Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825248-2825253--0502-2826110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 jcljmiuiiß, die sich auf den Grundsatz der Askese stützt.-'') ist daher nicht nur unjiidisch. sondern sie widerspricht auch den wirklichteitsnahcn Forderungen unserer Zeit. Wir können' nicht dem jungen Menschen Keuschheit als höchstes Ideal predigen. Dies hat das Judentum nie getan. Im Gegenteil. Für die jüdische Anschauung war Fortpflanzung stets ein zwingender Grundsatz. Deshalb haben auch die geschlechtlichen Beziehungen im Juden' tum immer eine viel positivere Behandlung gefulcocn, deshalb ist auch das jüdische Eherecht weltanschaulich anders fundiert. Die Ehe ist für das Judentum nicht nur ein Notbehelf aus der Hurerei, sondern sie ist eine wertvolle Kulturerscheinung,-die so zu gestalten ist. daß die Ehegatten zu einer höheren als der rein sexuellen Befriedigung kommen. Daher nehmen die Vorschriften über die Gestaltung der sexuellen wie der rechtlichen Beziehungen in der Ehe bei uns einen großen Raum ein, daher ist auch die Ehescheidung in so hohem Grade erleichtert. Eine Fortdauer der Ehe zwischen Ungeliebten galt als unmoralisch, und die Kinder einer solchen Ehe galten als minderwertig. Wir sehen also, daß die jüdische Geschlechtsmyral, die ja. anerkanntermaßen ein vorbildliches Familienleben hcrvorgebracht hat, den Forderungen der Wirklichkeit, die nämlich ^ie Forderungen nach einer neuen Sexualmoral sind, in höherem Grade Rechnung trägt, als die auf christlicher Grundlage ruhende europäische Sexualmoral. Freilich ist die jüdische Welt dem Ein-- fluß ihrer Umgebung auch auf diesem Gebiete unterlegen. Nach der Emanzipation wurde für uns die allgemeine Gesetzgebung maßgebend und mir sehen den Niedergang der Sexualmoral und eine Zerstörung des Familienlebens auch bei den Juden und zugleich ein Nachlassen ihrer Fortpflanzungsfähigkeit. Ich will natürlich nicht behaupten, daß die sexuellen Anschauungen des alten Judentums in jeder Beziehung für die heutige Zeit vorbildlich fein sollten. Aber mir scheint, daß die. modernen Forderungen der Kulturwelt auf eine Neuordnung der sexuellen Beziehungen im Grundsätze der jüdischen Anschauung Näher stehen als der christlichen. Und dieser Grundsatz ist die Anerkennung der Ecschlechtsbeziehungen und des Geschlechtslebens als einer positiven, von der Kultur anzuerkennenden und zu regelnden, aber nicht zu unterdrückenden Erscheinung. Gewiß hat auch das Judentum einer Ueberwertung des Sexuallebens widersprochen, aber es hat niemals das Sexualleben als solches in Frage gezogen. Dies vorausgesetzt, hat der jüdische Religionslehrer es schwerer als der christliche. Der christliche kann sich darauf beschränken, den Geschlechtsverkehr als etwas Tierisches, dem höheren Streben des Menschen Widersprechendes hinzustellen, er kann das Ideal der Keuschheit predigen und alle Erscheinungen des modernen gesellschaftlichen Lebens, die dem nicht entsprechen, als unchristlich, unmoralisch abtun. So weit eine Aufklärung über sexuelle Dinge in Frage kommt, gehört sie nach dieser Auffassung nicht in den Nahmen eines Neligionsunterilchtes, sondern in den Nahmen des naturgeschichtlichen Unterrichtes, uno sie erstrebt auch weiter nichts, als eine verstandesgcmäße Informierung über das geschlechtliche Leben, über.Zeugung und Fortpflanzung, aber keine geistig-sittliche Auswertung. Wir wissen alle, daß der gesamte Schulunterricht bisher nicht cinmal das leistet, daß er nur äußerst widerwillig auch an diese primitive Form der Aufklärung herangeht und daß auch bei freieren Geistern über diese Art der Aufklärung nicht hinausgegangen wird.' Auch hierbei muß man allerdings sagen, daß der jüdische Religionslehrer sich seinen christlichen Kollegen sehr stark assimiliert hat und daß im liberalen Unterricht de sexualilnis nirijt gesprochen wird. Das war aber nicht immer so. Es ist bekannt, daß in der altjüdischen Erziehung bereits das Kind die Abschnstte im Talmud und im Schulchan Aruch, die über das Sexualleben und die Ehe handeln, lerne mußte und daß — rein theoretisch — der '>) Wie z. B. Förster (Sexualethik und Sexualpädagogik), der auch in jüdischen Lehrerkrcisen beliebt ist. , : ■ Nummer 5 Jude schon sehr frühzeitig und sehr freimütig sexuelle Fragen behandeln lernte. Freilich zeigte diese Art der Behandlung, daß das reine Wißen noch keine sexuelle Erziehung bewirk*. und es zeigt ferner, daß diese frühzeitig erworbenen Kenntnisse die Moral des jüdischen Jünglings sicher nicht verschlechtert haben. Nun werden wir diese alte Form der sexuellen Aufklärung, wi? sie unsere Väter betrieben, heute nicht mehr nachahmen können' aber auch hier kommt cs nicht auf Einzelheiten, sondern auf den Grundsatz an, daß nämlich die Behandlung sexueller Themata durchaus in den Nahmen des jüdischen Unterrichts gehört. Wenn wir dies aber anerkennen, müssen wir uns darüber klar werden, wie weit das Verständnis und die Fassungskraft des Jugendlichen für diese Fragen reicht. Dabei müssen wir unterscheiden zwischen dem Kinde vor der Pubertät und dem Pubertierenden. Ich kann mich hier nicht eingehend über die Psychologie des Kindes und des Jugendlichen verbreiten, sondern muß auf die Literatur und die Erfahrung verweisen. Nur kurz will ich ein paar wichtige Punkte . andeuten. Das Kind vor der Pubertät ist im wesentlichen asexuell/ Wir brauchen uns hier nicht in einen terminologischen Streit darüber einlassen, ob alle Lustempfindungen im Äindesalter, die nicht der Selbsterhaltung dienen, als Sexualempfin-/^ düngen angesehen werden müssen, wie es die alte Freudsche>tz/ Schule tut. wir können auch zugeben, daß schon beim Kinde weibliche und männliche Merkmale im Körperbau und in der Charakterentwicllung hervortrcten. Aber darin stimmen doch alle Psychologen überein, daß die eigentliche Begartungstendenz und die damit zusammenhängenden Affekte dem Kinde fernliegen und erst in der Pubertät — und als ihr charakteristisches Zeichen — bewußt werden. Ich bin deshalb der Ansicht, daß es viel leichter ist, Kinder vor der Pubertät sexuell aufzuklären, als Pubertierende. Dem Kinde fehlt in sexuellen Fragen die Affektbetonung, es nimmt das Wissen darüber zur Kenntnis wie jedes andere Wißen, es bleibt im wahrsten Sinne des Wortes rein, ja es versteht nicht einmal die Wertungsunterschiede, die unsere Kultur auf sexuellem Gebiet eingeführt hat. Daraus erklärt es sich auch, daß die Behandlung der sexuellen Vorschriften im alten jüdischen Unterricht die Moral in keiner Weise beeinträchtigen konnte. Es ist im Gegenteil nur gut, wenn die Aufklärung schon zu einer Zeit erfolgt, in der der eigene Affekt noch nicht dadurch ausgelöst wird. Es ist deshalb falsch, mit der sexuellen Aufklärung zu warten, bis das Kind in das Pubertätsalter^. eintritt. Dann ist die Aufklärung gerade besonders schwierig,^) weil dann die Unbefangenheit des Kindes gewichcn ist. Der Pubertierende wehrt sich oft geradezu dagegen, weil für ihn das sexuelle Gebiet mit vielen neuen, noch unfaßbaren, unsicheren Gefühlen behaftet ist. Darin liegt zugleich die Möglichkeit und die Begrenzung der Behandlung sexueller Themen mit Kindern. Wir werden dem Kinde Wissen über sexuelle Dinge geben können, wir werden aber das Kind nicht sexuell erziehen können. Die sexuelle Auf-' klärung gehört in das Kindesalter, die sexuelle Erziehung in das Pubertäts- und Jugendalter. Sexuelle Aufklärung heißt dabei Information über die Tatsachen des Geschlechtslebens, sexuelle Erziehung heißt aber Lösung der Problematik des Geschlechtslebens. Im Religionsunterricht werden genug Stoffe hervortreten, die eine Erörterung sexueller Fragen notwendig machen. Gemeinhin wird dem ausgewichen. Wenn nun auch die erste Aufklärung von den Eltern ausgehcn sollte, so darf doch der Religionsunterricht daran nicht vorübergehen. Die Erschaffung eines Mannes und eines Weibes als erste Ursvrünge des Menschengeschlechts gibt allein schon Veranlassung, über Begattung und Zeugung . zu sprechen. Es ist bekannt, in welchem Ausmaße und in welcher Unbekümmertheit und Ehrlichkeit die geschlechtlichen Beziehungen in der Bibel erörtert Jüdische Schulzeitung.