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Jüdische Schulzeitung · 1931-05-15 · 5 (15.5.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
7 (1931)
Issue
5 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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' '' ■ / ' . Nummer 5 ^.Jahrgang Monalsschrisl für Pädagogik und SchulpoMik Herausgegcben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Monalsschrisl sür Pädagogik und SchulpoMik Die „Jüd.Schu>lzeitttllg" erscheint um den 15. eines jedenMonats und wird allen Mitgliedern der deni „Reichsverband der jüdischen Lehrervercine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — 'Post-Bezugspreis für Nichtmitglicder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. Mai 1931 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Leßmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Tel.: Sammelnummer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg Anzeigenpreis 40 sür die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Die Berücksichtigung des sexuellen Problems im jüdischen Religionsunterricht von Medizinalrat Dr. F r i tz N o a ck, Gotha. Freizeit und Berus von Adelsheim er, Stuttgart (Schluß). Exegetisches von Unikower, Baisingen. Mary Marcus zum Andenken von A. R e u h a u s. Literarisches. Q Die Berücksichtigung des sexuellen Problems im jüdischen Religionsunterricht. Von Medizinalrat Dr. Fritz Noack. Wenn der Religionsunterricht nicht nur Kenntnisse über jüdische Religion vermitteln, wenn er wirklich eine Wirkung aus die religiöse Erziehung des jungen Menschen haben will, dann darf er am sexuellen Problem nicht Vorbeigehen. Jede Religion, ganz besonders aber die jüdische, will die gesamten Lebensäußerungen des Menschen unter einen höheren Gesichtspunkt stellen, will den Menschen einordnen m ein System höherer weltanschaulicher Zusammenhänge.. Sie darf daher eine entscheidende, so zentrale Lebensäußerung wie oen Geschlechtstrieb, der für die Entwickelung des Individuums und für die Erhaltung der Menschheit von überragender Bedeutung ist. nicht vernachlässigen. Die jüdische Religion hat das auch nie getan. Unsere religiöse Tradition ist voll von Erörterungen über Wesen und Bedeutung des Geschlechtslebens, sie versucht das Geschlechtsleben einzubeziehen in das gesamte Lebenssystem und gibt Vorschriften für seine Regelung. Darüber hinaus wird aber das Mysterium der Geschlechtsliebe und der Zeugung — wie in jeder Religion — auch in der unsrigcn zu einer Quelle religiösen Empfindens überhaupt. Der Begriff der Hingabe, der Ekstase, des Heraustretens aus der Enge der Individualität in eine Wesenheit höherer Ordnung ruht sehr stark auf der Tatsache des Geschlechtserlebnisses, das den ersten Grad der individuellen Selbstaufgabe darstellt. W^r nur eine Spur religiösen Empfindens hat, muß die enge Beziehung des religiösen Erlebnisses zum Zcugungsakt verstehen. Rur so wird es klar, wie etwa die Aufnahme des Hohenliedes in den Kanon der Bibel möglich werden konnte. Von den jüdischen Eesetzeslehrern wurde das Verhältnis des Menschen zu Gott geradezu unter dem Bilde des Verhältnisses des Liebenden zur Geliebten . gesehen. Diese erotische Einkleidung des Gotteserlebnisses, die sich auch in Reden der Propheten, in zahlreichen religiösen Liedern, besonders der jüdischen Mystik, wiederfindet, ist durchaus keine spezifisch jüdische Eigenart. Wir finden in der Bibel den Geschlechtsakt als eine Handlung des heidnischen Gottesdienstes') erwähnt, wobei ich an den Begriff der Kedcfcha, des sich aus religiösen Gründen wahllos hingebenden Weibes erinnere, wir finden die gleiche Einrichtung auch bei anderen Religionen aller Zeiten. Der Astartedienst bei den Babyloniern*), ') Die gottesdienstliche Prostitution war in Israel selbst streng verboten. ') Vgl. Herodot I, 199. Mysterienreligionen bei den Griechen, Römern und Aegyptern. mystische Bewegungen, wie die der Wiedertäufer zur Zeit der religiösen Umwälzungen im Mittelalter, gleichzeitig mit der jüdisch-mystischen Bewegung des Sabbatai Zwi, d'e ebenfalls sehr stark erotisch durchsetzt war, zeigen uns immer wieder die Zusammenhänge von Eros und Religion. Und wenn gerade in unserer Zeit das erotische Erlebnis Gegenstand piner neuen Problematik geworden ist, wenn eine Befreiung von alten Dogmen, von der Erstarrung in den Beziehungen der Geschlechter verlangt wird, so ist das keineswegs abzutun mit moralischen Verurteilungen, sondern es ist ein Zeichen dafür, daß wir uns in einer Zeit nicht nur sozialer, sondern auch religiöser Neuorientierung befinden, die — wie das immer geschieht — die wichtigste und ursprünglichste Beziehung des menschlichen Lebenneu zu gestalten sucht. Gerade dies bringt aber in die sexuelle Erziehung eine gewisse Unsicherheit. Sexuelle Erziehung kann man nur leisten, wenn man eine klare sexuelle Anschauung, ein sexuelles Ideal hat. Es tritt naturgemäß eine gewisse Unsicherheit ein: wenn das bisher anerkannte Ideal strittig wird. Erste Aufgabe des Sexualerziehers ist es daher, sich selbst eine Anschauung zu bilden über das Sexualproblcm und sich mit den Fragen, die auftauchen, auseinanderzusetzen. Nun ist nicht zu verkennen, daß zwischen dem jüdischen Sexualideal und dem gegenwärtig herrschenden ein gewisser Widerspruch besteht. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Weltanschauung. die unserer heute geltenden sexuellen Gesetzgebung zugrunde liegt, nicht die jüdische, sondern die christliche ist. Das christliche Scxualideal ist aber das der Askese, lein Grundsatz ist der von Paulus ausgesprochenes) „Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib berühre . . . Aber um der Hurerei willen habe ein jeglicher sein eigen Weib, und eine jegliche habe ihren eigenen Mann " Der leibliche Geschlechtsverkehr wird als etwas Schändliches abgetan und die Ehe nur als das kleinere Uebel gestattet. Er folgt daraus, daß die Gewinnung positiver Kulturwerte aus dem Geschlechtlichen dem Christentum fern liegt. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß das erotische Moment in der christlichen Mystik keine Nolle spielt, im Gegenteil, wir finden bei vielen Heiligen, ja bei ganzen geistlichen Orden das Verhältnis zu Gott erotisch eingehüllt,') Aber die Betätigung des Geschlechtstriebes wird im allgemeinen negativ gewertet. Damit steht unsere Ehegesctzgebung in Zusammenhang, die vom Grundsatz der Unauflöslichkeit der Ehe ausgeht. Wenn heute von einer Revolution der sexuellen Moral gesprochen wird, so richtet sich diese Revolution durchaus gegen die christlichen Anschauungen der Askese, die auch in der Tat sich als lebensfremd erwiesen und mit dem wirklichen Leben stets in Widerspruch gestanden haben. Eine An- 2) 1. Korintherbrief. Kap. 7. 4) Vgl. die Bezeichnung „Braut Christi" für- Nonnen und Aufnahmemysterien in Form einer mystischen Eheschließung.

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