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Jüdische Schulzeitung · 1931-08-14 · 8 (14.8.1931) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
8 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 ' Jüdische Schulzeitung. Nummer 8 „Es hatte aber der Landpfleger die Gewohnheit, zu Ostern dem Volke einen Gefangenen/loszugeben, welchen cs wollte. Daher sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr, das; ich euch losgebe? Varrabas' oder-Jesus, von dem gesagt wird,-er sei Christus? Varrabas aber war ein Mörder. Da Pilatus auf dem Nichtftuhl faß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen:" Habe du mit diesem Gerechten nichts zu schaffen: ich.habe heute im Traume seinetwegen viel erlitten. Aber die Hohenpriester und die Aeltesten überredeten das . Volk, daß sie. um Barrabas Litten sollten und Jesus umbrächten. Und das Volk schrie: Hinweg mit diesem, gib uns Varrabas los! Pilatus sprach zu ihnen. Was soll ich denn mit Jesus machen, von dem gesagt wird, er sei Christus? Cie riefen alle: K r e u z i g e,k r e uz i g e ihn!" 2; Hans Vahr sagt in seinen „Erläuterungen zu den biblischen Geschichten des Alten und Neuen Testaments". (Verlag V. G. Tenbner, Leipzig und Berlin 1008), S. 118: „IV. Grundgedanken^ Die Uebcrschrift-) paßt den Hohenpriestern deshalb nicht, weil der .Jesus' der Christen' als Messias der Juden gekennzeichnet ist. Ihr Verhalten entspringt ihrem blinden Haß gegen Jesus und die Christen, der noch tausendmal später in Erscheinung getreten ist. Tertullian z. B. nennt die Juden die „lontes persecutioiuim“ (Quellen der Verfolgungen) für die Christen. Selbst noch im Talmud findet sich eine Reihe von Stellen, die diesen Hatz kündtun. Zum Teil sind sie aber so gemeiner uno . schamloser Art, daß ihre Wiedergabe sich verbietet." Das ist in einigen, aber nicht wesentlichen Variationen die allgemeine Auffassung. Die Darstellung in jüdischen Lehrbüchern ist recht unzuläng-. .lich. Auch hier zwei Beispiele: 1. Kayserling-Rosenthal, „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur", 10. Auflage, Leipzig, Gustav Engel, 1022, Seite 86f.: „Da trat Jesus von Nazareth auf. Er sagte von sich, daß ,er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen. Eher werden Himmel uno Erde vergehen, ehe auch nur der kleinste Buchstabe des Gesetzes (der Thora) vergeht.' Wie Hillel vor ihm, so lehrte er, daß das Hauptgebot die Nächstenliebe sei, welche unsere heilige Thora mit den Worten ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst' (Hl. Buch Moses, Kp. 19, V. 18) verkündet hatte. Nach der Art und im Geiste der prophetischen und rabbinischen Spruchweisheit gab er viele weife Lehren. Seine Persönlichkeit und sein Wirken machten auf seine Zeitgenossen, namentlich auf die Armen und Bedrückten, einen tiefen Eindruck. Sie schlossen sich ihm.zahlreich an und verehrten den Christus in ihm, den Messias und den König der Juden. Die Römer wurden auf die Bewegung aufmerksam und glaubten, Jesus lehne sich gegen die staatliche Ordnung und gegen die römischen Kaiser auf. Er wurde darum von dem Landpfleger Pontius Pilatus, der allein über Leben und Tod zu entscheiden hatte und die Juden rücksichtslos behandelte, znm Tode verurteilt. Die Römer haben ihn auch gekreuzigt, denn die K r e u z i g u n g war bei denIuden als heidnischc Sitte stets verhaßt." Und 2. ganz ähnlich, wenn auch ausführlicher, S.' Müller, „Jüdische Geschichte von der Zerstörung des 1. Tempels bis zur Gegenwart, in Charakterbildern dargestellt", 5' Auflage, Stuttgart 1025, S. 76 f. Infolgedessen möchte ich mir erlauben, das Problem in seiner ganzen Breite und Tiefe aufzurollen, um Ihnen zu zeigen, was der jüdische Religionslehrer davon wissen muß, um „das Jesus-Problem im jüdischen Religionsunterricht" nach dem Stande der Religionswissenschaft unserer Tage fruchtbar behandeln zu können. Zu diesem Zweck möchte ich vier Fragen aufwcrfen und ihre Beantwortung versuchen. Die erste Frage lautet: „Hat Jesus gelebt? Ist. er-eine geschichtlich beglaubigte Persönlichkeit?" Die Frage nach, der Ee^ -') Gemeint ist die Inschrift auf dem Kreuz: .JNRJ — J(osus) N(azarenus) R(ex) J(aidneorum).' V. ' ' * * ' - .schichtlichkeit Jesu ist eine rein historische, und kann nur mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft beantwortet werden: Wir : müssen fragen, ob zeitgenössische Schriftsteller von. Jesus reden und ob diese Quellen glaubwürdig sind.. - Der erste, der von ihm spricht, aber nicht mehr Uus»nzeuge seiner Wirksamkeit war, sondern erst nach seinem Tode geboren , wurde, ist der jüdische Geschichtsschreiber Flavins Josephus. In seinem, umfangreichsten Werk „Jüdische Altertümer", die im . Jahre.93 n. d.- g. Z. geschrieben sind, heißt es: „Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der .Vollbringer ganz unglaublicher Taten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er -viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch feine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorher verkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort". (XVlll 3, 3; nach der Übersetzung .von H. Clementz').) An einer zweiten Stelle erwähnt Josephus „den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus" XX 9,1*). Beide Stellen aber sind nichts als Fälschungen, spätere Einschiebsel oder Interpolationen, was in neuerer Zeit auch von unbefangenen christlichen Forschern, selbst von der römischkatholjschen Theologie. , vorbehaltlos zugegeben wird. Nicht uninteressant, wenn auch verfehlt ist es, daß Joseph Klausner in seinem umfangreichen Werk „Jesus von Nazareth. Sein Leben, seine Zeit und seine Lehre" (Aus dem Hebräischen übersetzt von W. Fischel, Berlin 1930) sich dafür entscheidet, daß jenes Stück in der Hauptsache echt ist (S. 70 ff.). Nicht besser steht es mit den Zeugnissen der römischen Geschichtsschreiber. Zwar sagt Tacitus (geb. 55 n., gest. am Anfang des 2. Jahrhunderts) in seinen „Annalen" (15, 44) bei der Schilderung der Christenverfolgung unter Nero: „Der Gründer dieser Sekte, Christus, ist unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden" und Sucton (er schrieb erst am Anfang des 2. Jahrhunderts) berichtet in seiner Biographie des Kaisers Claudius (Kap. 25), daß dieser „die Juden, die auf Anstiften des Chrestus heftige Unruhen erregten, aus Rom vertrieb": aber abgesehen davon, daß Tacitus' Glaubwürdigkeit heute sehr bezweifelt wird, müssen wir boch fragen: können Schriftsteller des 2. Jahrhunderts, wo die Tradition bereits gebildet und das Christentum als eine Macht in die Geschichte eingetreten war, als selbständige Zeugen für Tatsachen angesehen werden, die sich lange Zeit vor Entstehung der Tradition abgespielt haben sollen? Die christlichen Quellen aber, denen wir Berichte über Jesus verdanken, sind Kirchengeschichte. Die Gestalt Jesu erscheint im Spiegel gläubiger Romantik und unkontrollierbarer traditioneller Ueberlieferung. Die Apostel berichten vom Hörensagen. Schon in den ältesten Darstellungen ist das Bild Jesu Christi durch die Bewegungen und Parteiungen in der ersten Christenheit verschieden gestaltet. Die Evangelien bieten daher zunächst nur geschichtliche Denkmäler der bestimmten Art, in der sich jenes Bild im Geist der Urkirche spiegelt. Kein einziger Bericht eines Augenzeugen ist im Markus-, Matthäus- und Lukas-Evangelium erhalten, die erst frühestens 60 bis 100 Jahre nach' dem Tode Christi geschrieben sind. Heute ist die Frage nach der Geschichtlichkeit Jesu ein heißumstrittenes Problem. Seitdem David Friedrich Strauß in seinem „Leben'Jesu" (1835/36) es zum erstenmal Unternommen hat, die *) Von H. Cl. ist der ganze Aöschnltt gesperrtgedruckt. - ' - *) Auch diese Stelle ist gesperrt wiedergegeben. O W

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