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Jüdische Schulzeitung · 1931-05-15 · 5 (15.5.1931) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ES5SS3H3EK5 Nummer 5 werden. Ich erinnere nn die Geschichten von Noah, der Erzväter, ■ nn Indn-Thniilnr, nn Cchechem, die Geschichte von Lot. später die Simsou-Sage, die Känigsgeschichten (Bathseba),.überall begegnen uns Geschlechtsbcziehüngen der verschiedensten Art und der verfrÖte&imiWH irt wlf MMN sogar Sst den Propheten . (Hosen) Bilder ans dem Sexualverkchr. Und dazu kommt die große Zahl der Verordnungen auf diesem Gebiete, die Reinheits¬ und Ehegesetze. Es verlangt Erörterung ein Gebot wie das der Beschneidung. Ich will hier keine Methodik der Behandlung derartiger Themen mit Kindern geben, aber ich möchte doch ganz klar sagen, das; ich glaube, daß fast alles mit Kindern in voller Offenheit und Ehrlichkeit behandelt werden kann, ohne daß dadurch die Moral leidet, im Gegenteil, sie wird dadurch gefestigt und gesichert werden. Gerade mit Kindern sind diese Dinge viel leichter zu erörtern, eben weil dadurch keine sinnlichen Erregungen erweckt werden. Im Pubertätsalter ist das alles viel schwieriger, weil dann durch Behandlung derartiger Themen der Sinn allzu sehr aus das Sexuelle gelenkt wird. Diese Gefahr ist im Kindesnlter noch nicht oder,wenigstens noch nicht allgemein und stark vorhanden. Deshalb sollte man mit allem tatsächlichen, allem - - Wisscusmaterial schon fertig sein, bevor das Kind >n das Pubertätsalter eintritt. Es sollte dann über die Gcschlechtsfunktionen des Körpers und ihre Manisestationen unterrichtet sein, es sollte auch sich gewöhnt haben, diese Fragen als etwas Natürliches unbefangen zu erörtern. Mit dem Pubertätsalter hört diese Unbefangenheit auf. Es beginnt eine Wendung in der Persönlichkeitsentwicklung, und diese Wendung ist vor allem dadurch charakterisiert, daß das Kind beginnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich selbst zu suchen, sich selbst problematisch zu werden. Aus der unbefangenen Sicherheit des Kindes wird ein befangener, affcktlabiler, triebunsicherer Mensch, der unausgeglichen ist, eine neue Haltung zur Umwelt suchte schwankend zwischen schwärmerischer Bejahung der Welt und der Umwelt und scheuer Ablehnung und Vereinsamung. Dies ist das für die Charakterentwicklung wichtigste und entscheidendste Alter. Jetzt ist es nicht mehr möglich, das Gebiet des sexuellen Lebens dem Jugendlichen als reines Wissensmaterial darzubicten. Der Puberticrende sucht alles auf sich zu beziehen, er sucht alles in sich, und er ist bereit, sich in allem zu finden. Er ist Einflüssen leicht zugänglich; und da schon alles in ihm keimt, da alles in ihm als Anlage vorhanden ist, ist es entscheidend, welche Einflüsse auf ihn wirken, welche Anlagen und Triebe ^unterdrückt und welche entwickelt werden. In diesem Alter ist eine allzu starke Beschäftigung mit dem Sexuellen eine Gefahr. Ich glaube, daß gerade darum die jüdische Sexualmoral eine höhere war, weil der jüdische Junge das - Wissensmäßige über das Sexualleben bereits ausgenommen hatte und die Aufklärung nicht als neue Sensation geschlechtlicher Art an ihn herankam, während für die normale Entwicklung eines Menschen der europäischen Zivilisation es umgekehrt ist, daß er nämlich von allem Wissen über sexuelle Fragew so lange abgeschlossen wird, bis cs zusammen mit seinem eigenen sexuellen Erwachen in asfektöetonter, sensationeller Form in sein Bewußtsein tritt, häufig noch dazu in einer kulturfernen, rein triebhaften Begründung. Es kann nun aber nicht plötzlich das Geschlecht!'-che im Religionsunterricht ausgeschaltet, sondern es muß nur in diesem Alter bereits auf einer höheren Stufe behandelt werden. . Es beginnt jetzt die sexuelle Erziehung. Das heißt: die sexuelle Eutwicklung muß so gelenkt werden, daß das Sexualempfinden über das rein Triebhafte herausgehoben wird, daß es in die Weltanschauung einbczogen werden kann, daß' es einmündet in den Strom sittlicher Menschheitskultur. Die Beziehung zwischen der Entwicklung einer, sittlichen Weltanschauung und dem Erwachen'des Geschlechtstriebes ist eine wechselseitige. Die geschlechtliche Moral muß einbczogen werden Seite 3 in die allgemeine moralische Anschauung, das heißt, von allgemeinen sittlichen Grundsätzen her muß eine Erziehung auch aus dem Gebiete der Geschlechtsmoral erfolgen. Und umgekehrt muß das erwachende Geschlechtsleben mit den neuen Trieben und Empfindungen des Jugendlichen nutzbar gemacht werden für seine religiöse Empfindungswelt, die rein triebhafte Anlehnungstendenz muß ins Weltanschauliche sublimiert werden. Dies ist — wie mir scheint — überhaupt die wesentliche Aufgabe des Religionsunterrichts auf dem Gebiete der sexuellen Erziehung, die Einordnung des Sexuellen in die allgemeine Weltanschauung, und das ist cs auch, was bisher in der gesamten sexuellen Erziehung vernachlässigt wird. Ich habe schon erwähnt, daß ein so bequemer Ausweg, wie ihn die christliche Moral, besonders die katholische, ihrer Natur nach gehen muß. für uns nicht gangbar. ja, überhaupt, weil wirklichkeitsfremd, wertlos ist. Dem Jugendlichen zu predigen, der Trieb sei sündig, und daher zu unterdrücken, das ist für uns unmöglich. Die jüdische Religion bejaht den Gcschlechtstricb als einen natürlichen, notwendigen, der Erhaltung der Menschheit dienenden Trieb. Zweifeln kann man nur, ob die jüdische Religion den Geschlechtsverkehr nur als dem Zwecke der Fortpflanzung dienend zulassen will oder ob ihm auch ein selbständiger Wert zuerkannt wird. Daß die Fortpflanzung der wesentliche Zweck der Ehe und damit auch des geschlechtlichen Verkehrs nach jüdischer Auffassung ist, kann freilich nicht bestritten werden. Dies ist grundlegende, durch zahlreiche Vorschriften beweisbare Auffassung. In der Fortpflanzung wird auch die eigentliche Rechtfertigung der Ehe gesehen, in einem solchen Maße, daß nach zehnjähriger kinderloser Ehe sogar die Scheidung zur Pflicht gemacht ist. Es ist interessant, daß im Gegensatz hierzu Paulus, der ja die absolute Enthaltsamkeit als Ideal hinstellt, aber doch die Ehe zuläßt, als ihre'Rechtfertigung nicht die Notwendigkeit der Fortpflanzung, sondern den Schur; vor der Hurerei hinstellt. Hier äußert sich eben auch wieder ein grundsätzlicher Gegensatz zwischen Judentum und Christentum").. Für das Christentum steht die subjektive, individuelle Erlösung des einzelnen Menschen im Vordergründe, die sogar auf Kosten d.er Menschheit den Vorrang hat. Für das Judentum ist stets der soziale Gesichtspunkt ausschlaggebend. Für das Christentum ist daher der Eeschlechtstrieb, der ja in erster Linie ein sinnliches Erlebnis ist, ein störender Affekt, seine soziale Notwendigkeit wird nicht beachtet. Für das Judentum ist er eine wichtige, zu bejahende Forderung aus Gründen sozialer Erhaltung des Menschengeschlechts. Aber cs ist sicher, daß auch das Judentum den Geschlechtsverkehr nicht allein unter dem Gesichtspunkte der Fortpflanzung angesehen hat. Schon die Forderung der Ehe und ihre Abgrenzung von der Unzucht, dem wahllosen Geschlechtsverkehr, macht dies einleuchtend. Es gibt eine große Anzahl Erörterungen auch über die Reinheit des Geschlechtsverkehrs in der Ehe, und sie haben im wesentlichen eine über die rein sexuelle Beziehung der Ehegatten hinausgehende persönliche Achtuugs- und Liebesbeziehung zum Ziele. Und darin ist eine — übrigens von der modernen Sexualreform besonders betonte — sittliche Forderung zu sehen: Nur der Geschlechtsverkehr ist sittlich, bei dem das Objekt der Liebesbeziehung nicht nur Sache ist, d:e allein der reinen Triebbefriedigüng dient* * * * * 7). Es kommt hier nicht in erster Linie auf die formaljuristischen Ehevoraussetzungen an — das Judentum erleichtert ja die Eheschließung sowohl wie die Ehescheidung außerordentlich und entspricht damit ganz modernen Forderungen —, sondern es kommt auf die innere, persönliche Beziehung der Ehegatten an. ") Der Unterschied zwischen Judentum und Christentum, auch auf dem Gebiete des Sexuallebens, hat seine klassische Formulierung gefunden in dem Aufsatz von Achad Hnam „Al schtej haseipim". Auch Max Brod (Heidentum, Christentum. Judentum) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. 7) Erich Stern: „Die Erziehung und die sexuelle Frage." Jüdische Schulzeitung.

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