Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1931-05-15 · 5 (15.5.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2825247-2825248-2825253--0507-2826115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9htmmcr_5 pflichtbewußten Dienstersüllung offenbart habe,-indem er unverdrossen, die Unbilden der Witterung bei Tag und bei Nacht nicht achtend, bei Labans Herden ausgcharrt habe. Der Text fährt darum fort: „Wie am Tage die Hitze an mir zehrte, so der Frost in der Nacht, sodasz der Schlaf meine Augen floh.'- (Letzten Endes gilt es, in dieser Thora-Abhandlung zu zeigen, wie Jakob durch das Glück, das ihm durch Gottes Gunst in der auffallenden Mehrung feines Besitzes während seines Hirtendienstes bei Laban zuteil ward, den Verdacht des Hcrdenbefitzers Laban erregt, als ob er den Wohlstand durch dessen Jnteressenschädigung erreicht habe: — ein immer noch akutes Problem! — und wie Jakob dieser Verdächtigung durch Hinweis auf seine selbstverleugncnde Pflichterfüllung erfolgreich begegnet. Von besonderem Interesse ist dabei, daß Laban übersieht, daß Jakobs Wohlstand ja auch seinen, Labans, eigenen Töchtern zugute kommt.) In dieser Uebertragung: „Wie am Tage . . (Vers -4») ist das den Satz einleitende Wort •»rpvj wörtlich nicht berücksichtigt. In der Tat hat es nur Bedeutung für den Satzbau und erklärt sich wie folgt: Die Tätigkeit der erzählenden Handlung war in Vers 36:„Er sprach . . ." Seit dieser Verwendung eines finiten Verbs in der dauernden (erzählenden) Tatform ist bisher nie wieder die gleiche Verbalform ausgetreten, denn alles war von jenem (jnV?) ivX'l abhängige Schilderung mit ihm untergeordneten Sätzen. Diese sind bis zu der Feststellung •>nxnn N1? in der Verbalform der abgeschlossenen Handlung gehalten. Nun wird diese Schilderung unterbrochen durch das im Konjunktiv ausgedrückte Satzgefüge: nJiPpuJl vp» N2VNX ->228 ..würde ich ein Fehlen verursacht haben, so könntest du es von meiner Hand fordern" mit der zu dem in HJünK enthaltenen Suffix gehörigen Apposition er» tm : Nach dieser Unterbrechung, die andere Zeitformen (nzvntt "nd mwpafl sind Zeitformen der dauernden Handlung) brachte, soll die Zeit der abgeschlossenen Handlung wieder ausgenommen werden; dies geschieht durch Einleitung des Satzes mit der Form •»rv»’’.“!' in der auch gleichzeitig die . erste Person wiedererscheint, nachdem diese mit der zweiten» (njppan) abgewechselt hatte. Zusammensassend stellen wir fest: , 1. g'nuw.ssi ist nicht particip perfecti. 2. Die Vokalisierung goimwti ist abwegig und würde ein germanisiertes Hebräisch darstellen. 3. Die Uebertragung des Onkelos ist durchaus sinnentsprechend. 4. vp’fl steht am Beginn des Vers 40 an der richtigen Stelle, so daß von einer falschen Versabteilung nicht die Rede fein kann. Mary Mareus zum Andenken. Am 22. April d. I. war ein Jahr verflossen, seitdem Mary Marcus, die ehemalige Leiterin der Töchterschule der Deutsch- Israelitischen Gemeinde in Hamburg, durch den Tod uns entrissen wurde. Wenn damals die Nähe des schmerzlichen Ereignisses ihren zahlreichen Freunden die Möglichkeit nahm, in dieser Zeitschrift ein objektives Lebensbild der Verstorbenen zu zeichnen, so wird ihnen dieses heute zum inneren Drange und zur Notwendigkeit. Mary Marcus hatte volle SO Jahre, von 1868 bis 1024, mit nie versagender Kraft und nie erlahmendem Eifer eine der größten jüdischen Schulen in Deutschland rn geradezu vorbildlicher Weise geleitet. Man dient der Welt des Judentums und der jüdischen Schule, wenn man von dem Wesen und dem Reichtume dieses Lebens erzählt. Seite 7 1868 bis 1024! Eine Spanne Zeit, die nicht nur nach ihrem Umfange, sondern mehr noch nach dem. was sie in sich einschließt, bemessen werden muß. Ein Wandel der Verhältniße und Anschauungen poltzjM sich, wie ihn die Geschichte im'gleichen Zeitraum nur selten aufweist. Und vollends bedeutungsvoll ist der Wandel, den die pädagogischen Ansichten und die Betriebsamkeit in der Schule erleiden. Das Ideal der Erziehung unterliegt fortwährendem Wechsel. In der alten Hansastadt mit ihrer freiheitlichen Verfassung, ihrer allem Fortschritt zugewandten Lehrerschaft gärt es besonders stark. DieForderung der künstlerischen Erziehung, die der lebendigen Aktivität der Schüler feiern hier ihre Entstehung oder finden doch den lautesten Widerhall. Mary Marcus hat als Leiterin einer Kemeindefchule eine größere Freiheit in der Handhabung der methodischen Grundsätze als ihre Kollegen an den staatlichen Schulen; aber anderseits darf sie sich nicht auf gewagte Experimente einlassen, weil dw ganze Situation-aus besondere Leistungen ihrer Anstalt drängt, die in dem scharfen Konkurrenzkampf mit den anderen Schulen nur durch ihre unterrichtlichen und erziehlichen Erfolge ihren ungestörten Fortbestand sichern kann. Als am 16. März 1024 Ma»-') Marcus, die Achtzigjährige, aus freiem Entschlüsse die Leitung der Schule aus den Händen gab. da zeugte nicht nur der Bestand der Schule mit ihren nach Hunderten zählenden Schülerinnen für den Wert der geleisteten Arbeit; darüber hinaus wurde von berufenster Seite anerkannt, wie die nun Scheidende cs in hervorragender Weise verstanden habe, dem Neuen weit die Tore zu öffnen, ohne doch jemals ihre kritische Besonnenheit irgendwie aufzugeben. Dieses Urteil entsprang nicht der Kehobenheit des festlichen Augenblickes, sondern sprach.nur eine objektive Tatsache aus. Mary Marcus hat niemals mit der Zähigkeit der Alternden am Althergebrachten geklebt, das nur das Recht der Gewohnheit für sich in. Anspruch nehmen konnte. In diesem Sinne ist sie selbst als Achtzigjährige nicht alt gewesen. Aber sie hat sich auch . niemals dem Neuen verschrieben, wenn es nur den äußeren Vorzug des Neuen hatte und nichts weiter. Niemand wußte besser als sie, daß der Wandel, die Umformung der Lebensinhalte ein Gesetz des Lebens selber sei. Aber niemand widerstand auch mehr als sie dem Wandel, wenn sie die Ueberzeugung hatte, daß er zu keiner Erhöhung der Persönlichkeitswerte führe. Das Wesen dieser seltenen Frau mit allem, was es in sich barg, in ihrer Haltung zur Welt, in der Haltung der Welt zu ihr, erklärt sich aus der glücklichen Mischung zweier Elemente, die in ihrer Wechselwirkung ihre Trägerin auf eine besonders hohe Stufe der Geistigkeit und Menschlichkeit hoben und ihr ihre, überragende Stellung sicherten. Wir wollen diese Elemente in Ermangelung eines besseren Ausdruckes als Distanz und Nähe bezeichnen: sie waren es, die den Menschen dieser Prägung formten und gestalteten. Distanz! Sie findet ihre Verkörperung in der hoheitsvollen Haltung dieser Frau. In jedem, der in ihren Kreis tritt, wird das Abstandsgefühl lebendig. Es stattet sie in einer Zeit, in der die Stellung der Frau noch sehr umstritten ist. mit einer Autorität über ihre Umwelt aus, die auch bei einem Manne nur selten zu finden ist. Es liegt etwas Unnahbares in ihr; das Gemeine wagt sich in ihrer Nähe nicht hervor; es findet ihr gegenüber keine Worte und bleibt stumm. So zeigt es sich in der Schule und im Leben draußen. In geistiger Beziehung verschafft ihr aber die Fähigkeit der Distanz die kritische Stellungnahme zu allem Neuen. Sie weiß das Echte vom Unechten zu unterscheiden; weder der äußere Glanz noch der Erfolg des Augenblicks trüben ihren klaren Blick. Nur dem wirklich Wertvollen ebnet sie den Weg und ist ihnt Bahnbereiterin. Aber diese Distanz ist nicht die kalte Höhe des. überragenden Gipfels. Mary Marcus ist mit allen Schicksalsformungen des Lebens vertraut. Sie kennt auch feine Tiefen und weiß nur zu gut, wie Not und Elend die Entwicklung der kindlichen Seele . bedrohen. Sie besitzt die Gabe der Einfühlung in das Gemüt des Jüdische Schulzeitung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.