweinen vor, damit sie nicht einmal dieselben zertreten mit ihren Füßen, und sich umkehren und euch zerreißen." (Matth. 7, 6.) - Das Ziel, den Mittelpunkt all seiner Gedanken, das in seiner Brust verschlossene Geheimnis eröffnete er eines Tages seinem engsten Jüngerkreise. Er fragte sie, wofür ihn seine Anhänger hielten. Simon Petrus antwortete: „Du selbst bist der Messias (Christus)." Den Scharfblick des Petrus lobte Jesus, gestand seine Messianität ein, verbot aber den Jüngern es zu verraten oder überhaupt für jetzt davon zu sprechen. Das war die in geheimnisvolles Dunkel gehüllte Eeburtsstunde des Christentums. Jesus selbst nannte sich nicht Messias, sondern Menschensohn, auch mit dem verhängnisvollen Wort „Sohn Gotte»". Daraus wurde ihm der Prozeß gemacht, der damit endete, daß er im Jahre 30 oder 35 — das Todesjahr ist unsicher — ans Kreuz genagelt wurde. „Haben die Juden Jesus gekreuzigt?" Das ist die dritte Frage, die ich darum, weil sie, auch in jüdischen Köpfen^ eine schier heillose Verwirrung angerichtet hat. einer gründlichen Untersuchung für wert halte. Aber so, wie die F^age gestellt ist, ob nämlich die Juden Jesus gekreuzigt haben, wäre sie von vornherein abzuweisen: denn nach dem mosaischen Gesetz gab es nur 3 bzw. 4 Arten der Todesstrafe. Die gebräuchlichste war Steinigung, dann finden wir noch den Tod durch das Schwert, durch Verbrennung und Erdrosselung erwähnt. Eine Kreuzigung hat nie stattgefunden und war als Todesstrafe gänzlich untersagt. Es konnte höchstens ein Aufhängen dc's Leichnams nach der Steinigung erfolgen. Die Untersuchung kann sich demnach nur auf die Frage richten: „Sind die Juden an dem Tode Jesu schuldig oder, noch präziser gefaßt, mitschuldig?" Ich gehe zunächst der lleberlieferung nach, wie sie in den Evangelien zum Ausdruck kommt, betone aber noch einmal mit allem Nachdruck, gestützt auf das Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung, wofür ich im einzelnen Belege ansühren werde, daß die Evangelien keine historischen Quellen, sondern nur kirchliche Erbauungsschriften sind, die nach der kirchlichen Tradition um das Jahr 80 oder 90 — also 50—60 Jahre nach dem Tode Jesu — verfaßt sind. Ist es denkbar, daß die Erinnerung an die wirklichen Vorgänge und Aeußerungen noch nach 5 Jahrzehnten völlig /ungetrübt geblieben sein soll? Auch Theodor Zahn nennt es in seiner „Einleitung in das Neue Testament" (II S. 556) eine „starke Zumutung, daß ein Buch, welches erst um 50—90 entstanden ist, ein genaues Erinnerungsbild festgehalten haben soll", und sagt ausdrücklich, „daß von einer buchstäblichen Zuverlässigkeit der darin berichteten Reden Jesu" nicht gesprochen werden kann. Ist dem so, dann ist doch wohl der Zweifel berechtigt, ob die Evangelien eine genaue Wiedergabe der Verhandlungen vor dem Hohen Rat bieten oder ob nicht die Schilderung unbewußt von Vorstellungen beeinflußt wurde, die Jesu selbst fremd gewesen sind. Und nun zur Sache selbst. Es hatte sich wohl das Gerücht verbreitet, daß Jesus sich als „Sohn Gottes" bezeichnete, ein Wort, das, wenn es in seinem schlichten Sinn genommen wurde, zu tief in die religiöse Ueberzeugung des jüdischen Volkes einschnitt, als daß feine Vertreter gleichgültig darüber hinwegsehen konnten. Allein wie sollte sich das Tribunal darüber Gewißheit verschaffen, ob er sich wirklich als „Sohn Gottes" ausgab und welche Bedeutung er dem Wort beilegte? Dazu brauchte man aus seinem Kreise einen Verräter, der in Judas Jschariot gefunden wurde. Von Habgier ergriffen, überlieferte er, wie erzählt wird, den dem Gerichte, den er bis dahin als Messias verehrt hatte. Um ihn in der Mitte seiner Jünger den Häschern und der sie begleitenden Volksmenge kenntlich zu machen, habe er ihm einen Huldigungskuß gegeben, als w^enn Jesus, der im Triumph in Jerusalem eingezogen war und im Tempel öffentlich gepredigt haben soll, allen unbekannt gewesen wäre! Sobald die Häscher ihn ergriffen hatten, verließen ihn sämtliche Jünger und suchten ihr Heil in der Flucht, nur Simon Petrus folgte ihm von ferne. Als es Tag geworden war am 14. Niffan, dem Rüsttag des Passahfestes, wurde Jesus vor das Synhedrion geführt, in dem der Hohepriester Joseph Kaiaphas den Vorsitz hatte. Die Anklage lautete auf Gotteslästerung. Auf die Frage, ob er sich als Gottessohn anerkannt wissen wollte, schwieg Jesus. Als der Vorsitzende ihn noch einmal fragte, ob er der Sohn Gottes fei, habe er er-

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