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Jüdische Schulzeitung · 1931-05-15 · 5 (15.5.1931) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung. Nummer 5 Dies scheint mir nun allerdings Aufgabe des Religionsunterrichts im Alter der Ecschlechtsentwicklung zu sein; den Grundstein zu legen für eine sittliche Auffassung des Geschlechtsverkehrs. Ich habe gar nichts dagegen, wenn der Jugendliche auch rein öpjwk^ tuuistisch über die Gefahren des außerehelichen Geschlechtsverkehrs hingewiese'n wird (Geschlechtskrankheiten, Schicksal der Unehelichen), aber die beste Grundlage für ein sauberes Sexualleben ist doch, den Geschlechtsverkehr aus der rein triebhaften Sphäre (Sexus) yerauszuheben und ihn zu einer Erscheinung des Kulturlebens (cros) zu machen. Der Jugendliche wird dafür ein tiefes Verständnis haben. Gelegenheit zu solchen Erörterungen gibt es ja genug. Man sollte aber eine allzu persönliche Bezugnahme vermeiden, sondern immer von den allgemeinen sittlichem Grundsätzen aus geschlechtliche Fragen berühren. Ich möchte hier nochmals betonen, daß ich im Entwicklungsalter gerade eine spezielle Beschäftigung mit rein sexuellen Fragen nicht für durchaus erwünscht halte. Wenn man aber vom sozialen Charakter des Judentums spricht und u. a. auch die Funktion der Fortpflanzung und ihre Bewertung im Judentum dabei erörtert, so wird man diese Beziehung zwischen der allgemeinen Weltanschauung und dem sexuellen Problem hergestellt.haben. Man darf aber nie vergessen, daß im Pubertütsalter der Geschlechtstrieb unsicher, unausgeglichen ist, daß dem Jugendlichen häufig die persönlichen Voraussetzungen für eine geläuterte reise Sexualanschauung fehlen, ja, daß er unter Umständen zu Depressionen kommt, wenn er sich einer höheren sittlichen Weltanschauung nicht gewachsen fühlt. Hier wäre es Aufgabe des Religionslehrers, ihm Verständnis zu beweisen, ihn innerlich zu festigen und ihm zu helfen. Es ist absolut falsch, Moral zu predigen, etwa gegen das Tanzen, die „moderne" Kleidung. Ja, sogar wenn junge Menschen einmal über die Grenze des Zulässigen in ihren Geschlechtsbeziehungemchinausgcgangen sind, ist es verkehrt, sie zu ächten, sie aus der Gesellschaft der Jugend hinauszustoßcn. Es kommt nicht darauf an, die Moral zu retten, die kein absoluter Wert ist, sondern nur getragen sein kann von einer menschlichen Persönlichkeit,' es kommt darauf an, eine junge menschliche Persönlichkeit, die noch nicht fertig ist, wieder zum Träger der Moral zu machen. Dies kann nie dem Erzieher geliugcil, den der Jugendliche als Vertreter einer starren Dogmatik sich feindlich sieht, sondern nur dem, zu dem der Jugendliche das Vertrauen hat, daß er ihn unter keinen Umstünden verwerfen wird, solange noch eine sittliche Möglichkeit in ihm ist. Es verträgt sich durchaus mit der hier vorgetragenon Anschauung, die eine Versittlichung des Eeschlechtstriebes fordert, nicht in jedem vorehelichen Geschlechtsverkehr ein Verbrechen zu sehen, das nicht wieder gut zu machen ist. Und das gilt für Mädchen so gut wie für Jünglinge. Wir Hütten weniger Prostituierte, wenn nicht jedes Mädchen, das sich einmal hingegeben hat, gesellschaftlich geächtet werden würde, von einer Gesellschaft übrigens, die keineswegs selbst die einfachsten Forderungen geschlechtlicher Moral erfüllt. Die Ausstrahlungen des erwachenden Trieblebens auf die Entwicklung tieferen religiösen Empfindens können nur angedeutet werden. Es gibt hier direkte und indirekte Beziehungen. Der erwachende junge Mensch bekommt zunächst eine andere Beziehung zur Natur; er fängt erst an, die Begriffe des Werdens und Vergehens, des Ew.igen und des Zeitlichen zu begreifen. Aber er wird auch allgemein erlebnisbcrciter; das Gefühl der Welteinsamkcit, der Todesfurcht hat seine Wurzeln in der Pubertät, ebenso wie das damit in Zusammenhang stehende Bedürfnis nach Anlehnung, nach Beziehung, nach Freundschaft. Und das unmittelbare religiöse Bedürfnis ist in keinem Lebensalter so stark wie gerade in diesem (allerdings auch die religiöse Skepsis). Die Rätsel Welt und Dasein wollen von dem Jugendlichen gelöst werden, und er setzt sich mit jeder ihm dargebotenen Anschauung auseinander. Wo wir Erwachsenen die Unlösbarkeit als etwas Gegebenes hinnehmen, da ist der Jugendliche willens . und bereit, Lösungen zu suchen. Daher ist die Jugend so bcgeisterungsfähig für Ideale, und "darum ist sie die Hoffnung jedes Volkes, auch des unsrigen. Aber nur der Erzieher kann auch dieseZette desProbkems in setnErztehungüsystem etudvziehen.der eine weite, offene, allgemeine jüdische Anschauung hat. Und so mündet unsere Frage wieder in den großen Stroin dessen, was wir Kultur nennen, und das ist wirklich ein Strom, kein stehendes Gewässer. Jede menschliche Generation erwartet die Erfüllung ihrer eigenen Wünsche und Ideale von der nächsten, die sie erzieht. Auch wir Juden tun dies, und da wir noch eine lebendige Gemeinschaft sind mit der Hoffnung auf den Fortbestand eigener Kultur, auf eine eigene Geschichte, da wir in der Mehrheit noch durchaus nicht die Absicht haben unterzugehen, ist auch unsere Hoffnung die Jugend, die einmal erfüllen soll, was wir erstrebt und nicht vollendet haben. Aufgabe des Lehrers ist es, unsereJdeale an diese Generation weiter zu geben, er muß daher ein Träger des lebendigen Strebens unserer Gemeinschaft sein. Wenn er aber mehr sein will als ein Vermittler bloßen dogmatischen Wissens über Religion, wenn er Erzieher des jüdischen Nachwuchses sein will, dann muß er erkennen, daß keine Seite der Persönlichkeitsentwicklung ihm fremd sein darf, besonders nicht ein so wichtiger Erlebnisfaktor wie das Geschlechtsleben. In der Thora folgen die Heiligkeitsgesetze unmittelbar auf die Verbote geschlechtlicher Verirrungen. Naschi bezieht den Sah „heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, euer Gott" an dieser Stelle nicht allein auf die folgenden Gebote der allgemeinen Sittlichkeit und des Monotheismus, sondern zugleich auch auf die vorangehenden Verbote der geschlechtlichen Verirrungen. Er sagt: ..Ihr sollt heilig sein", das heißt, haltet euch fern von sittlicher Entartung und Sünde; denn überall da. wo du ein Verbot der Unzucht findest, da findest du auch ein Gebot der Heiligkeit; uno er zitiert dann mehrere Stellen, an denen das der Fall ist. So setzt er die geschlechtliche Sittlichkeit in eine Linie mit den höchsten religiösen Vorschriften der Heiligkeit. Und in diesem Sinne hat Manuel Joel recht, wenn er sagt: „Der jüdische Monotheismus mit seinen sittlichen Begriffen entstand aus der vorausgegangenen größeren Reinheit sowohl in geschlechtlichen Dingen als in andern. Nicht die Gelehrsamkeit, nicht die Klugheit, sondern die Sittenreinheit ist die ursprünglichste Bedingung für die Erkenntnis Gottes." — Und daran sieht man. von welcher religiösen Bedeutung die Erziehung zu einer geschlechtlichen Sittlichkeit ist. Literatur: Eine ausführliche Bibliographie findet sich bei Charlotte Bühler „Das Seelenleben des Jugendlichen" (Fischer, Jena Von sonstigen zusamnu-nfassenden Darstellungen der Jugendpsychologie seien genannt: Spranger „Psychologie des Jugendalters" (Leipzig 1929) und Hoffmann „Die Reifezeit" (Leipzig 1926). Von besonderem Interesse für jüdische Pädagogen ist die Veröffentlichung von William Stern „Anfänge der Reifezeit" (Leipzig 1925); es handelt sich um das Tagebuch eines jüdischen Jungen. Die Sexualerziehung wird behandelt von Erich Stern („Die Erziehung und die sexuelle Frage", Berlin 1927). Erwähnt sei auch als den katholischen Standpunkt vertretend das von dem Jesuitenpater Schröteler herausgcgebem. Buch „Die geschlechtliche Erziehung", Düsseldorf 1929. Auch die Lektüre von Lindsay und Evans „Die Revolution der modernen Jugend" ist zu empfehlen. Weiter ist hinzuweisen auf Dichtungen, die die Entwicklung der Geschlechtsreife behandeln: Wedekind („Frühlingserwachen"). Lou Andreas Salome („Im Zwischenland"), Halve („Jugend"), Hesse („Demian") u. v. a. Von eigentlicher Ausklärungsliteratur sei genannt: Max Hodann „Bub oder Mädel", ferner das vom Dürerbund herausgegebene Aufklärungsbuch. Ueber die jüdische Sexualcthik sind außer theologischer Literatur über die Ritualvorschriften zu erwähnen: Goslar „Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt", Nordin „Die eheliche Ethik der Juden zur Zeit Jesu" (Anthropophyteia, nicht im Handel), ferner die Aufsätze in der neu erscheinenden Jüdischen Encyclopaedie und im jüdischen Lexikon, sowie andere Sammelschriften (Preuß „Biblisch-Talmudische Medizin"; Sammelbücher über „Hygiene der Juden" anläßlich der Hygiene-Ausstellungen). c> o

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