Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 t' /,/ / 7. Jahrgang Monaksschrisk für Pädagogik und Schulpottttk Heransgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüd. Schulzeitung" erscheint um den 15. eines jedenMonats und wird allen Mitgliedern der dem „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nichtmitglicder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 14. August 1931 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Tel.: Sammelnummer C 4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile.! i i f 1 '! 3 j! Inhal tdieser Nummer: Das Jesusproblem im jüdischen Religionsunterricht von Prof. Dr. Golinfki, Veuthen, O.-S. „Person und Masse" von A. Eordon, Harburg a. E. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Das Zefusproblem im jüdischen Neligionsunterricht. Vortrag, gehalten auf der 48. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer in Schlesien in Breslau am 7. Dezember 1030 von Eemeinderabbiner Prof. Dr. Golinfki, Veuthen O.-S. Die Diskussion über den größten und folgenschwersten Prozeß der Weltgeschichte ist in unseren Tagen erneut ausgenommen worden. Der verhängnisvolle Glaube, daß die Juden Jesus gekreuzigt haben, stand und steht noch heute wie eine dichte Nebelwand zwischen den Juden und ihrer christlichen Umwelt. Mag auch der Antisemitismus unserer Zeit vielfach in nationalen, wirtschaftlichen und Rassenfragen wurzeln, so kann doch nicht geleugnet werden, daß der Judenhaß auch noch in der Gegenwart in der Annahme der Kreuzigung Christi durch die Juden einen fruchtbaren Nährboden findet. Eine Bestätigung dieser Ansicht finde ich in dem Buche eines Mannes, der in Ihrem Kreise bekannt ist und mit Recht verehrt wird, weil er seit mehr als einem Menschenalter für seinen Stand, für die materiellen und ideellen Interessen der jüdischen Lehrerschaft Deutschlands, aber auch für die des Gesamtjudentums kämpft. M. Steinhardt schreibt in seinen „Jüdische Zeit- und Streitfragen" (Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1030) in dem Aufsatz „Der christliche Religionsunterricht als Quelle des Antisemitismus",^. 48 ff.: „Innerhalb der jungen jüdischen Welt, die sich selbst leider allem spezifisch Religiösen allzusehr entfremdet hat, hat man sich in den Glauben hineingelebt und macht in Wort und Schrift Propaganda für diese Meinung, der moderne Antisemitismus habe mit religiösen Dingen nichts mehr zu schaffen, er wurzele nur in nationalen und wirtschaftlichen Fragen. Diese Auffassung ist zweifellos falsch. Wer jemals einer christlichen Religiönsstunde, namentlich in den unteren Klassen, beigewohnt hat, und Zeuge gewesen ist, wie dort die Leidensgeschichte Jesu von Nazareth behandelt wird, weiß, daß hier in des Kindes Seele ein Keim von Haß und Abneigung gegen die Juden gesät wird, der nur bei wenigen Erwachsenen wieder völlig schwindet. Und so kommt es, daß bei so unendlich vielen Christen, die durchaus nicht gerade Antisemiten sind oder es doch nicht fein wollen, eine seelische Kluft vorhanden ist, die sie von uns Juden trennt und sie zum mindesten mit Argwohn gegen alles, was jüdischen Charakter trägt, erfüllt. Wir haben diese Art von Judenhaß nicht selten sogar bei solchen jüdischen Kindern angetroffen, die in ihren ersten Schuljahren am christlichen Religionsunterricht teilgenommen hatten. Daß an dieser Art des Judenhasses der christliche Religionsunterricht die Hauptschuld trägt, könnte man am besten auch dadurch beweisen, daß die mohammedanische und selbst die heidnische Welt im allgemeinen von diesem Hasse frei ist. Daß liberal und human denkende christliche Religionslehrer hier einen wohltuenden Einfluß ausüben können und recht oft auch ausüben, liegt auf der Hand; daß aber böswillige und fanatische Lehrer namenloses Unheil dabei anstiften können und auch anstiften, bedarf wohl keines weiteren Beweises. In ihren .Memoiren einer Sozialistin', einem vielgelesenen Roman, gibt die Verfasserin Lily Braun eine Schilderung, die so sehr den Verhältnissen entspricht, daß wir sie darum an dieser Stelle wiedergeben wollen. Die Verfasserin erzählt aus ihrer Schulzeit: .Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das mir zuerst auch nichts anderes war, als eine Konkurrentin, durch die ich mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit Neckereien und Bosheiten verfolge. .Judenmädel' stand einmal mit roter Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel. Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu verteidigen. Einmal, nach der Neligionsstunde — wir hatten gerade die Leidensgeschichte Christi durchgenommen — sah ich sie plötzlich inmitten der anderen, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes Zeichen gemeinsam losbrüllten: .Judenbalg hat Christus gekreuzigt! — Judenbalg hat Christus gekreuzigt!' Dann tanzten sie im Kreise um sie herum, und auf ein .Eins, Zwei, Drei' der Anführerin spien sie alle vor ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie: .Gemeine Bande', schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten, .schämt ihr euch nicht: Zehn gegen eine?' — .Sie ist aber doch eine Jüdin', knurrte die mir Zunächststehende. .Und wenn sie es ist — wißt ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?' gab ich zur Antwort. Eines Tages — so erzählt die Verfasserin weiter — ließ mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. ,Du hast gesagt, Christus sei ein Jude', führ sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an. .wie kommst du dazu?' .Maria und Joseph', stotterte ich in höchster Verlegenheit, .waren doch auch Juden, und — und David auch, von dessen Stamm er ist.' — .Christus ist Gottes Sohn, merke dir das', schrie sie, wobei ihre Stimme sich überschlug, ,und streue nicht Unfrieden in die gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.' Soweit die Verfasserin. Die Darstellungen bedürfen keines Kommentars; sie sprechen ganze Bände. Sollte es doch noch Vorkommen. daß jüdische Eltern ihre Kinder am christlichen Religionsunterricht teilnehmen lassen, so bitten wir, ihnen diese Zeilen einmal zu Gesicht zu bringen; vielleicht üben sie eine heilsame Wirkung aus')." Daß Steinhardt zweifellos recht hat. dafür nur zwei Beispiele statt vieler. 1. Wir lesen in „Fischer und Scholz, Biblisches Geschichtsbuch, bearbeitet und mit einem Hilfsbuch für den evangelischen Religionsunterricht versehen" usw. (Berlin 1008, Verlag von Walter Prausnitz) S. 116 (Jesus vom Volke verworfen): ' ') Mit Erlaubnis des Verfassers hier abgedruckt. 1t*