Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 7 (15.7.1931)
- Date
- 1931-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 c) Klassengeist. Die 6ri)iiÜlafie hat gewöhnlich eine eigene Wertnote, unter der jeder Schüler betrachtet wird. Sie hat ihre eigenen Bräuche, ihre eigene Ordnung und ihre eigene Sprache, der sich jeder Einzelne unterwerfen mutz, wenn er nicht von der Klasse abgelehnr werden will. So spiegelt sich der Einzelne im Klassen? ganzen, das Ganze wiederum im einzelnen. Wir bezeichnen diese Gesamtverfasjung der Klasse als Klasscngeist. Der Klassengeist unterbindet die Individualität durchaus nicht, denn jeder. Einzelne drückt doch der Gesamtheit seine persönliche Note aus. .Schröder sagt in bezug aus den Klassengeist: „Wir haben es also mit einer geistigen Struktur zu tun, die wohl im leiblich seelischen Mit- und Gegeneinander der Schüler entsteht, aber überpersönlich ist". Der Klasscngeist offenbart sich besonders in gemeinsamem Vorgehen gegen einen Fremdkörper, wenn es etwa gilt,.geschlossen Front zu machen gegen eine Parallelklasse oder sich einem Lehrer feindlich gegenüberzustellen. Einflutz der Lehrerpersönlichkeit auf den K l a s s e n g e i st. Die Stellung des Lehrers zur Klasse gibt dem Klassengeist die Richtung. Hat der Lehrer zur Klasse kein inneres Verhältnis, so lockert sich der Klassengeist, denn er ist persönlichkeitsgebunden. Palmer bezeichnet die Persönlichkeit des Lehrers als „eine starke Eiche, an welcher der Efeu des kindlichen Gemütes emporranken kann". Dieser Vergleich deutet schon die Schwäche und Labilität des kindlichen Gemütes an. Die Lehrerpersönlichkeit ist das starke einigende Band der Gemeinschaft. Strebertum darf niemals wuchern, wenn ein gesunder Klassengeist sich entfalten 'soll. Wirkt der Lehrer suggestiv, so nimmt der Klassengeist ein besonders starkes einheitliches Gepräge an, er kann aber die Zeit der suggestiven Einwirkung nicht überdauern und ist infolgedessen wertlos. Wenn der Schüler nicht allein qualifiziert wird nach seinen Leistungen, sondern in erster Linie nach seinem Charakter, wenn der Lehrer sittliche Werte in den Kindern zu wecken und zu entwickeln versteht, dann baut sich der Klassengerst auf einer gesunden Grundlage auf. Der Lehrer mutz immer hinter seiner Klasse stehen, er mutz sich mit ihr freuen und an ihren Feiern Teil haben können und andererseits in krisenhaften Zeiten ihr zu Helsen suchen. In jedem Augenblick mutz in den Schülern das Bewutztfein leben, daß der Lehrer ihr Freund ist, der ihnen helfen will und kann. Auch die Strafe mutz dem Vergehen und der Individualität der Schillerseele angemesien sein, sie darf niemals ein Gefühl der Bitterkeit im Kinde zurücklassen, sondern sie mutz den Charakter des Liebevollen, des Beffernwollens tragen. Ein gewaltsames Eingreifen von seiten des Lehrers in den Klasscngeist erzeugt bei Knaben Opposition, die sich in dem negativen Solidaritätsgefühl des geschlossenen Zuwiderhandelns äußert, bei Mädchen infolge des größeren Anlehnungsbediirfniffes Unselbständigkeit. Besteht zwischen. Lehrer und Klasse ein gleichgültiges Verhältnis, so daß weder Bildungsgut noch Lehrerpersönlichkeit zündend und formend, auf die jungen Menschen einwirken, so hält sich der Klassengeist auf einer niedrigen Stufe. Solche Klassen verhalten sich in der Regel auch einer neuen Lehrkraft gegenüber lange Zeit indifferent, so daß sie nur schwer zu wecken sind. In Lehranstalten, an denen Fachlehrer tätig sind, sind die Kinder innerlich sehr auf sich selbst gestellt. In jeder Stunde kommt und geht ein anderer Lehrer, der infolge seiner Zeitgebundenheit genötigt ist, ohne Unterbrechung sein Pensum abzuwickeln und der daher der Klassensecle nur wenig Beachtung schenken kann. In diesen Fällen formt sich in der Regel kein starker gesunder Klasscngeist und besonders in den Pubertätsjahren macht sich der Mangel einer reifen Führerpcrsönlichkeit. die in der kritischen Zeit der inneren Gärung helfen könnte, sehr fühlbar^ Häufiger Lehrerwechsel steht überhaupt, der Entwicklung der Klassengemeinschaft hindernd im Wege. Nummer 7 WirkungderTraditionaufden K lasse ngei st. In Landschulen und konfessionellen Schulen wirkt auch die Tradition auf den Klasscngeist ein. In diesen Fällen stehen meist Ellern und Schule eng' zusammen und so wird die Atmosphäre der Schule auch ins Elternhaus getragen. Oft haben auch die Eltern schon dieselbe Schule besucht, was auf den traditionellen Geist festigend wirkt. Träger der Tradition der Schule sind also in diesem Falle auch noch die der Schule entwachsenen Generationen, die oft Neuerungen fortschrittlicher Lehrer als pietätverletzend empfinden. Auch hier sind ausklärende Elternabende sehr am Platze, wie überhaupt in jedem Falle das Zusammenarbeiten von Elternhaus und Schule den Kindern erzieherisch zugute kommt. (1) K l a s s e n e h r e. Eine Auswirkung des Klassengeistes ist die Klassenehre. Namentlich höhere Klassen haben ihren eigenen Ehrenkodex. -Es gilt beispielsweise für unehrenhaft, etwas über die Klasse auszuschwätzen, mit jüngeren Schülern zu boxen, manchmal ist sogar der Verkehr mit anderen Klaffen nicht gestattet. Wie kann die Lehrerpersönlichkeit den subjektiven Klassengei st fördern? Klassenehre, Klaffensitte und Klaffenmoral sind Erscheinungen. die auf dem Wir-Bewutztsein beruhen, auf objektivem Solidaritätsempfinden und die man deswegen als zum objektiven Klassengeist gehörig bezeichnet. Aeutzerungen des subjektiven Klassengeistes sind Mitleid und Mitfreude, Gerechtigkeitsgefühl. Stolz, Scham, Arbeitslust, also Aeutzerungen des Gefühlslebens. Auch diese emotionalen Erscheinungen des Klassengeistes nniffen erzieherisch ausgewertet werden. Schon die Kleinen zeigen in ihrer gegenseitigen Beurteilung ein gewisses Gerechtigkeitsgefühl. Ich hörte in meiner Klaffe des öfteren die Bemerkung, wenn ein schwächerer Schüler seine Aufgabe brachte: „Gut ist's nicht, aber für den X. ist's doch gut." Sie erkennen demnach die Leistung des anderen an und berücksichtigen sogar schon individuelle erschwerende Arbeitsmomente. Auch die Strafe und das Strafmaß wird schon von jungen Kindern gerecht beurteilt. Die Klasse, fühlt sich als Ganzes und duldet in ihrem kleinen Staatswesen keine Unlauterkeit, die nicht irgendwie gesühnt worden ist, eine Erscheinung, die vom Lehrer in weitestem Matze berücksichtigt und unterstützt werden sollte. Erziehung zum M i t g e s ü h l. Auch die Fähigkeit des Mitfreuens und Mitleidens kann im Kinde gestärkt werden. Gemeinsame kleine Geburtstagsfeiern auf der Unterstufe lassen die ganze Klasse an einer Freude teilnehmen und hindern sie daran, neidisch den kleinen Geburtstagshelden zu betrachten, wenn er von seinen Geschenken erzählt. „Der X. hat nächste Woche Geburtstag", so berichtet mir meine Klasse freudestrahlend und in die Freude auf die kleine Feierstunde mit ein paar Lichtlein und einer Geschichte mischt sich die neidlose Neugier auf das, was der T. wohl geschenkt bekommen hat. Häufig bringt auch ein Kind ein Geburtstagsgeschenk mir, um die Klaffe während der Pause damit spielen zu lassen: auch die Eeburtstagsschokolade wird manchmal mitgebracht und ich mutz sie dann unter alle Kinder vorteilen. Kranken Mitschülern werden häufig Briefe geschrieben und Bildchen geschickt. Größere Schüler empfinden von allein größeres Mitleid als kleine, doch soll dieses Mitleid nicht bei jener selbstbefriedigenden formlosen Weichheit bleiben, die so gerne in Sensation gipfelt. Die Kinder müssen dazu angehalten werden, ihr Mitleid in der Tat zu äußern. Bei Ausflügen und Vergnügungen sollen sie von einem kostspieligeren Genuß zurückstehen und sich mit der bescheidenen Ausgabe begnügen, um das erübrigte Geld einem unbemittelten Mitschüler zugute kommen zu lassen, daß auch er an der allgemeinen Klassenfreude teilnehmen kann. Die soziale Betätigung kann nicht früh genug einsetzen; je gebefreudiger die Kinder sind, desto mehr Verständnis haben sie für die Not des Jüdische Schulzeitung.